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„Flaneur“-Festival : Die Jungen wollen mit China nichts zu tun haben

  • -Aktualisiert am

Metabolistisch: Die Performance-Künstlerin Sheryl Cheung griff für ihre Vorführung auf Äste aus dem Tiergarten zurück. Bild: Diana Pfammatter

Im Haus der Kulturen der Welt wurde eine Zeitschrift „aufgeführt“: Das Flaneur-Festival ist ein gelungenes, medienpolitisches Experiment.

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          Seit sieben Jahren reist eine kleine Gruppe Berliner um die Welt, verbringt zwei Monate am Stück in genau einer interessanten Straße und mit deren Bewohnern und macht daraus ein Magazin. Das Heft heißt „Flaneur“, die bisherigen Destinationen waren zum Beispiel der Moskauer Boulevardring, die Montrealer Rue Bernard oder die Treze de Maio in Sao Paolo.

          Den Flaneuren geht es um eine literarische, vielschichtige Begegnung mit jenen Orten, kulturell, geographisch, ästhetisch, politisch. In engster Zusammenarbeit mit lokalen Persönlichkeiten entsteht ein wildes, oft weit über zweihundert Seiten dickes Heft, das in jeder Hinsicht beeindruckt. Weltoffenheit, Themengespür, redaktionelle Qualität und kultursensible Gestaltung erlauben den konzentrierten Zugang zu nahen und fernen Wirklichkeiten, geben Raum für unbekannte Erzählungen, ohne den fragmentarischen Blick des Flaneurs zu vernachlässigen. Zur Veröffentlichung des diesjährigen Magazins nahm die Redaktion von „Flaneur“ am vergangenen Wochenende das Haus der Kulturen der Welt in Beschlag und veranstaltete, entlang den Inhalten des Printprodukts, ein Festival mit Filmen, Gesprächsrunden und künstlerischen Performances.

          Die neue Ausgabe des Heftes spielt in der Hauptstadt des Inselstaates Taiwan, dem bevölkerungsreichen Taipeh. Die dortige Kanding Road / Wanda Road, welcher der genaue Blick gilt, kreuzt den Bezirk Wanhua an der Grenze zu New Taipeh City und ist diesmal vor allem ein assoziativer Ausgangspunkt, denn die Wucht und Themenvielfalt der ostasiatischen Großstadt überwältigen schnell. „Flaneur“ zeigt, dass sich gerade im Kontext der andauernden Massenproteste in Hongkong der Blick auf Taiwan lohnt. Sowohl die Vergangenheit als auch die politische und ästhetische Gegenwart Taipehs werden von den Redakteuren Fabian Saul und Grashina Gabelmann exzellent in den Vordergrund gestellt.

          Der taiwanesische Aktivist und Journalist Brian Hioe spricht über das „Sunflower-Movement“
          Der taiwanesische Aktivist und Journalist Brian Hioe spricht über das „Sunflower-Movement“ : Bild: Diana Pfammatter

          Der weiße Terror

          Taiwan war von 1895 an von Japan besetzt, wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg als letzter verbleibender Teil der „Republik China“ unter antikommunistischer Diktatur regiert. Trotz großer demokratischer Fortschritte in den Neunzigern ist das Land, vor allem aus ökonomischen Gründen, zwischen Annäherung und Abgrenzung zur Volksrepublik China hin und her gerissen. „Die Jungen wollen mit China nichts zu tun haben, die Alten haben mehr Angst vor Krieg und Armut als vor Unfreiheit“, erzählt Theaterdirektor Snow Huang. Er ist selbst gebürtiger Hongkonger, hat noch Familie und Freunde in der Stadt. In Taipeh betrachte man sorgenvoll die blutigen Ereignisse.

          Huang führt auf einen Erinnerungs-Soundwalk vom Haus der Kulturen der Welt aus durch den umgebenden Tiergarten. Fünfzehn Personen mit Kopfhörern folgen ihm schweigend, streifen andächtig durch den Unterschlupf und auf Wiesen an Herumliegenden vorbei. In einer Art Hörspiel erfährt man aus privaten Briefen von taiwanesischen Dissidenten, die unter dem 38 Jahre währenden Kriegsrecht vom Mai 1949 an politisch verfolgt wurden. Sein Stück „Book of Lost Words“ basiert auf Akten, die 2011 von Yi-Lung Chang, der Enkelin einer vom Staat ermordeten Taiwanesin, erstritten wurden. Chang ist auch vor Ort, berichtet davon, wie sie ihrer Mutter das einzige Lebenszeichen ihres Vaters mit vierzig Jahren Verspätung überbrachte: Ein Brief, verfasst am Abend vor seiner unrechtmäßigen Exekution, die Mutter war damals noch ein Säugling. Die Strecke von Kanding Road bis Wanda Road verbindet das frühere Foltergefängnis und den Hinrichtungsort.

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