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Musical „Hamilton“ im Stream : Er kämpfte für die Freiheit aller Amerikaner

Grandioses Talent mit politischem Gespür: Lin-Manuel Miranda als Alexander Hamilton, Phillipa Soo als Eliza Hamilton. Bild: Disney

Disney Plus zeigt das phänomenale „Hamilton“-Musical. Es handelt von dem amerikanischen Gründervater, der für das Gemeinwohl kämpfte. Er starb bei einem Duell. Das Musical sendet ein wichtiges Signal in das entzweite Amerika.

          3 Min.

          Es war bis zu seinem unausweichlichen Shutdown Anfang März der größte Hype des Broadways: „Hamilton“, das phänomenale Hip-Hop-Musical über das Leben und Wirken von Alexander Hamilton, dem ersten amerikanischen Finanzminister und Vertrauten von George Washington, zog Millionen in seinen Bann. Wer das große Glück hatte, nach der Uraufführung 2015 im Zuschauerraum des New Yorker Richard Rodgers Theatre zu sitzen und zusammen mit begeisterten Fans aus dem In- und Ausland den zwischen rhythmischem Sprechgesang und melodiösen Arien changierenden Songs zuzuhören und die dynamisch durchchoreographierten Tanzeinlagen und rasanten Szenenwechsel zu erleben, der spürte eine ungeheure Energie von der Bühne herunterstrahlen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Energie, die auch daher rührte, dass hier fast ausschließlich Sängerinnen und Sänger mit dunkler Hautfarbe ein Herzstück amerikanischer Nationalgeschichte vortrugen und dabei keinen Zweifel daran ließen, welche politische Botschaft ihr mitreißender Gesang auch vermitteln soll. Als Mike Pence kurz nach seiner Ernennung zum Vizepräsidenten eine Vorstellung besuchte, wurde er von der Bühne aus aufgefordert, die Werte und die Vielfalt des Landes zu bewahren.

          Von Anfang an war die Geschichte dieses Erfolgsmusicals geprägt von einer faszinierenden Mischung aus überbordendem künstlerischen Talent und genialem Gespür für den politischen Zeitgeist. Als der junge Musical-Sänger und Komponist Lin-Manuel Miranda im Mai 2009 bei einem Poetry-Slam-Abend zu Gast im Weißen Haus war und dort einen soeben fertig geschriebenen Rap-Song über Alexander Hamilton präsentierte, dessen Biographie er in den Sommerferien gelesen hatte, soll Barack Obama den jungen Sänger danach zur Seite genommen und ausdrücklich ermutigt haben, das Ganze zu einem Musical auszuarbeiten.

          Mit Verve: Szene aus „Hamilton“.

          Was dann 2015 zunächst Off-Broadway im Public Theatre im East Village uraufgeführt wurde und wenig später ins Richard Rodgers Theatre am Broadway umzog, entwickelte sich schnell zum alle Rekorde brechenden Publikumsmagneten. Karten für die täglichen „Hamilton“-Aufführungen waren bald schon auf unbestimmte Zeit ausverkauft und wurden in einer geringen Stückzahl landesweit verlost. Die Preise auf dem Schwarzmarkt lagen zwischenzeitlich bei 1500 Dollar. Die Chance, ein Ticket zu ergattern, war verschwindend gering. Aber dann kam die Pandemie. Und mit ihr die Vorverlegung eines Films, der eine „Hamilton“-Aufführung vom Juni 2016 dokumentiert.

          Unterhaltsame Unterrichtsstunde

          So bekommen nun Zuschauer auf der ganzen Welt die Gelegenheit, sich mitreißen zu lassen von der ereignisreichen Lebensgeschichte des ehrgeizigen sozialen Aufsteigers Hamilton, der am tragischen Ende von dem Vizepräsidenten Aaron Burr in einem Duell erschossen wird. Aus einer Verbindung von Hip-Hop, klassischer Broadway-Musik und verschiedenen anderen Pop-Stilen hat Miranda eine energisch-unterhaltsame Unterrichtsstunde kreiert, die jedes „Home Schooling“ aufwerten kann. Denn nicht nur lernt man hier amerikanische Geschichte kennen, sondern stößt auch auf Fragen der gegenwärtigen Konfliktlage im Land: Wem gehört die amerikanische Nation, wer hat das Recht auf Erinnerung und Patriotismus? „I am not throwing away my shot“ oder „I want to be in the room where it happens“ heißen die entscheidenden Liedzeilen.

          Allerdings – so viel galligen Humor besitzt Miranda, der im Film seinen Hauptcharakter selbst singt – ist auch die beleidigte Droh-Arie von George III. einer der Höhepunkte des Musicalabends. Verschnupft darüber, dass seine Untertanen plötzlich ihre Unabhängigkeit von ihm fordern, droht der englische König ihnen Schreckensbeweise seiner Liebe an und sagt ihnen eine baldige Rückkehr ins Heimatland voraus: „You’ll be back, soon you’ll see / you’ll remember you belong to me.“ Die schnippisch-stilvolle Weise, in der Jonathan Groff sein Lied singt – und die ihm als bester Musical-Nebendarsteller einen Tony Award eingebracht hat –, nimmt das Publikum in kürzester Zeit für den brutalen Herrscher ein und schlägt somit jenen Funken Widersprüchlichkeit, den es braucht, um über Herkunft und Anschauung hinaus eine Wirkung zu erzielen.

          Gebannt kann man von heute an also auch von zu Hause aus die geistesgegenwärtig gespielten und lustvoll choreographierten Szenen von „Hamilton“ verfolgen – jede Bewegung hier, so scheint es, ist eine für die Freiheit, jedes gesungene Wort eines für das Recht auf Teilhabe an der Nation und ihrer Geschichte. Seit „West Side Story“ hat wohl kein Musical die amerikanische Seele so tief getroffen. Lange gab es keinen Ort, an dem man das Herz des leidenschaftlichen Amerikas so deutlich schlagen hören konnte, als den Zuschauerraum bei einer „Hamilton“-Aufführung.

          Dass dieses Musical jetzt, in einem Augenblick, in dem sich die Frage nach der nationalen Einheit aufs Neue stellt, so vielen Zuschauern zugänglich wird, ist ein Signal. Die Euphorie, die um dieses Musikstück entstanden ist, könnte dem entzweiten Amerika helfen, Wunden zu heilen und Gemeinsames zu finden. Denn „Hamilton“ ist eben kein identitätspolitisches Lehrstück, sondern ein enthusiastisches Angebot an alle, sich von der Geschichte der Vereinigten Staaten faszinieren zu lassen. Als Barack Obama hörte, dass auch der rechtskonservative Dick Cheney von Mirandas Musical begeistert sei, ließ er wissen, dass „Hamilton“ wohl das Einzige sei, worauf er sich mit Dick Cheney einigen könne. Was die führende Politik im Land gerade fahrlässig versäumt, nämlich die Nation zu versöhnen, das könnte diesem Musiktheaterstück auf seine Weise gelingen.

          Hamilton startet heute, am 3.Juli, bei Disney+.

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