https://www.faz.net/-gqz-9w781

„Bad Banks“ etc. : Mit kühlem Blick ins Herz der Panik starren

  • -Aktualisiert am

Beschäftigt: In einer Szene der zweiten Staffel von „Bad Banks“ bekommt Adam (Albrecht Schuch) einen Anruf von seinem kleinen Sohn. Er nimmt jedoch nicht ab. Bild: ZDF

Bösewichter mit zweifelhafter Moral und psychopathische Funktionäre: Der Finanzkapitalismus ist immer für eine dramatische Erzählung gut. Im deutschsprachigen Fernsehen führte er lange zur Bankrotterklärung.

          5 Min.

          Noch nicht lang her, eine Produktion des Schweizer Fernsehens bei Arte. Hier wird vom Finanzkapitalismus in Banken erzählt, wie man es von gediegener TV-Fiktion erwartet. Gezeigt wird ein Tresorraum in einer noblen Schweizer Privatbank. Dicke Stahltüren, ausgefuchste Sicherungsmechanismen. Früher einmal lag hier Gold, jetzt ist es nur noch Papier in dicken Bündeln. Das neue Allerheiligste der Bank steht in einer Nische. Ihr Server. Pausenlos blinkende LEDs zeigen die 24-Stunden-Aktivität der Züricher Bank Weyer an. Das Papiergeld ist bloß Dekoration und der Tresorraum Kulisse für reiche Kunden mit Illusionsbedarf, denen die persönliche Zuwendung ihrer Vermögensbetreuer genauso wichtig ist wie die Rendite. Kunden, die seltene Schweizer Uhren, Schweizer Schokolade und das Schweizer Bankgeheimnis schätzen, das seit 2017 Geschichte ist.

          „Private Banking“, ein Spielfilm-Zweiteiler des Schweizer Fernsehens von Bettina Oberli, strengt sich sichtlich an, sprechende Bilder zu finden für seine Botschaften vom faulen Zauber der Finanzwelt. In einer anderen Szene wird die exklusive Bank, eher ein großbürgerliches Familienpalais, von der Glas-Stahl-Konstruktion der global agierenden Nachbarschafts-Großbank, die auch das Bankhaus Weyer schlucken will, in den Schatten gestellt. Die neue Firmenchefin ist eine ehemals Drogenabhängige, die bald der neuen Sucht „Banking“ erliegt. Macht, Einfluss, Boni – alles noch besser als Heroin. So ging Erzählen im Fernsehen gestern. Anschaulich bis zum letzten Effekt.

          Man meint, dass sei eigentlich leicht

          „It’s all about storytelling“: Dieser Grundsatz der Bankanalysten gilt auch für die Themenkomplexe Finanzkapitalismus und Wirtschaftskrise im Fernsehen. Ob als Reportage („Der Fall Wauthier“) oder Dokumentation („Master of the Universe“) oder Spielfilm („Dead Man Working“) – es gilt stets, Zusammenhänge erzählend darzustellen und dabei durch Fachberater abgesichertes Wissen zu vermitteln, spannende Bögen zu bilden. Szenen, Figuren und Bilder zu (er-)finden, die auch dem in Finanzdingen wenig interessierten Zuschauer Einsichten ermöglichen. Man meint, dass sei eigentlich leicht. Mit der Pleite der Lehman-Brothers-Bank 2008 und den folgenden weltweiten Verwerfungen, die hierzulande Auswirkungen bis in die Lebensplanung zahlreicher Sparkassenkunden und Kleinsparer, bis in die angespannte Haushaltslage von Kommunen und die prekäre Situation „risikofreudiger“ Kämmerer hatten, liegt ein Stoff bereit, der sich zur Dramatisierung und Emotionalisierung wie von selbst anbietet. Tatsächlich aber folgte der Finanzkrise bislang eher eine Bankrotterklärung des deutschsprachigen Fernsehens.

