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„Bad Banks“ etc. : Mit kühlem Blick ins Herz der Panik starren

  • -Aktualisiert am

Manager sind meistens abstoßende Karikaturen

Schwer tut sich das deutschsprachige Fernsehen vor allem mit der Mentalität von Bankern und Spitzenmanagern. Politiker – eine weitere Berufsspezies, mit der man im deutschen Fernsehen fremdelt – sieht man vor allem als grundnaive Dummbeutel, die einmal mit den großen Jungs mitspielen wollen, ohne aber vom eigenen Risikomanagement das Geringste zu verstehen. Manager sind meistens abstoßende Karikaturen einer Führungskraft – wie der Chef der Direktbankverkäufer in „Gier frisst Herz“. Von Charisma, Faszination und Wall-Street-Glamour der Akteure spannend zu erzählen scheint sich aus einer Art volkspädagogisch wertvoller Verkniffenheit zu verbieten.

Eine Figur wie Lloyd Blankfein, jüngst zurückgetretener Goldman-Sachs-Chef und Kreator legendärer Hybris-Sentenzen mit großem Unterhaltungswert und zweifelhafter Moral, würde das deutschsprachige Fernsehen nur als eindimensionalen Bösewicht – dem verdienten Untergang von der ersten Filmminute an überdeutlich geweiht – erfinden können. Gut und Böse müssen sauber sortiert bleiben. Wir haben höchstens schwäbische Cleverle, keine Global Player. Wo ist der entsprechende „Tatort“, wenn man ihn braucht? Und woran mangelt es genau? An den Darstellern liegt es wohl zuletzt.

Dass es auch anders geht, zeigte die erste Staffel „Bad Banks“. Der ZDF-Serie nahm man ab, was sie über sechs Stunden lang mit großer Bildkraft und eindrücklicher Verführer-Figurenzeichnung vom Ende her als groß angelegte Rückblende entwickelte. Am Anfang stehen Straßenproteste und Tumulte in Frankfurt am Main. Die Pleite der fiktiven Bank Deutsche Global Invest zieht das Finanzsystem ins Bodenlose. Die Nachrichten berichten live aus den Hochhausschluchten. Der filmische Look, kalt monochrom, zeigt Frankfurt als Zentrum der Panik. Dichter grauer Rauch, Menschen rennen. Jana Liekam (Paula Beer), die den Crash fast im Alleingang zu verantworten hat, verschafft sich Zutritt zum Trading Floor, wo es aussieht wie nach einem Erdbeben. Sie sucht einen Stick mit belastendem Material. Draußen bilden sich lange Schlangen vor den Geldautomaten, die nichts mehr herausgeben. Im Fernsehen tritt der Finanzminister auf und versichert, dass die Einlagen sicher seien. Man solle abwarten und vertrauen.

Nicht nur im Auftakt, sondern durchweg erzählte „Bad Banks I“ die Vorgeschichte der Krise mit großer Sogwirkung (Kamera Frank Lamm). Das Buch von Oliver Kienle, Jana Burbach und Jan Galli nach einer Idee von Lisa Blumenberg traute sich, den Ehrgeiz der High Potentials, ihren Hunger nach Erfolg und die Verachtung des kleingeistigen Bankenaufsichtsmitarbeiters ähnlich faszinierend wie abstoßend zu fassen. Es traute sich, auf plakative Anklage seiner hochkriminellen Banker zu verzichten. Es beleuchtete die zwiespältige Rolle von (Regierungs-)Politik und Bankengesetzgebung – das außergesetzliche, amoralische Handeln der Banker ist, so die Pointe, letztendlich systemstabilisierend eingepreist, politisch erwünscht und gesellschaftlich bewundert. Jeder pflegt seinen Nutzen, auch der von Jörg Schüttauf treuherzig-zwielichtig verkörperte Oberbürgermeister, dessen Stadtentwicklungsprojekt-Refinanzierung den Untergang beschleunigt. „Bad Banks I“ zeichnete in seiner mitreißend sezierenden Inszenierung nicht zuletzt den Prozess der Erfolgserzeugung um jeden Preis nach, der die (Spitzennachwuchs-)Banker formt, indem sie ihn beeinflussen.

Die zweite Staffel hält zumindest dieses Attraktionsniveau nicht. Den High Potentials werden nun psychiatrische Störungen angedichtet, die Verflechtungen mit der Politik spielen kaum eine Rolle mehr, das Start-up-Thema Nachhaltigkeit sorgt allein für dramatische Fallhöhe. Und der Key Player von der Bankenaufsicht entpuppt sich als schlichter Psychopath, der so etwa bei Jussi Adler-Olsen seinen Wahnsinn ausleben könnte. Das Thema „Finanzkapitalismus im modernen Serienfernsehen“ bleibt so weiter ein weitgehend brachliegendes, aber fruchtbares Feld.

Bad Banks läuft heute und morgen von 20.15 Uhr an bei Arte, vom 8. bis 10. Februar um 21.45 und 22.14 Uhr im ZDF.

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