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Filmreihe „Lotta“ im ZDF : Ans Ziel kommen, indem man es aussitzt

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Was zeigt das Blutbild? Lotta (Josefine Preuß, links) und Maren (Catherine Flemming) warten gemeinsam im Krankenhaus. Bild: ZDF

Die Jugend und ihre Rastlosigkeit: In „Lotta & der Mittelpunkt der Welt“ gibt Josefine Preuß ein ehemaliges Landei, das den Ort seiner Kindheit gerne so vorfinden will, wie es ihn einst verließ.

          Nach Schwielow kommt man nur mit dem Bus, weg kaum. Das will gewöhnlich auch niemand, der einen Funken Heimatgefühl oder Schönheitssinn besitzt. Wie Meinolf Brinkhammer (Frank Röth), Inhaber der lokalen Spedition, Witwer und gut erhaltener „Best Ager“, dessen Freundin Maren (Catherine Flemming) seit neuestem bei ihm wohnt. Wie sein Sohn Basti (Bernhard Piesk), frisch geschieden, der sich gerade im Verkleinern („Downsizing“) und der Konzentration auf die wesentlichen Dinge des Lebens übt. Zum Beispiel auf seine Karriere als Juniorchef und seine nicht ausgemachte sexuelle Präferenz.

          Für manche allerdings ist Schwielow der Albtraumort schlechthin. Man kann nicht ewig Sommerparty am See machen, während es Menschen gibt, die gleichzeitig nach Berlin gehen und alles Mögliche in ihrem Leben anfangen. Das fand Meinolfs Tochter schon früher. Lotta Brinkhammer (Josefine Preuß) hatte vor Jahren ihre guten Gründe, als sie das malerische Kaff verließ. Inzwischen ist sie Ärztin geworden, hat mit Lola (Sophia Louisa Schillner) eine Tochter, die bald auf das Gymnasium gehen soll, hat sich zwischenzeitlich als Medizindozentin versucht, in Praxen gearbeitet, als alleinerziehende Mutter den Alltag optimiert, kurze Zeit Vater und Bruder in ihrer Großstadt-Wohngemeinschaft in Obhut genommen – und wirkt immer noch wie eine Heranwachsende mit Niestillstandszwang. Wer einen Moment innehält, hat schon die Abfahrt zum Markt der tausend Entscheidungen verpasst, sagt sie sich. Und wer in Schwielow nach langer Zeit wieder ankommt, um ein paar sonnengeflutete Tage im Paradies der Erinnerung zu verbringen, um mit Jean Paul zu sprechen, hat die Wiederabfahrtszeit fest im Blick.

          Vita contemplativa gibt es nur über ihre Leiche

          Lotta rennt, um nicht anzukommen. Ihr Leben, das seit 2010 beim ZDF in nun acht „Lotta“-Filmen immer weitererzählt wird, ist ein anstrengendes, aber in seinen immer neuen Orientierungskorrekturen auch wieder repräsentativ. Man kann diese junge Frau sympathisch quirlig und äußerst umtriebig finden oder überkontrollierend und gestresst. Vita activa ist alles – vita contemplativa gibt es nur über ihre Leiche.

          Lottas Optionsdruck spielt Josefine Preuß mit engagierter Energie und nachvollziehbarer Liebenswürdigkeit. Der Erfolg ihrer Rolle war nicht geplant, ist aber einer der Fälle, in denen die Quote tatsächlich etwas über Publikumsliebe aussagt. In „Lotta & der Mittelpunkt der Welt“ (Buch Birgit Maiwald nach einem Roman von Annegret Held, Regie Andreas Menck) geht es für ihre Figur zurück nach Hause. Erst einmal zum Urlaub. In das Haus ihrer Kindheit, in dem die Heilpraktikerin Maren aus Lottas Kinderzimmer nun einen Aromatherapieraum gemacht hat. Im Garten ist alles Feng Shui. In der Küche steht das Geschirr in den falschen Schränken. Das Kind greift ins Leere. Das Schlimmste aber ist der geplante heimliche Verkauf des Elternhauses durch Meinolf, der mit Maren nach Thailand ziehen will. Bei einer eigenwilligen Immobilienpräsentation vergrault Lotta erst die Interessenten, bevor sie Basti zur Gegenoperation anstachelt. Sie selbst will sich dauernd verändern, aber zu Hause soll alles beim Alten bleiben. Sonst fiele ja der Grund weg, Schwielow wegen Stillstandsverdacht wieder zu verlassen.

          Aber auch hier ist die Zeit nicht stehengeblieben. Lottas alte Freundin erwartet ein Kind mit ihrer Frau, was zu einer allweiblichen Hausgeburtsquartettszene führen wird, Maren erkrankt schwer, will sich aber ihre esoterische Weltsicht deswegen nicht miesmachen lassen. Die ländliche Hausarztpraxis ist verwaist, weil sich keine Nachfolge findet. Im Krankenhaus ist Fließbandabfertigung an der Tagesordnung. Die Konflikte sind die in der Unterhaltungsfiktion mit dramatischem Anspruch und gewisser Fallhöhe üblichen. Eltern und (Stief-)Kinder, Schulmedizin versus Alternativheilen, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Leben und Leben lassen. In „Lotta & der Mittelpunkt der Welt“ werden sie nach überhektischem Beginn aber zunehmend ansprechend aufgearbeitet (Kamera Eddie Schneidermeier).

          Dass Lotta irgendwann ein Leben führen könnte, das dem des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal, um bei Jean Paul zu bleiben, doch sehr ähnelt, ist nach dieser achten Folge überhaupt nicht auszuschließen“.

          Lotta & der Mittelpunkt der Welt, läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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