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„Wiener Blut“ im ZDF : Die Extremisten schließen einen Teufelspakt

  • -Aktualisiert am

Die Affäre zwischen Fida Emam (Melika Foroutan, l.) und Michael Körner (Martin Niedermair, r.) droht aufzufliegen. Bild: ZDF und Fabio Eppensteiner

In „Wiener Blut“ spielt Melika Foroutan eine Staatsanwältin, die es mit allen aufnehmen muss: Extremisten, korrupten Chefs, und der Tochter im Griff des radikalen Islams.

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          Für Afifa Emam (Charlotte Schwab) bedeutet Integration kulturellen Kosmopolitismus. In den sechziger Jahren wurde sie in Kairo und Konstantinopel gleichermaßen als Stargeigerin verehrt und gefeiert. Freilich nur von den westlich orientierten oberen Zehntausend. Nun wohnt sie mit Tochter und Enkelin in Wien im Dreifrauenhaushalt, gichtgeplagt, dauertrunken und rückwärtsgewandt, zwischen Ringstraßenkulissenvergangenheit und historistisch-schwülstigen Textildraperien mit orientalischen Mustern, raucht und imaginiert sich als Carmen und Aida in heroische Frauenfiguren hinein.

          Aber selbst in Wien ist das Opernhafte nun weitgehend passé und der Orientalismus als kultureller Übergriff entlarvt, jedenfalls im klug ernüchterten Fernsehthriller „Wiener Blut“ von Martin Ambrosch (Drehbuch) und Barbara Eder (Regie). „Hier ist nicht der ägyptische Hof, und du bist auch keine Sklavin“: Tochter Fida (Melika Foroutan), Wiener Staatsanwältin, macht mit den Träumen der Mutter regelmäßig kurzen Prozess, mit ihrem Alkoholvorrat auch.

          Fida Emam hat genug private Probleme für drei. Seit neuestem trägt Tochter Aline (Noelia Chirazi) heimlich Kopftuch und verteilt den Koran in der Schule – von Alines radikalislamischem Freund Djamal (Hassan Kello) wird sie bald erfahren. Fidas Affäre mit dem verheirateten Richter Michael Körner (Martin Niedermair) ist selbst im Innenministerium ein offenes Geheimnis. Als Österreicherin mit ägyptischen Wurzeln kann sie von Alltagsdiskriminierung Arien singen. Und der korrupte Sektionschef Guntram Schneider (Florian Teichtmeister) plant schon länger, sie zu ruinieren.

          Familienprobleme, islamistischer Dschihad, rechte Unterwanderung der Ordnung, politische Gschaftlhuberei und dunkle Wirtschaftsgeschäfte – „Wiener Blut“ (ORF/ZDF) nimmt sich einiges vor, verwebt die Themen aber insgesamt geschickt, glaubwürdig und spannend in seine zentrale Heldinnenerzählung.

          Es beginnt mit dem Mord an einem Mitarbeiter der österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA. Zunächst scheint es, als habe sich der für die Bankenaufsicht zuständige Mann von der Brücke über die Donau gehängt, wo er jetzt im noblen Kamelhaarmantel zur allgemeinen Ansicht baumelt. Ein bisschen zu demonstrativ ist das für Fida Emams kultivierten Geschmack und ihren Staatsanwältinnensinn. Das Theatralische stirbt einfach nicht aus, selbst unter den Wiener Mördern (Kamera Martin Gschlacht). Dass der Mann ermordet wurde, ist auch dem kantigen Ermittler Glösl (Harald Windisch) klar.

          Ambroschs („Das finstere Tal“, „Spuren des Bösen“) und Eders („Tatort: Virus“) Film entwickelt Figuren und Geschichte zu einem mehrdimensional leicht überkonstruierten Terrorkomplott, in dem Fida Emam nach Ansicht einiger Verschwörer das Bauernopfer geben soll. Stefan Meer (Harald Schrott), ultrarechter, steinreicher Privatbanker, Glasfassadenbüro in Nachbarschaft zum Stephansdom-Christenheitssymbol, finanziert heimlich den „Kulturverein“ und die Hinterhofmoschee des Hasspredigers Ahmed Rahimsai (Stipe Erceg). Beide wollen die Destabilisierung von Politik und Gesellschaft, beide vereint die Vorstellung eines „Heiligen Krieges“ gegen die Demokratie. In ihrer unheiligen Allianz spielt Fidas Tochter Aline als Staatsanwältinnen-Achillesferse eine perfide geplante Rolle.

          „Wiener Blut“ lässt beide Männer, so überzeugt wie verblendet, in einer intensiv gespielten Szene, der besten dieses Films, beim gemeinsamen Teetrinken in der Moschee ihren Feindespakt besprechen. Wer immer noch islamistische Gewalt und rechtsradikale Gefahr gegeneinander ausspielen will, den mag es hier zu Recht schaudern. Vom Zweckbündnis beider wäre das Übelste zu erwarten, so zeigt es dieser Fernsehfilm. „Wiener Blut“ gelingt bei aller Thementiefe insgesamt die fiktionale Balance, die aus Anliegen überzeugende Geschichte macht. Und eine zeitgenössische Heldinnengeschichte, bei der Carmen und Aida glatt einpacken können.

          Wiener Blut läuft um 20.15 Uhr im ZDF.

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