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Flucht aus der DDR : Was macht man mit jungen, wilden Pferden?

Sie haben über ihre Flucht nicht lange nachgedacht, doch nun gibt es kein Zurück Bild:

Pro Sieben zeigt, wieso junge Menschen unter Lebensgefahr aus der DDR flohen: „Go West. Freiheit um jeden Preis“, angesiedelt im Frühjahr 1984, ist für ein junges Publikum konzipiert. Ein Film voller Action, in dem es um den Wunsch nach Freiheit und um Freundschaft geht.

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          Wenn man die drei da so losbrechen sieht, auf dem Werbeplakat von Pro Sieben, könnte man denken, sie wären die neuen Stürmer einer Fußballmannschaft. Die Gesteinsbrocken fliegen ihnen um die Ohren, mit Kopf und Faust fegen sie durch die Mauer, jugendliche Urgewalt. „Go West. Freiheit um jeden Preis“ steht darunter geschrieben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch so schnell stürmen die drei Jungs nicht gen Westen. Frank Korbach (Sergej Moya) träumt von einer Schauspielkarriere und will sich gar nicht absetzen. Er fährt seine Freunde Thomas (Franz Dinda), der vor dem NVA-Dienst flieht, und Alex (Frederick Lau), der seiner krebskranken kleinen Schwester helfen will, nur aus alter Verbundenheit gen Grenze, im Wagen seines Vaters (Herbert Knaup), der Major bei der Stasi ist, seinem Sohn aber bis dahin weisgemacht hat, er wäre nur mit der Ablage von Akten befasst. Bald steht Major Korbach vor dem Wrack des Wagens. Der Versuch der Jungs, über die Grenze zu kommen, ist gescheitert; doch auf der Flucht sind sie weiter, bald mit Hilfe des Schleusers Max Steiner (Jan-Gregor Kremp), der in der Szene „das Wiesel“ heißt. Eigentlich hatte er sich zur Ruhe gesetzt, auch der Tochter Maria (Inez Björg David) wegen. Steiner organisiert falsche Papiere, es wird eine wilde Hatz, aus der DDR nach Prag und schließlich nach Belgrad. Major Korbach und Leutnant Heinrich Frey (Matthias Koeberlin) sind auf die Flüchtigen angesetzt, der Leutnant ist, wie sich von Beginn an zeigt, ein Mann für den kurzen Prozess und den schnellen, tödlichen Schuss.

          Der Wunsch nach Freiheit

          An Geschichten über die Flucht aus der DDR herrscht im deutschen Fernsehen seit Jahren kein Mangel. Das vielleicht eindrucksvollste Melodram hat vor zehn Jahren schon Roland Suso Richter mit dem Sat.1-Zweiteiler „Der Tunnel“ abgeliefert. Der Schwestersender Pro Sieben wählt nun eine neue Erzählweise. „Go West“, angesiedelt im Frühjahr 1984, ist für ein junges Publikum konzipiert, ein Film voller Action, in dem es um den Wunsch nach Freiheit, um Freundschaft geht und - um Verrat, den einer der Freunde begeht. Die DDR erscheint hier schlicht als das, was sie war: ein Unrechts- und Überwachungsstaat mit Schießbefehl, eine von sich selbst entfremdete, kasernierte Gesellschaft, kein Arbeiter- und Bauernparadies, dessen einstige Herrschaftspartei sich in ihrer Nachfolgeform heute noch in Beschwichtigung ergeht, sondern ein perverses System.

          Mit dem rechnet der Regisseur Andreas Linke ohne ideologische Überhöhung ab, indem er sich ganz auf seine Figuren konzentriert, deren Leben von einem Augenblick auf den anderen aus den Fugen gerät. Aus drei jungen Männern und einer jungen Frau werden Staatsfeinde, die unnachgiebig verfolgt werden. Sie haben über ihre Flucht nicht lange nachgedacht, doch nun gibt es kein Zurück.

          Aufwendige Dreharbeiten

          Die Hauptdarsteller spielen ihre Parts bravourös. Wie sehr wünscht man sich, dass gerade das Privatfernsehen, das es vor allem auf Jüngere abgesehen hat, diesen im Programm häufiger die Chance böte, in einem solch packenden Stück aufzutreten. Nicht von ungefähr hat Sergej Moya schon einen Ophüls-Preis, haben Franz Dinda und Frederick Lau einen Deutschen Fernsehpreis eingesammelt und hat Inez Björg David sich aus der Seifenoper „Verbotene Liebe“ in den Vordergrund gespielt. Hier zeigen sie, was sie können, hier fehlt es an nichts, die Dreharbeiten waren aufwendig, die Szenerie stimmt. Die Unwahrscheinlichkeiten dieser Fluchtgeschichte nimmt man gern in Kauf.

          Bei „Spiegel Online“ ist dieser Tage die Geschichte eines neuen Mauerschützenprozesses nachzulesen. Zweiundzwanzig Jahre, nachdem der junge Chris Gueffroy in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 an der Berliner Mauer mit einem Schuss ins Herz getötet wurde, haben Schüler der Hamburger Sophie-Barat- Schule, organisiert von dem Journalisten Roman Grafe, den ersten Mauerschützenprozess nachgestellt. Der damals dreiundzwanzigjährige Grenzsoldat, der auf seinen Alterskameraden anlegte, wurde vom Bundesgerichtshof zu einer zweijährigen Strafe auf Bewährung verurteilt. Chris Gueffroy war der letzte Flüchtling, der an der Mauer erschossen wurde. Er sei ihr manchmal wie ein „junges, wildes Pferd“ erschienen, erzählte seine Mutter Karin Gueffroy damals bei ihrer Vernehmung. „Was macht man mit jungen, wilden Pferden, die man nicht einfangen kann?“, habe ein Uniformierter gefragt. Karin Gueffroy gab zurück: „Man erschießt sie einfach?“ Der Vernehmer habe genickt, heißt es in dem Buch, das Roman Grafe darüber geschrieben hat.

          Vier Jahre ohne Bewährung gibt es jetzt für den Schützen - die Hamburger Schüler urteilen härter als einst der BGH. Für ihre Generation ist der Film „Go West“ gemacht.

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