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Fontanes „Unterm Birnbaum“ : Es reichte nicht für dieses Leben

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Julia Koschitz als von Schuldgefühlen geplagte Ursel Hradschek in Fontanes „Unterm Birnbaum“. Bild: ZDF und Hannes Hubach

Pünktlich zum 200. Geburtstag will eine neue Verfilmung von Theodor Fontanes „Unterm Birnbaum“ de Novelle als Krimidrama beleuchten – mit, immerhin, seelendramatischen Erfolg.

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          Am 30. Dezember 2019 jährt sich Theodor Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Mit „Unterm Birnbaum“, einem Nebenwerk, das wenig vom literarischen Realismus der großen Romane wie „Frau Jenny Treibel“ oder „Der Stechlin“ ahnen lässt, eröffnen die koproduzierenden Sender Arte und ZDF das Jubeljahr steigerungsfähig. Die 1855 veröffentlichte Novelle gilt den meisten Fontane-Exegeten als in seinen Standesbeschränkungen überholt. Übersinnliches, Moritatenhaftes, Gesellschaftliches, Historisches, Psychologisches und anthropomorphisierende Landschaftserzählungsmomente werden in „Unterm Birnbaum“ etwas umständlich zusammengeführt. Die Geschichte erinnert an E. A. Poes „Das verräterische Herz“.

          Zugrunde liegt eine wahre Begebenheit. Vom Fund des Skeletts eines toten Soldaten erzählt Fontane im Brief an seine Schwester, er macht daraus eine Mordgeschichte, die in der Illustration des Spruchs „Es ist nichts so fein gesponnen, ’s kommt doch alles an die Sonnen“ mündet. Annonciert wird die neue Verfilmung – es gibt eine ältere WDR-Produktion – zudem niedrigschwellig als „Krimidrama“. Das lässt ähnliche Klitterung und selbigen Bearbeitungsfuror erwarten wie in den letzten Siegfried-Lenz-Verfilmungen, in denen zugunsten hinzuerfundener Thrillermomente erzählungspsychologisch kein Motiv auf dem anderen blieb.

          Das Ende im Strick

          „Den finden wir nicht mehr“, resümiert denn auch der Staatsanwalt am Morgen nach der unheimlichen Sturmnacht, in der im Landhotel der Hradscheks im Oderbruch ein fast perfekter Mord geschah. Schulze (Peter Schneider), Veranstalter illegaler Pokerrunden, war, wenn man den Hoteliers Ursel und Abel Hradschek (Julia Koschitz und Fritz Karl) glaubt, in aller Herrgottsfrüh noch betrunken aufgebrochen. Jetzt liegt der teure Wagen in der Oder, samt Protzlederjacke und Basecap, unter der man das Gesicht des Abreisenden im Dämmerlicht kaum gesehen hat.

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          Der Mann bleibt verschwunden. Ein Unglück, unvorhersehbar wie das Wetter, lautet die offizielle Version. Nur der Ortspolizist Geelhaar (Devid Striesow) bleibt skeptisch und verhaftet Hradschek vorläufig. Kam dem hochverschuldeten Abel, dessen heruntergewirtschaftete Herberge Bände spricht, nicht Schulzes Geldkoffer sehr zupass? Zumal Ursel, die selbst das Grab ihres totgeborenen Kindes mit halsbrecherischen High Heels und in maskenhaftem Make-up besucht, keines ihrer seidenen, mit teurer Spitze besetzten Kleider zweimal trägt.

          Die Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer konzentriert sich auf die Abgründe und Motive des verbrecherischen Paares, das, einer nach dem anderen, an seiner Schuld zugrunde geht, und spinnt diese in ein toxisches Beziehungsgeflecht, welches am Ende nur als Strick aufgehen kann. Damit macht sie aus Fontanes gemischter Vorlage einen sinnhaften Erzählzusammenhang, den zudem Julia Koschitz und Fritz Karl eindrucksvoll lebendig werden lassen.

          Vom vorgezeichneten Weg zur Überdosis

          Uli Edel inszeniert das Buch als eher bescheidenen Film, was freilich Katharina Thalbachs Rolle der hexenhaften alten Jeschke über die Maßen entgruselt. Hier sind überhaupt Verluste zwecks Vereindeutigung zu beklagen. Thalbachs Verkörperung besteht in kaum mehr als Augenrollen und Suche nach ihrem schwarzen Kater; sämtliche historischen Anspielungen, überhaupt der Nutzen der historischen Betrachtung, sind getilgt. Dem aufrichtigen Pfarrer Eccelius, den Boris Aljinovic als sanftmütigen moralischen Kompass spielt, fehlt der Glaubensbezug. Und der Birnbaum? Seine Symbolik ist verrottet. Schuld ist Sache bloßer Innerlichkeit.

          Dass die beiden Hradscheks „über ihre Verhältnisse“ leben, ist bekannt im Oderbruchdorf. Geelhaar bleibt hartnäckig. In der Nacht hat Abel, der Himmel von zuckenden Blitzen erhellt, verfolgt von Jeschkes Augen unter dem herrlich tragenden Malvesier einen Sack vergraben. Eine falsche Spur, denn unter dem Baum liegt zwar ein Toter, aber schon seit Jahrzehnten, wie die Untersuchung ergibt. Vermutlich ein Soldat der Roten Armee, heißt es. Dass bei der Ausgrabung eine Art Brustharnisch ans Licht befördert wird, mag eine Reminiszenz an die alte Vorlage sein, in der Schulze noch ein polnischer Geldeintreiber namens Szulski war, der mit den Honoratioren des Dorfes in Hradscheks Gaststube allerhand jüngere russisch-polnische Geschichte erörterte. Der Tote unterm Birnbaum, der den Hradscheks ihr Alibi gibt, war einst ein Franzose, nun ist er Sowjet.

          Mit den Folgen der Tat aber lässt sich nicht weiterleben. Ursel, die beim Seelenamt im Haus Gottes vor der versammelten Gemeinde den Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) zu lesen beginnt, sieht den Ermordeten am Ende des Kirchenschiffs und erstarrt. Der Weg der Mörderin zur Überdosis ist vorgezeichnet, seelendramatisch ist der Film gelungen. Hervorzuheben sind die altmeisterliche Lichtsetzung und die exquisite Bildgestaltung von Hannes Hubach. Vielleicht wird die zeitgenössisch verinnerlichte Moritat am Ende des Fontane-Jahres zu den besseren Produktionen zählen.

          Unterm Birnbaum, heute um 20.15 bei Arte; am kommenden Montag um 20.15 Uhr im ZDF und in der Mediathek.

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