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TV-Sender Arte in der Kritik : Eher unbeschreiblich als weiblich

Unerwarteter Gegenwind: Der Kultursender Arte Bild: dpa

Was tun gegen die fehlende Repräsentation von Regisseurinnen? Der TV-Sender Arte versucht es mit einem Wettbewerb für Frauen, die selbst finanzierte Kurzfilme einreichen sollen – und verärgert die, die er unterstützen will.

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          Arte wollte weibliche Filmschaffende einmal ausdrücklich fördern und hatte eine Idee: Der deutsch-französische Kultursender lobte Ende Oktober einen „Kurzdokumentarfilmwettbewerb für Filmemacherinnen“ aus. In Deutschland und Frankreich würden „Regisseurinnen gesucht“, hieß es da. Doch was entsteht daraus? Ein Fall von „Wie man’s macht, man macht’s verkehrt“ oder „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ – je nachdem, wen man fragt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Statt der erhofften Bewerbungen bekam Arte nämlich einen offenen Brief zugesandt. Aufgesetzt von der Berliner Regisseurin und Autorin Pary El-Qalqili und der Regisseurin und Filmeditorin Biene Pilavci, mitgezeichnet von dem Bundesverband Regie (BVR), Pro Quote Bühne, First Steps, Crew United, der AG Dok Nord und dem Label Noir; dazu mehr als 650 Unterzeichnerinnen aus der deutschen Filmbranche: Mit „großer Irritation“, heißt es da, habe man die Ausschreibung gelesen. „Wir bezweifeln, dass Arte mit dieser diskriminierenden Initiative die unzureichende Repräsentation von Regisseurinnen ändern wird.“

          Dabei wollte man bei Arte genau das und hatte deshalb in seiner Ausschreibung fast rhetorisch fragend festgestellt: „Fakt ist, dass viel zu wenig Dokumentarfilme von Frauen auf Arte gezeigt werden. Ganz besonders gilt dies für die Primetime. Und das, obwohl viele extrem talentierte und sehr engagiert arbeitende Filmemacherinnen sich an Journalismus- und Dokumentarfilmschulen ausbilden lassen. Warum nur zeichnet sich diese Realität bisher nicht auf den Bildschirmen ab?“ Auch sei das Genre Dokumentarfilm nicht vollständig, wenn ihm der weibliche Blick fehle.

          (Selbst)ausbeuterische Arbeitsweise

          Also sollten Regisseurinnen die Möglichkeit erhalten, „die Welt auf ihre ganz spezifische Weise zu erzählen“. Das heißt aber in diesem Fall, am Ende des Wettbewerbs – eine Regisseurin; last woman standing. „Filmemacherinnen über 18“ wurden aufgerufen, einen kurzen Dokumentarfilm (mindestens sieben, höchstens zwölf Minuten) zum Thema „Unbeschreiblich weiblich“ einzureichen. Zehn der unentgeltlich entstandenen Filme will der Sender ausstrahlen und in der Mediathek anbieten. Der Gewinnerin winkt ein „Entwicklungsvertrag für ein 52-minütiges Dokumentarfilmprojekt“.

          Der offene Brief, der sich mit dem Hashtag #wirwarenimmerda schmückt, zerpflückt die Ausschreibung. Er kritisiert die geforderte unentgeltliche kreative Vorleistung und die Reduktion des Beitrags der Regisseurinnen auf ihre Weiblichkeit. Das Ziel, „strukturelle gleichberechtigte Teilhabe“ zu fördern, werde verfehlt. Zudem ignoriere Arte mit der expliziten Ansprache von Nachwuchsregisseurinnen „die Existenz mehrerer Generationen qualifizierter Regisseurinnen“. Die Ausschreibung fördere eine „(selbst)ausbeuterische Arbeitsweise, von der erneut diejenigen ausgeschlossen sein werden, die sich ein selbstfinanziertes Filmprojekt nicht leisten können“. Man erwarte, „dass Arte als europäischer Kultursender mit Vorbildfunktion Verantwortung für die Produktionsbedingungen übernimmt“.

          Arte äußerte umgehend Bedauern: Der „teils unscharf formulierte Teilnahmeaufruf“ habe bewirkt, dass die Absicht des Wettbewerbs „missverstanden“ worden sei. Eigentlich habe man schlicht „neue weibliche Talente“ gewinnen wollen. Dass sich Arte „in der Förderung der beruflichen Gleichstellung und der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft“ engagiere, spiegele sich im „Unternehmensplan als auch im Programmangebot“ wider. Man wolle zudem zwar den Nachwuchs fördern, begrenze den Teilnehmerinnenkreis aber nicht. Der Aufruf wende sich „an alle Filmemacherinnen ab 18“. Am Ende muss Nina Hagen herhalten: Das Metathema „Unbeschreiblich weiblich“ lehne sich als Motto an ihren Song mit demselben Titel an, in dem Hagen die Selbstbestimmung von Frauen beschwöre und sich von der konventionellen Frauenrolle distanziere.

          Fraglich bleibt trotz aller Anstandsbekundungen, ob man mit einem solchen Wettbewerb „der Kreativität der Filmregisseurinnen gerecht“ wird und es schafft, sie damit abzubilden. Fraglich ist auch, ob man überhaupt der Arbeit der Kreativen gerecht wird, indem man eine „Förderung“ auf Selbstausbeutung gründet und zu einem Rennen um – noch nicht mal die besten – Sendeplätze macht. Vielleicht neigt sich gar die Ära dieser Art „Preisausschreiben“ als Instrument der „Förderung“ von Talent bald ihrem Ende entgegen? Damit wäre nicht nur den Kreativen, sondern auch den Verantwortlichen fürs Programm geholfen.

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