https://www.faz.net/-gqz-vbsf

„Forum am Freitag“ : „Der Koran ist eine Idealvorstellung“

Das erste „Forum am Freitag” mit Lamya Kaddor Bild: ZDF

Muslimische Mitbürger den Islam erklären lassen: Das will das „Forum am Freitag“, das das ZDF von jetzt an regelmäßig auf seiner Internet-Seite zeigt. Der Auftakt mit der Islamlehrerin Lamya Kaddor war jedenfalls vielversprechend.

          Früher habe sie sich wegen ihres muslimischen Glaubens verteidigt, heute erkläre sie ihn, sagte die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor am Ende des ersten, zehn Minuten währenden Beitrags im neuen „Forum am Freitag“ des ZDF im Internet. Damit hatte die Deutsche syrischer Abstammung mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht, welche Stoßrichtung das nun freigeschaltete neue Onlineangebot verfolgt: Über den Islam informieren, Zusammenhänge zwischen politischem Tun und religiöser Begründung erläutern und über die Integration von Muslimen in Deutschland diskutieren - und zwar ohne Vorurteile oder gar Vorverurteilungen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Internetseite hält ein Diskussionsforum, ein Islamlexikon und Porträts der beteiligten Autoren und Sprecher bereit. Ihren Kern aber bildet die fünf- bis zehnminütige Sendung, in der von nun an jeden Freitag von 16 Uhr an eine vom ZDF ausgewählte muslimische Persönlichkeit zu einem aktuellen Thema spricht. Mit Lamya Kaddor als erstem Gast der Sendung hat die Redaktion viel Geschick bewiesen: In Nordrhein-Westfalen, das im Jahr 1999 als erstes Bundesland den Islamunterricht an Schulen einrichtete, ist sie seit mehreren Jahren als Lehrerin dieses Faches tätig und bildet außerdem an der Universität Münster künftige islamische Religionslehrerer aus - fast wirkte es so, als wolle das ZDF mit seiner Einladung Partei für das nordrhein-westfälische Unterrichtsmodell ergreifen.

          Das Kopftuch sei obsolet

          Selbstsicher, kompetent und sympathisch beantwortete die Dreiunddreißigjährige Fragen des Moderators Kamran Safiarian über den Sinn und Zweck des Islamunterrichts an deutschen Schulen und erzählte von ihrer Lehrtätigkeit. Mit Verwunderung hätten viele Schüler und Eltern darauf reagiert, dass sie kein Kopftuch trage - das Kopftuch sei vor mehr als tausend Jahren den Frauen als Schutz anempfohlen worden und sei ihrer Meinung nach in dieser Funktion unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen obsolet, erklärte sie.

          Als Muslima und deutsche Staatsbürgerin sehe sie es als ihre Plicht an, etwas gegen die Angst und das Fremdheitsgefühl zu tun, mit dem viele auf den Islam reagierten. Während bei öffentlichen Debatten der Islamunterricht an Schulen immer wieder als Möglichkeit angeführt wird, muslimische Schüler vom Besuch privater Koranschulen abzuhalten, hob Lamya Kaddor das Potential einer inhaltlichen Verbindung von Koranschule und Islamunterricht hervor. In der Koranschule lernten die Schüler die arabischen Schriftzeichen, um den Koran lesen zu können. Im Islamunterricht lernten sie, wie die Inhalte des Korans zu verstehen seien und welche Probleme sich möglicherweise daraus ergeben.

          Sinnvolles Angebot

          Nach der Sendung bestand die Möglichkeit, mit Frau Kaddor zu chatten - sechsundzwanzig Internetnutzer nahmen dies wahr. Beim Frage-und-Antwort-Spiel ließ sich mehr über den Islam erfahren, als man es von den üblicherweise recht aufgeregten Fernsehdebatten kennt. Ob die historisch-kritische Exegese im Islamunterricht eine Rolle spiele? Antwort: „Die historisch-kritische Lesart spielt natürlich schon eine Rolle, aber eine altersgerechte. Natürlich müssen Zeitpunkt, Umstände und Gesellschaft der damaligen Zeit berücksichtigt werden, um die Entstehung des Koran und seine göttlichen Aussagen zu verstehen.“

          Ob der Koran für Muslime als direkt von Allah gegeben über unserem Grundgesetz stehe? „Das Grundgesetz ist unser Staatssystem, und der Koran eine Idealvorstellung von einem Gottesstaat, den es nirgendwo auf der Welt gibt. Deshalb stellt sich mir diese Frage überhaupt nicht.“ Ob sie wolle, dass sich die Muslime integrieren oder der Islam? „Natürlich möchte ich, dass sich Muslime integrieren, allerdings muss man Ihnen auch Angebote seitens der Mehrheitsgesellschaft machen.“

          Dieser Anfang war jedenfalls verheißungsvoll. Mit seinem „Freitags-Forum“ hat das ZDF ein sinnvolles Angebot gemacht, von dem alle Seiten nur profitieren können.

          Weitere Themen

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Das Albtraumschiff ist ausgebucht

          „Passagier 23“ bei RTL : Das Albtraumschiff ist ausgebucht

          Bei RTL läuft der Thriller „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“. Der Film beruht auf einer Romanvorlage von Sebastian Fitzek. Bei der Umsetzung musste der Sender Vorsicht walten lassen.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          FAZ Plus Artikel: Anschlag in Straßburg : Hass auf Frankreich

          Der mutmaßliche Attentäter von Straßburg steht für eine entwurzelte Einwanderergeneration, die in den Parallelgesellschaften der Vorstädte von klein auf mit Gewalt aufwuchs. Vom Schulversager zum Terroristen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.