https://www.faz.net/-gqz-86ndn

Frauen im Chaos Computer Club : Das Vorurteil vom krassen Hacker ist passé

  • -Aktualisiert am

Fiona Krakenbürger 2014 beim „Chaos Communication Congress“ in Hamburg Bild: Picture-Alliance

Noch vor wenigen Jahren kannte Fiona Krakenbürger den Unterschied zwischen Bits und Bytes nicht. Heute eröffnet sie das Sommerfestival der Hackerszene – und kennt die Gründe für den Mangel an Frauen in der Tech-Branche.

          Vor Beginn des „Chaos Communication Camps“ war Fiona Krakenbürger noch nervös. Das Sommerfestival des Chaos Computer Clubs (CCC) findet nur alle vier Jahre statt, diesmal nördlich von Berlin, auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei. Wo früher Schornsteine rauchten und Loren quietschten, lärmen jetzt Stromaggregatoren. Die Zeltdörfer, in denen voraussichtlich 4500 Computerbegeisterte fünf Tage lang Vorträgen lauschen und in Workshops tüfteln werden, standen schon, der Dancefloor auch. Nur Krakenbürgers Eröffnungsrede noch nicht ganz. Doch so aufgeregt sie auch war, gefreut hat sich das Mitglied des CCC trotzdem auf den Auftakt: „Es bedeutet mir viel, dass der Chaos Computer Club dieses Vertrauen in mich hat und ich die Mitglieder begrüßen darf.“

          Denn damit geht es dem Klischee des „krassen Hackers“ an den Kragen. Frauen und Programmieren, geschweige denn Frauen und Hacken, das wird in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht zusammengedacht. Constanze Kurz, Informatikerin und Sprecherin des CCC, die auch regelmäßig für diese Zeitung schreibt, ist eine Ausnahme. Von der vermeintlichen Undenkbarkeit zeugte jüngst der Kinofilm „Who Am I – Kein System ist sicher“, der von einer Hackergruppe handelt: Alle vier Mitglieder sind männlich. Dass Programmieren in den Nachkriegsjahren noch als expliziter Frauenberuf galt, ist heute kaum bekannt: Als der Homecomputer in den Achtzigern ins Private Einzug hielt, bewarb ihn besonders Apple als Männerprodukt, so dass Pionierinnen wie Grace Hopper, Ada Lovelace und Hedy Lamarr schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden. Kein Wunder also, dass zwischen Kinofiktion und Realität eine nicht zu rechtfertigende Lücke klafft.

          Strategien von Programmier-Initiativen

          Um sie zu schließen, startete die Programiererin Isis Anchalee Wenger von San Francisco aus eine Twitteraktion im Namen der Vielfalt: Software-Entwickler, die nicht dem Klischee „weiß/asiatisch, männlich“ entsprachen, sollten ein Selfie von sich posten, um dem gängigen Vorurteil realistische Bilder entgegenzusetzen. Der dazugehörige Hashtag #ilooklikeanengineer führt es schon in seiner Wortwörtlichkeit ad absurdum.

          Laptop, Mate, Steckdosen: Der Stoff, aus dem auch das „Chaos Communication Camp“ gemacht ist.

          In Deutschland erfreuen sich Mint-Studienfächer immer größerer Beliebtheit bei Frauen, fast jeder dritte Erstsemestler ist mittlerweile weiblich. Zahlreiche Initiativen bemühen sich darum, Frauen den Einstieg in die Technikwelt zu erleichtern und sie miteinander zu vernetzen. Fiona Krakenbürger hat Europäische Ethnologie an der Humboldt- Universität zu Berlin studiert, für ihre Bachelorarbeit hat sie die Strategien solcher Initiativen untersucht. Auf dem „Chaos Communication Camp“ wird sie, zusätzlich zu ihrem Opening und Closing Talk, darüber referieren.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Vor drei Jahren hatte die Ethnologin noch keinen blassen Schimmer von Computertechnologie und Informatik. Aber sie wollte verstehen, was es mit den grünen Zeichen auf schwarzen Bildschirmen auf sich hatte, mit denen ihre Freunde, „total die Nerds“, zu tun hatten. Gemeinsam mit zwei Programmiererfahrenen machte sie sich 2012 daran, eine Maschinensprache zu lernen, eine nicht wirklich nützliche, aber dafür interessante. Ihre Lernfortschritte und -schwierigkeiten hielt Fiona Krakenbürger in einem Blog fest: „Vielleicht mache ich ja Fehler, die andere nicht machen müssen.“

          Weitere Themen

          Mehr als W-Lan und Latte macchiato

          Co-Working : Mehr als W-Lan und Latte macchiato

          Schreibtische für Freiberufler und Kreative – das war Co-Working früher. Neuerdings reicht das nicht mehr. Denn auf einmal wollen fast alle in hippen Mietbüros arbeiten: Kleinkind-Eltern, Handwerker, ja sogar eine komplette Bankfiliale.

          Topmeldungen

          Es wirkt, als könne Emmanuel Macron nicht verstehen, dass viele seiner Landsleute die monarchischen Rituale der V. Republik satt haben.

          Macron und die Gelbwesten : Der ratlose Präsident

          Mit einer Rede im Fernsehen will Emmanuel Macron die „Gelbwesten“ besänftigen und mit „starken Maßnahmen auf die augenblickliche Wut antworten“. Die Hektik, mit der er vorgeht, zeigt, wie verunsichert er ist.

          Unsere Zukunft im Netz : „Die digitale Welt steht vor einer Krise“

          Heute hat zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet. Fachleute des Weltwirtschaftsforums machen sich aber große Sorgen. Das Wachstum verlangsamt sich, die Akzeptanz sinkt. Was tun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.