          Mit wenigen Ausnahmen. In „Quartier des Banques“ hatte das Schweizer Fernsehen einen Mehrteiler im Programm, der sich um komplexeres Erzählen bemühte. Marc Bauders Dokumentation „Master of the Universe“ gab einen Einblick in das Selbstverständnis und die Mentalität eines ehemaligen Spitzenbankers. Auch Bauders HR-Spielfilm „Dead Man Working“ mit Benjamin Lillie und Wolfram Koch als Investmentbankern und Jenny Schily als Chefin der Personalabteilung einer „Bank der Deutschen“, die Mitarbeiter ausschließlich nach Humankapitalisierung beurteilt, nach außen aber zynisch Ideale der „Diversity“, „Transparency“ und des Sozialengagements als „unique selling points“ vermarktet, gewann in der Kategorie Fiktion den Grimme-Preis. Jochen Walther (Wolfram Koch), der Leiter des Investmentbankings, springt auf dem Höhepunkt seiner Karriere vom Dach der Frankfurter Bank in den Tod. Es könnte auch Mord unter Managerkollegen gewesen sein. Visuell radikal, psychologisch nuanciert, mit einiger politischer Sprengkraft versehen, gelingt diesem Film, was das zum Jahrestag der Finanzkrise 2008 im Ersten gezeigte HR-Sparkassenopfer-Dokudrama „Lehman. Gier frisst Herz“ nicht schafft – glaubwürdige Figuren in eine zeitgenössisch nachvollziehbare Szenerie zu setzen, die Thriller-Spannung schon im Nachvollzug simpler Zusammenhänge mit sich bringt.

          Manager sind meistens abstoßende Karikaturen

          Schwer tut sich das deutschsprachige Fernsehen vor allem mit der Mentalität von Bankern und Spitzenmanagern. Politiker – eine weitere Berufsspezies, mit der man im deutschen Fernsehen fremdelt – sieht man vor allem als grundnaive Dummbeutel, die einmal mit den großen Jungs mitspielen wollen, ohne aber vom eigenen Risikomanagement das Geringste zu verstehen. Manager sind meistens abstoßende Karikaturen einer Führungskraft – wie der Chef der Direktbankverkäufer in „Gier frisst Herz“. Von Charisma, Faszination und Wall-Street-Glamour der Akteure spannend zu erzählen scheint sich aus einer Art volkspädagogisch wertvoller Verkniffenheit zu verbieten.

          Eine Figur wie Lloyd Blankfein, jüngst zurückgetretener Goldman-Sachs-Chef und Kreator legendärer Hybris-Sentenzen mit großem Unterhaltungswert und zweifelhafter Moral, würde das deutschsprachige Fernsehen nur als eindimensionalen Bösewicht – dem verdienten Untergang von der ersten Filmminute an überdeutlich geweiht – erfinden können. Gut und Böse müssen sauber sortiert bleiben. Wir haben höchstens schwäbische Cleverle, keine Global Player. Wo ist der entsprechende „Tatort“, wenn man ihn braucht? Und woran mangelt es genau? An den Darstellern liegt es wohl zuletzt.

          Dass es auch anders geht, zeigte die erste Staffel „Bad Banks“. Der ZDF-Serie nahm man ab, was sie über sechs Stunden lang mit großer Bildkraft und eindrücklicher Verführer-Figurenzeichnung vom Ende her als groß angelegte Rückblende entwickelte. Am Anfang stehen Straßenproteste und Tumulte in Frankfurt am Main. Die Pleite der fiktiven Bank Deutsche Global Invest zieht das Finanzsystem ins Bodenlose. Die Nachrichten berichten live aus den Hochhausschluchten. Der filmische Look, kalt monochrom, zeigt Frankfurt als Zentrum der Panik. Dichter grauer Rauch, Menschen rennen. Jana Liekam (Paula Beer), die den Crash fast im Alleingang zu verantworten hat, verschafft sich Zutritt zum Trading Floor, wo es aussieht wie nach einem Erdbeben. Sie sucht einen Stick mit belastendem Material. Draußen bilden sich lange Schlangen vor den Geldautomaten, die nichts mehr herausgeben. Im Fernsehen tritt der Finanzminister auf und versichert, dass die Einlagen sicher seien. Man solle abwarten und vertrauen.

