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Frauen im Chaos Computer Club : Das Vorurteil vom krassen Hacker ist passé

  • -Aktualisiert am

Aus eigener Erfahrung

Ihre Einträge auf „fionalerntprogrammieren“ wurden dankbar angenommen, es gab Zeiten mit mehreren tausend Seitenaufrufen am Tag. Letztlich haben die Zahlen die Bloggerin wenig gekümmert: „Wenn es zwei, drei Leute oder Frauen gibt, die sich dadurch motiviert fühlen und in Zukunft vielleicht bei einem Start-up arbeiten und ihre Perspektive da mit einbringen, dann hat sich das alles gelohnt.“ Vor drei Jahren war das Blog eines der wenigen niederschwelligen Angebote, die es in Technikbereichen gab. Mittlerweile gibt es Informatikstudiengänge, die sich nur an Frauen richten, und kostenfreie Online-Kurse – und Workshops, wie sie die „RailsGirls“ anbieten. Die Initiative wurde 2010 in Helsinki gegründet mit dem Ziel, die Community um die Programmiersprache „Ruby on Rails“ mit Frauen zu bereichern. Mittlerweile organisieren die RailsGirls ihre kostenlosen Wochenend-Workshops, in denen sie Mädchen und Frauen das nötige Vokabular vermitteln, weltweit. Fiona Krakenbürger kann Geschichten erzählen von Frauen, die nach solch einem Kurs in eine Halbzeitarbeit gewechselt sind, um sich das Handwerkszeug eines Programmierers komplett anzueignen – und nun als Entwicklerinnen das Doppelte ihres früheren Gehalts verdienen.

Was viele Frauen davon abhält, von Anfang an solche Berufe anzusteuern, ist nicht nur die Diskrepanz zwischen dem gängigen Frauen- und Entwicklerbild. Vor allem ihr mangelndes Selbstbewusstsein hemmt sie. Das bestätigten Krakenbürger nicht nur ihre Interviewpartner, Juliane Siegeris, Studiengangssprecherin Informatik- und Wirtschaft für Frauen der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Marina Zhurakhinskaya, Organisatorin des Förderprogramms „Outreachy“ der Linux-Foundation, und RailsGirl Laura Laugwitz.

Fruchtbarer Boden

Sie kennt es aus ihrer eigenen Erfahrung: „Ich musste erst einmal dieses Gefühl ablegen ‚Ich bin eine Frau, ich kann nicht mit Technik umgehen‘ und die Angst, dass hier auf mich heruntergeblickt wird, wenn ich nachfrage.“ Fiona Krakenbürger glaubt, dass viele Frauen Angst haben, „die Doofe“ zu sein – so wie sie sie schon in der Schule hatte. Umso wichtiger scheint die Extraportion Ermutigung zu sein: Damit Frauen trotz Erziehung, Stereotypen, Vorurteilen und verzerrter Selbsteinschätzung den Weg zum CCC finden, leitet sie seit 2013 das Projekt „Chaospatinnen“. Bei dieser Initiative nehmen Mentorinnen fachfremden Besuchern schon vor dem jährlich stattfindenden Chaos Communication Congress die Scheu vor dem unbekannten Terrain. Vergangenes Jahr besuchten mehr als hundert Neulinge das mehrtägige Treffen der internationalen Hackerszene.

Der CCC selbst stand dieser Öffnung der ohnehin nach außen kommunikativen Winterveranstaltung nicht im Weg, im Gegenteil. Auch wenn Fiona Krakenbürger erst seit kurzem dabei ist, hat sie den Eindruck, dass der CCC dabei mit einer gesellschaftlichen Entwicklung mitgeht: „Das fällt hier auf fruchtbaren Boden, vielleicht auf fruchtbareren als woanders.“

Respekt und Bescheidenheit

Denn die Hacker-Community, auch das ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur dank der Prominenz der Snowden-Enthüllungen präsent, teilt seit den Achtzigern eine Ethik, die 2002 von Steven Levy aufgeschrieben wurde. Obgleich die Szene Regeln sonst kritisch sieht, die Moral wird hochgehalten. Punkt drei lautet: Hacker sollten nach den Fähigkeiten ihres Hackens beurteilt werden, nicht nach Titel, Alter, Rasse oder Position. „Ich glaube, hier gibt es viele Leute, die in anderen Kontexten auf nicht so große Akzeptanz stoßen“, meint Fiona Krakenbürger. An sexistische Kommentare kann sie sich nicht erinnern. „In dem Kontext konnte ich auch einfach Fiona sein und nicht die Frau, die Programmieren lernt.“

Von sich auf andere schließen möchte sie aber trotzdem nicht. Respekt und Bescheidenheit schwingen darin mit. Darauf angesprochen, hat Fiona Krakenbürger sofort eine Erklärung: Je mehr man über Computer lernt, desto mehr versteht man, was man nicht weiß. Und das ist verdammt viel. Ohne die anderen geht es nicht. Und ohne Frauen sowieso nicht.

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