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Filmreihe „RBB Queer“ : Liebe, Leidenschaft und Rebellion

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In „Tiefe Wasser“ steht der Leistungsschwimmer Kuba unter Druck. Bild: rbb/Andrzej Wencel/Edition Salzg

Die Filmreihe „RBB queer“ blickt auf die weltweite Situation von Lesben und Schwulen. Dabei sind mutige Signale aus Ländern, in denen die Darstellung von Homosexualität noch immer für Skandale sorgt.

          Nackte Männerkörper schmiegen sich aneinander. Liebkosungen, schneller Sex auf der Toilette als Befreiungsakt. Befreiung wovon? Der Leistungsschwimmer Kuba wird von seinem Umfeld unter Druck gesetzt. Im Schwimmbecken muss er täglich Bestleistungen abliefern, um die Erwartungen seines Trainers zu erfüllen. Zu Hause sitzen seine Freundin Sylwia und seine Mutter, die ihren Sohn am liebsten allein für sich hätte. Kuba hat ein Geheimnis: Er liebt Männer. Mit leistungssteigernden Mitteln, Anabolika und anderen Medikamenten versucht er dem Druck standzuhalten. Er hasst es, sich für einen Weg zu entscheiden. Doch eines Tages trifft er in einer Warschauer Kunstgalerie den Mann, der ihn zu einer Entscheidung zwingt.

          Tomasz Wasilewskis Film „Tiefe Wasser“ läuft heute im Rahmen der schwul-lesbischen Filmreihe „RBB Queer“. Das ist ein mutiges Signal. In Wasilewskis Heimatland Polen ist der Film umstritten, im Fernsehen wurde er dort bislang nicht gezeigt. Der RBB hingegen unterstreicht, wie wichtig es ist, „queere“ Fragestellungen im Kontext zunehmender Homophobie in vielen Staaten Europas und der Welt aufzuwerfen. Die Filmreihe startete im vergangenen Jahr und wurde jetzt auf acht Filme erweitert. Das hat mit dem fünfzigjährigen Jubiläum des Stonewall-Aufstandes und dem 25. Jahrestag der Abschaffung des als „Homo-Paragraph“ bezeichneten Paragraphen 175 des Strafgesetzbuchs zu tun. Jeden Donnerstagabend bis zum 15. August wird das Fernsehprogramm zur Bühne für eine fein kuratierte Auswahl, die politische, kulturelle und religiöse Fragestellungen vereint und insbesondere den Kampf des Individuums um gesellschaftliche Anerkennung und ein freies Leben untersucht.

          Bedrohungen und Anfeindungen

          Die Reihe verbindet unterschiedliche Positionen zur Homosexualität. „Du sollst nicht lieben“ des israelischen Regisseurs Chaim Tabakman handelt von der Liebe des ultraorthodoxen Juden und vierfachen Vaters Aaron zu einem neunzehnjährigen Talmudschüler. Das Ausleben seiner verbotenen Leidenschaft stürzt Aaron in die Sinnkrise, er hinterfragt sein religiöses Dasein. Der Film führte 2009 zu einem Skandal in der orthodoxen Gemeinschaft von Jerusalem. So berichtete der Regisseur in mehreren Interviews, welchen Bedrohungen und Anfeindungen er bei den Dreharbeiten im Viertel Mea Shearim ausgesetzt gewesen sei und wie schwierig es in der jüdischen Gemeinde ist, sich zu outen. Das Comingout als Transformation der eigenen Identität wurde dadurch zu seinem filmischen Leitmotiv.

          Das Leben in einem repressiven Umfeld, der Traum vom Ausbruch aus der bürgerlichen Gesellschaft und der Drang nach einem besseren Dasein – alle acht Filme verbinden das zu einer Symbiose der Sehnsucht. Nichtsdestotrotz enthalten sie starke politische Botschaften. So wird es am Donnerstag melancholisch und rebellisch zugleich. Der Film „Something Must Break“ dekonstruiert das schwedische Bullerbü-Ideal radikal. Es ist ein Rausch aus Drogen, nächtlicher Ekstase und ungezügeltem Hedonismus. Sebastian, genannt Ellie, ist ein androgyner Junge, der sich auf den Straßen von Stockholm herumtreibt. Er beginnt eine Affäre mit Andreas, der sich selbst nicht als homosexuell bekennen will. Ihre Beziehung zerbricht und beginnt immer wieder von neuem, weil Andreas Angst hat, entdeckt zu werden. Er fürchtet die Reaktion seiner Mitschüler, Familie und Freunde.

          Das Filmdebüt der transsexuellen Regisseurin Ester Martin Bergsmark wurde beim Internationalen Filmfestival von Rotterdam mit dem Tiger Award ausgezeichnet. Die Leichtigkeit, mit der Bergsmark das junge Liebesleid inszeniert, erinnert an typische Coming-of-Age-Geschichten, allerdings ist der Film durchzogen von Sozialkritik. Schweden ist prinzipiell ein liberales Land und Vorreiter in der Durchsetzung von Gleichstellungsrechten. Die Regisseurin zeigt, dass es trotzdem für den Einzelnen schwierig sein kann, in einer auf Gleichheit („jämlikhet“) geeichten Gesellschaft anders zu sein. Auch die Saturiertheit der skandinavischen Wohlstandsgesellschaften und die dahinter verborgenen Sozialprobleme rückt sie in den Mittelpunkt. Ellie und Andreas tanzen auf Hausdächern und blicken auf die Wohnblockviertel vor den Toren der Stadt. Sie schwimmen nackt im See, küssen sich zärtlich. Sie feiern, trinken und nehmen Drogen. Am Ende des Films muss sich Andreas entscheiden, ob er sich zu Ellie bekennt oder ein bürgerliches Teenagerleben in Langeweile führt.

          Mit der Reihe selbst unterstützt der öffentlich-rechtliche Hauptstadtsender die große schwul-lesbische Gemeinschaft der Stadt. „Wenn Übergriffe auf queere Menschen in Berlin wieder steigen, dann ist Queersein leider immer noch nicht so akzeptiert. Wir im RBB sind deshalb glücklich, das Beste aus dem queeren Kino zeigen zu können“, sagt der Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus. Die Reihe liefert ein Gegenwartspanorama der nichtheterosexuellen Filmwelt. Das schweizerische Historiendrama „Der Kreis“ von Stefan Haupt oder das lesbische Epos „Der Sommer von Sangailé“ der litauischen Regisseurin Alanté Kavaïté unterstreichen die Vielfalt der gezeigten Werke.

          Auch in Kubas Leben projiziert Regisseur Wasilewski die Geschlechterdebatten seiner Heimat Polen. Der aalglatte Kuba, sein Körper eine muskulöse Festung heterosexueller Norm, verliert sich in einer homosexuellen Affäre. Im Hintergrund das sich im Aufbruch befindende Warschau, in dem sich kapitalistische Glastürme neben zerfallenen Ruinen des sozialistischen Realismus abwechseln. Wie soll in dieser surrealistischen Umgebung Liebe gedeihen? Er macht deutlich, dass das junge Polen Widerstand leistet gegen religiös bestimmte Normen und die Härte der Gesellschaft. „Der erste richtige Homofilm Polens“, wie Wasilewski gegenüber polnischen Medien sagte, ist ein hoffnungsvolles Pamphlet gegen die Homophobie in Zentraleuropa.

          Something Must Break läuft heute um 23.30 Uhr im RBB-Fernsehen.

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