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Filmkritik „Aus der Kurve“ : Der Mord, den ich nicht begangen habe

Spurensuche: Laure (Julia Riedler) und Tom (Andreas Helgi Schmid) sehen alte Fotos mit neuen Augen. Bild: HR/Bettina Müller

Der Krimi „Aus der Kurve“ erzählt von einem Mordfall in der hessischen Provinz. Einem Ensemble junger Schauspieler gelingt es, die Dämonie des Durchschnittlichen einzufangen.

          Später, wenn längst beinahe alles auseinandergeflogen ist, nur der Mörder immer noch nicht gefasst, wird Eva (Luise Wolfram) sagen, alles sei doch perfekt gewesen. Sie und Tom (Andreas Helgi Schmid) hätten einander vertraut, sein Fahrradladen lief, ihr Job in der Schule auch. Gerade hatten die Eltern eine Bürgschaft für den Wohnungskauf in Aussicht gestellt und sich vor zukunftsfroher Rührung fast am Apfelwein verschluckt, als sie nachsetzten, sie hätten auch noch Evas alte Wiege im Keller. Doch dann klingelt es, und in der Tür steht ein Kriminalkommissar – ausgerechnet ein Jugendfreund – und zieht ein Wattestäbchen aus der Tasche. „Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein“, witzelt sein Kollege noch. Doch zu Scherzen ist niemand mehr aufgelegt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Acht Jahre zuvor wurde in dem kleinen hessischen Dorf, in dem Tom aufgewachsen ist, ein Junge umgebracht. Tom war damals siebzehn. Der Täter wurde nie gefasst. Nun wird der Fall neu aufgerollt, und alle schon damals Verdächtigen sollen DNA-Proben abgeben. Warum zögert Tom, als er den Mund öffnen soll? Wieso hat er der Frau, mit der er ein gemeinsames Leben plant, nie erzählt, dass ein Mord und alles, was danach kam an Misstrauen, übler Nachrede, schiefen Blicken, sein früheres Leben zerstörte? Erinnert er sich wirklich nicht, wo er in jener Nacht war? Weshalb trifft er sich mit Laura (Julia Riedler), einer Bekannten aus Schultagen, die inzwischen fotografierende Bohemienne geworden ist, und kehrt mit ihr in das Dorf zurück, in dem das lange Verdrängte geschah?

          Was der Regisseur Stanislaw Mucha in „Aus der Kurve“ inszeniert, in Bildern so schön und so schäbig, wie Frankfurt und seine Umgebung zwischen Museumsufer und alternden Einfamilienhäusern eben sind, kehrt wohltuend die sendeplatzübliche Kriminalperspektive um. Nicht um Polizisten und ihre Ermittlungen geht es in diesem wohltemperierten Thriller, sondern zuerst um den Zerfall von Beziehungen, denen der Zweifel ihre Grundlage entzieht – und dann erst um die Wahrheitsfindung. Es ist die Spurensuche eines anfangs hinter vorgehaltener Hand, bald offen des Mordes Beschuldigten in eigener Sache. Aus seiner Reise in die Vergangenheit wird eine Flucht, die mit einem Showdown am Ort des Verbrechens endet. Denn wenn auch der Film über manche Längen hinweg fast alles kunstvoll in der Schwebe hält, scheint eines gewiss: dass jeder Täter an den Ort seiner Tat zurückkehrt. Ob ihm dort Gerechtigkeit widerfährt, ist eine andere Frage. Sie bleibt unbeantwortet.

          Noch ist alles in Ordnung und das Vertrauen zwischen Eva und Tom ungestört.

          Auf solchen Uneindeutigkeiten gründet, was sich die Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller ausgedacht haben – nicht auf dem eigentlichen Plot, der eher konventionell konstruiert ist: ein Verbrechen, vier alte Freunde, Verdacht reihum, nicht verjährte Lügen, eine gewaltsam zurückgehaltene Wahrheit, als Dekoration obendrauf ein wenig Liebesgeplänkel. Wer wen benutzt, um sich selbst zu schützen, bleibt lange offen in diesem Spiel, das immer wieder das Wagnis eingeht, seine Zuschauer zu überraschen. Mit Dialogen, die oft treffend nervenaufreibend Streitgespräche und gegenseitige Befragungen imitieren (und ab und zu weniger treffend), mit Charakteren wie dem latent leicht bis mittelschwer zugedrogten Geschäftspartner Chris (Nico Ehrenteit), der sich vor die Straßenreinigung werfen will, einem mehr als undurchsichtigen Kommissar (Maximilian Scheidt), dessen Vater ihm mit der Flinte zu Hilfe zu eilen scheint.

          So zerhackt die Handlung in kleine Sequenzen an wechselnden Orten auch ist, atmosphärisch konsistent wird sie nicht durch das permanente Schwelgen der Kamera (Jennifer Günther) in Blau- und Brauntönen. Sondern dadurch, dass ein Ensemble junger Schauspieler, die das Fernsehpublikum noch nicht kennt, zeigen darf, wie das geht: mit steigender Spannung von Menschen zu erzählen, deren Leben so unfassbar durchschnittlich ist, dass Brot aufzuschneiden größer erscheint als die drohende Auflösung von allem. Und das Ganze glaubhaft in eine Region einzufügen, ohne dem Lokalkitsch anheimzufallen.

          Eva serviert Tom bei einem Burger ab. Lauras Fotos helfen ihm, das, was war, mit neuen Augen anzuschauen. Die Albtraumbilder seiner Nächte geben den Blick frei auf die Wirklichkeit. Was Tom entdeckt, und der Zuschauer mit ihm, ist allemal sehenswert.

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