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„Bad Banks“ etc. : Mit kühlem Blick ins Herz der Panik starren

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Beschäftigt: In einer Szene der zweiten Staffel von „Bad Banks“ bekommt Adam (Albrecht Schuch) einen Anruf von seinem kleinen Sohn. Er nimmt jedoch nicht ab. Bild: ZDF

Bösewichter mit zweifelhafter Moral und psychopathische Funktionäre: Der Finanzkapitalismus ist immer für eine dramatische Erzählung gut. Im deutschsprachigen Fernsehen führte er lange zur Bankrotterklärung.

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          Noch nicht lang her, eine Produktion des Schweizer Fernsehens bei Arte. Hier wird vom Finanzkapitalismus in Banken erzählt, wie man es von gediegener TV-Fiktion erwartet. Gezeigt wird ein Tresorraum in einer noblen Schweizer Privatbank. Dicke Stahltüren, ausgefuchste Sicherungsmechanismen. Früher einmal lag hier Gold, jetzt ist es nur noch Papier in dicken Bündeln. Das neue Allerheiligste der Bank steht in einer Nische. Ihr Server. Pausenlos blinkende LEDs zeigen die 24-Stunden-Aktivität der Züricher Bank Weyer an. Das Papiergeld ist bloß Dekoration und der Tresorraum Kulisse für reiche Kunden mit Illusionsbedarf, denen die persönliche Zuwendung ihrer Vermögensbetreuer genauso wichtig ist wie die Rendite. Kunden, die seltene Schweizer Uhren, Schweizer Schokolade und das Schweizer Bankgeheimnis schätzen, das seit 2017 Geschichte ist.

          „Private Banking“, ein Spielfilm-Zweiteiler des Schweizer Fernsehens von Bettina Oberli, strengt sich sichtlich an, sprechende Bilder zu finden für seine Botschaften vom faulen Zauber der Finanzwelt. In einer anderen Szene wird die exklusive Bank, eher ein großbürgerliches Familienpalais, von der Glas-Stahl-Konstruktion der global agierenden Nachbarschafts-Großbank, die auch das Bankhaus Weyer schlucken will, in den Schatten gestellt. Die neue Firmenchefin ist eine ehemals Drogenabhängige, die bald der neuen Sucht „Banking“ erliegt. Macht, Einfluss, Boni – alles noch besser als Heroin. So ging Erzählen im Fernsehen gestern. Anschaulich bis zum letzten Effekt.

          Man meint, dass sei eigentlich leicht

          „It’s all about storytelling“: Dieser Grundsatz der Bankanalysten gilt auch für die Themenkomplexe Finanzkapitalismus und Wirtschaftskrise im Fernsehen. Ob als Reportage („Der Fall Wauthier“) oder Dokumentation („Master of the Universe“) oder Spielfilm („Dead Man Working“) – es gilt stets, Zusammenhänge erzählend darzustellen und dabei durch Fachberater abgesichertes Wissen zu vermitteln, spannende Bögen zu bilden. Szenen, Figuren und Bilder zu (er-)finden, die auch dem in Finanzdingen wenig interessierten Zuschauer Einsichten ermöglichen. Man meint, dass sei eigentlich leicht. Mit der Pleite der Lehman-Brothers-Bank 2008 und den folgenden weltweiten Verwerfungen, die hierzulande Auswirkungen bis in die Lebensplanung zahlreicher Sparkassenkunden und Kleinsparer, bis in die angespannte Haushaltslage von Kommunen und die prekäre Situation „risikofreudiger“ Kämmerer hatten, liegt ein Stoff bereit, der sich zur Dramatisierung und Emotionalisierung wie von selbst anbietet. Tatsächlich aber folgte der Finanzkrise bislang eher eine Bankrotterklärung des deutschsprachigen Fernsehens.

          Mit wenigen Ausnahmen. In „Quartier des Banques“ hatte das Schweizer Fernsehen einen Mehrteiler im Programm, der sich um komplexeres Erzählen bemühte. Marc Bauders Dokumentation „Master of the Universe“ gab einen Einblick in das Selbstverständnis und die Mentalität eines ehemaligen Spitzenbankers. Auch Bauders HR-Spielfilm „Dead Man Working“ mit Benjamin Lillie und Wolfram Koch als Investmentbankern und Jenny Schily als Chefin der Personalabteilung einer „Bank der Deutschen“, die Mitarbeiter ausschließlich nach Humankapitalisierung beurteilt, nach außen aber zynisch Ideale der „Diversity“, „Transparency“ und des Sozialengagements als „unique selling points“ vermarktet, gewann in der Kategorie Fiktion den Grimme-Preis. Jochen Walther (Wolfram Koch), der Leiter des Investmentbankings, springt auf dem Höhepunkt seiner Karriere vom Dach der Frankfurter Bank in den Tod. Es könnte auch Mord unter Managerkollegen gewesen sein. Visuell radikal, psychologisch nuanciert, mit einiger politischer Sprengkraft versehen, gelingt diesem Film, was das zum Jahrestag der Finanzkrise 2008 im Ersten gezeigte HR-Sparkassenopfer-Dokudrama „Lehman. Gier frisst Herz“ nicht schafft – glaubwürdige Figuren in eine zeitgenössisch nachvollziehbare Szenerie zu setzen, die Thriller-Spannung schon im Nachvollzug simpler Zusammenhänge mit sich bringt.

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