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ARD-Film „Schönes Schlamassel“ : Der Jude, der gar keiner ist

  • -Aktualisiert am

Er macht ihr etwas vor: Maxim Mehmet und Verena Alternberger sorgen im Ersten für das Schlamassel. Bild: Bavaria Fiction GmbH

Die Schuldkomplex-Romantikkomödie „Schönes Schlamassel“ ist vergnüglich und manchmal sogar gewitzt, rutscht aber auf der eigenen Hintergründigkeit aus.

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          Der Postkutscher Hans begeht einen ungeheuren Vertrauensbruch an seiner Liebsten: Er nimmt Geld an, das ihm für den Brautverzicht geboten wird. Natürlich hatte er für seine demütigende Tat einen guten Grund, und so löst sich alles in Wohlgefallen und gleich zwei glückliche Paare auf. München hat eine lange Tradition in der Filmromantik, die mindestens bis zur Verfilmung der Smetana-Oper „Die verkaufte Braut“ durch Max Ophüls aus dem Jahr 1932 zurückreicht. München hat aber auch eine finstere Vergangenheit, die bekanntlich wenig später begann und hierzulande bis heute das Verhältnis zum Judentum prägt. Beides miteinander zu verbinden ist gewagt, kann aber funktionieren, wenn man Klischees und Vorurteile mit anarchischer Intelligenz dekonstruiert.

          Als Dekonstruktion von Zuschreibungen ist der ARD-Film „Schönes Schlamassel“, der von einer (aus Liebesnot) für dumm verkauften Braut handelt und besagtes Wohlgefallen bereithält, einigermaßen gelungen. Schließlich muss die obsessiv philosemitische Heldin Anne (Verena Altenberger) irgendwann einsehen, dass ihre Auffassung von „den Juden“ – klüger, witziger und beseelter als die übrigen Menschen – naive Phantasterei ist. Ihr angehimmelter Schwarm Daniel (Maxim Mehmet) hat ihr sein Judentum auf Anregung des jüdischen Freundes und Arztkollegen Tobias (Lasse Myhr) nämlich bloß vorgeflunkert, um bei der hübschen Buchhändlerin zu landen: eine kleine Party-Lüge, die sich zum großen Vertrauensbruch auswächst, je mehr sich die beiden ineinander verlieben. Anders als der schüchterne Daniel ist der echte Jude Tobias ein Filou, der wenig auf Kultur gibt, gern „Gaza Libre“ trinkt und zwecks Verführung von Annes selbstsicherer Freundin Laura (Lisa Wagner) allen Arztkittel-Charme aufbietet.

          Wolfgang Murnbergers Film, an dessen Drehbuch auch Peter Probst beteiligt war, hat jedoch eine eigenartige Schlagseite, die immer bedenklicher wird, je mehr die Protagonistin als Personifikation eines überkompensierten Schuldkomplexes erkennbar wird. So äußert sie sich etwa als Assimilierungskritikerin: „Ich finde das nicht gut, wenn Juden denken, sie müssen sich anpassen . . . Ich will, dass du authentisch bist.“ Was da mitschwingt an jahrhundertelanger, oft erbittert geführter Debatte, wirkt zu groß für den hier bloß vorbereiteten Gag, dem natürlich unbeschnittenen Daniel selbst diesen Ausweg zu verbauen. Überhaupt bleibt abzüglich der verdrehten Culture-Clash-Dimension wenig an Fallhöhe übrig: vier gutsituierte, mittelalte (Halb-)Singles in München, die miteinander anbändeln, das ist so überraschungsarm, dass man sich fast ein wenig wundert, wie gut die zumindest authentisch verknallt wirkenden Schauspieler diese Leere zu überspielen vermögen. Schlagfertige Romantik-Dialoge haben ihren Anteil daran.

          Der eigentliche Komik- und Tragik-Generator des Films aber soll „dieses Judending“ sein, Daniels Reise „auf dem Judenticket“. Darauf zahlen neben angestrengten Unterhaltungen und Klischeebegriffen wie „Schlamassel“, „Schickse“, „Mischpoke“ oder „Schalömchen“ auch zwei hemdsärmelig angeflanschte Nebenhandlungen ein. Anne ist nämlich nicht nur Buchhändlerin mit Judaica-Fimmel, sondern auch Tochter eines großbürgerlichen Auktionshaus-Besitzers (Peter Prager), der seine liebe Not damit hat, der auf „Familienpflichten“ pfeifenden Tochter zu erklären, dass der Großvater zwar Stücke aus jüdischem Besitz angekauft, sich aber deshalb noch nicht an der Arisierung beteiligt habe. Anne nutzt jede Gelegenheit zur öffentlichen Abrechnung: „Im Endeffekt beruht der Reichtum meiner Familie auf der Vertreibung deines Volkes.“ Das Opa-Porträt mit Rechteckschnauzer und die Haustür mit Fenstern, die unschwer erkennbar Hakenkreuze zeigen, stützen ihre Position, wenn auch etwas plump (noch plumper nur der Firmenname: „Braun & Sohn“). Wegen der immer ausgrenzenden und hier sogar doppelt falschen Volksbezugnahme bleibt dramaturgisch jedoch eine unschöne Schwebung: Als wöge der Schuldvorwurf nicht ganz so schwer, wüssten die versammelten Jubiläumsgäste, dass der anwesende Jude gar keiner ist.

          Keine gute Idee war es, auch noch den Skandal um die erfundenen – hier: ausgerechnet bei Tobias’ Großtante abgeschriebenen – Holocaust-Memoiren des sich Binjamin Wilkomirski nennenden Schweizers Bruno Dössekker einzuarbeiten. Dieter Hallervorden spielt den falschen Juden, der im Film Wisniewski heißt, aber bis hin zu seiner Erklärung, im Kopf durchaus im KZ gewesen zu sein, klar nach Wilkomirski modelliert ist. Anne, die sich seiner angenommen hat und von einem Lager-Juden sogar Tatschereien duldet, wird also ein weiteres Mal enttäuscht. Die wichtige Diskussion über die Grenze zwischen Fiktion und „Faktion“, über Erinnerungsfälschung und Identitätsspiele ist damit aber allenfalls angerissen, obwohl das der weit stärkere, freilich zutiefst unkomische Filmstoff gewesen wäre. Spätestens hier scheitert diese Komödie am eigenen Relevanzwillen. Sie wirft große Fragen auf, hat aber nur ein Doppelpaar-Romanzenglück zu bieten. „Nun ist alles gut“, endete Ophüls’ Film. Murnbergers Film macht es ähnlich, flicht aber selbst da noch eine kleine Belehrung über „positive Vorurteile“ ein. Wer zu viel will, kann besonders tief fallen.

          Schönes Schlamassel läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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