          Nicht nur im Auftakt, sondern durchweg erzählte „Bad Banks I“ die Vorgeschichte der Krise mit großer Sogwirkung (Kamera Frank Lamm). Das Buch von Oliver Kienle, Jana Burbach und Jan Galli nach einer Idee von Lisa Blumenberg traute sich, den Ehrgeiz der High Potentials, ihren Hunger nach Erfolg und die Verachtung des kleingeistigen Bankenaufsichtsmitarbeiters ähnlich faszinierend wie abstoßend zu fassen. Es traute sich, auf plakative Anklage seiner hochkriminellen Banker zu verzichten. Es beleuchtete die zwiespältige Rolle von (Regierungs-)Politik und Bankengesetzgebung – das außergesetzliche, amoralische Handeln der Banker ist, so die Pointe, letztendlich systemstabilisierend eingepreist, politisch erwünscht und gesellschaftlich bewundert. Jeder pflegt seinen Nutzen, auch der von Jörg Schüttauf treuherzig-zwielichtig verkörperte Oberbürgermeister, dessen Stadtentwicklungsprojekt-Refinanzierung den Untergang beschleunigt. „Bad Banks I“ zeichnete in seiner mitreißend sezierenden Inszenierung nicht zuletzt den Prozess der Erfolgserzeugung um jeden Preis nach, der die (Spitzennachwuchs-)Banker formt, indem sie ihn beeinflussen.

          Die zweite Staffel hält zumindest dieses Attraktionsniveau nicht. Den High Potentials werden nun psychiatrische Störungen angedichtet, die Verflechtungen mit der Politik spielen kaum eine Rolle mehr, das Start-up-Thema Nachhaltigkeit sorgt allein für dramatische Fallhöhe. Und der Key Player von der Bankenaufsicht entpuppt sich als schlichter Psychopath, der so etwa bei Jussi Adler-Olsen seinen Wahnsinn ausleben könnte. Das Thema „Finanzkapitalismus im modernen Serienfernsehen“ bleibt so weiter ein weitgehend brachliegendes, aber fruchtbares Feld.

          Bad Banks läuft heute und morgen von 20.15 Uhr an bei Arte, vom 8. bis 10. Februar um 21.45 und 22.14 Uhr im ZDF.

          Weitere Themen

          Wir sind alle so stolz auf uns

          Amazons PR-Coup : Wir sind alle so stolz auf uns

          Pandemie-Ausbrüche und Todesfälle in den Logistikzentren, wochenlange Proteste verzweifelter Arbeiter? Nie gehört. Amazon produziert ein treuherziges PR-Video, und amerikanische Lokalsender übernehmen es.

          Topmeldungen

          Ist das Homeoffice Teil der „neuen Normalität“?

          Arbeiten nach der Pandemie : Präsenzkultur, ade!

          Die Corona-Krise hat in der Arbeitswelt einen Schub für die Digitalisierung ausgelöst. Viele Deutsche werden wohl auch danach im Homeoffice sitzen. Aber nicht alle finden das gut.
          Das Sicherheitsgesetz diene dazu, das Prinzip ‚ein Land, zwei Systeme‘ aufrechtzuerhalten, sagte Chinas Ministerpräsident Li Keqiang am Donnerstag.

          Volkskongress in Peking : China lässt alle Fragen offen

          Der Volkskongress bringt ein Sicherheitsgesetz für Hongkong auf den Weg. Doch was darin stehen soll, ist weiter unklar. Die Aktivisten in Hongkong sehnen eine Wirtschaftskrise als Druckmittel gegenüber Peking herbei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.