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Filmkritik „Tannbach“ : Die Mauer im Kopf will nicht fallen

Hier geht es nicht weiter: Die Schneiderin Liesbeth Erler (Nadja Uhl) gelangt nicht zu ihrem Sohn auf der anderen Seite der Grenze. Bild: Dusan Martincek, Lukás Zentel

Geschichten aus Nachkriegsdeutschland: Der ZDF-Dreiteiler „Tannbach“ handelt von der Teilung eines Dorfes und eines ganzen Landes. Er sagt viel über die Gegenwart des deutschen Fernsehens.

          Es ist die Geschichte eines Dorfes, in dem sich die Geschichte eines Landes spiegelt. Der Ort heißt Tannbach. Es gibt ihn nicht, doch er hat ein reales Vorbild: Mödlareuth, eine Fünfzig-Seelen-Gemeinde an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. 41 Jahre lang ging mitten durch diesen Weiler die innerdeutsche Grenze. „Little Berlin“ nannten ihn die Amerikaner. Die menschenverachtende Absurdität des „antifaschistischen Schutzwalls“ zeigte sich hier in besonderer Weise. Von der Trennung eines Landes und der Trennung in den Köpfen handelt der Dreiteiler „Tannbach“, mit dem das ZDF das Fernsehspieljahr eröffnet – eine Geschichtsstunde an drei Abenden, die ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf das Gut Striesow konzentrieren sich die Ereignisse, die in den Jahren 1945 bis 1952 spielen. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs rücken die Amerikaner ins Dorf vor. Durchhalte-Nationalsozialisten stellen das letzte Aufgebot zusammen, mit Alten und ganz Jungen. Die Gräfin (Natalia Wörner) widersetzt sich und verrät auch nicht, wo sich ihr Mann Georg (Heiner Lauterbach), der desertiert ist, versteckt hält. Ihren Mut bezahlt sie mit dem Leben. Wenige Minuten später haben die Amerikaner den letzten Widerstand niedergekämpft und sind wir mit dem handelnden Personal bekannt gemacht worden: dem Denunzianten Franz Schober (Alexander Held), der eben noch ein Vorzeige-Nazi war und sich flugs mit den neuen Herren arrangiert; dem Grafen von Striesow (Lauterbach), der die Erschießung seiner Frau mit ansieht; seiner Tochter Anna (Henriette Confurius), auf deren Schultern bald alles lasten wird; der aus Berlin geflüchteten Schneiderin Liesbeth Erler (Nadja Uhl); ihrem Sohn Friedrich (Jonas Nay) und ihrem Ziehsohn Lothar (Ludwig Trepte), der sich als Jude versteckt halten musste, und Hilde Vöckler (Martina Gedeck), deren Sohn die Gräfin erschießen lässt.

          Lothar (Ludwig Trepte, M.) wird beim Überqueren der Grenze erschossen.

          Doch das sind noch längst nicht alle, deren durch die nun durchs Dorf wachsende Grenze gebrochene Lebenswege wir kennenlernen. Die Amerikaner ziehen ab, die Russen rücken vor, erschießen eine Familie und vergehen sich an den Frauen. Anstelle der Funktionäre der NSDAP treten die Apparatschiks der SED auf den Plan – es sind mitunter dieselben Gestalten, sie haben die Uniform gewechselt, die Befehlsempfängerhaltung jedoch nicht. Der Landrat Konrad Werner (Ronald Zehrfeld) hat nun das Sagen. Die angeordnete Bodenreform sucht er verträglich zu regeln, doch als die „Aktion Ungeziefer“ anläuft, bei der willkürlich Verdächtigte zwangsumgesiedelt werden, ist er mit seinem Sozialismus mit menschlichem Antlitz am Ende. Der Mann von der Stasi übernimmt, abermals wird nicht lange gefackelt, und nicht mehr lange, da schießen an der Grenze im Dorf Deutsche auf einen Deutschen und schieben sich die verfeindeten Seiten die Schuld an dem Mord zu.

          Der Sauerstoffmangel der Schauspieler

          Die Produzenten Gabriela Sperl, Quirin Berg und Max Wiedemann, die Buchautoren Josephin und Robert von Thayenthal und der Regisseur Alexander Dierbach haben sich ziemlich viel vorgenommen mit „Tannbach“. Ihr Dreiteiler, so lautet der Anspruch, soll an den Weltkriegsfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“ anknüpfen. Was danach geschah – nach dem Krieg, in der sogenannten Stunde null, die es nicht gab –, ist ihr Gegenstand. Den nehmen sie nach allen Regeln der Fernsehspielkunst in den Griff, erreichen aber nie die Unmittelbarkeit, die „Unsere Mütter, unsere Väter“ hatte. Bei aller Dramatik, welche die Geschichte im Nachkriegsdeutschland aufbietet, gerät der Dreiteiler nur ab und an zum großen Drama. Intensive Passagen, in denen die Schauspieler auftrumpfen, wechseln sich ab mit solchen, in denen der Film Geschichte bewältigt. Das unternimmt er mit den üblichen Konstellationen, die sich vor allem in den Paarbeziehungen zeigen. Die junge Gräfin liebt den angehenden, vom Sozialismus zunächst begeisterten Bauern, der schuldig gewordene Graf bändelt mit der Schneiderin an, der Landrat mit der Pensionswirtin – ohne dass uns eine einzige Szene den Wandel durch Anziehung näherbrächte. Texte werden aufgesagt. Sie handeln von Verdrängung: „Was war, ist vorbei.“ Von Hoffnung: „Es kommt eine neue Zeit. – Welche soll das sein? – Unsere Zeit.“ Von Hoffnungslosigkeit: „Du kannst die Menschen nicht verändern.“ Und von allgemeiner Schicksalslehre: „Die Zeit heilt keine Wunden. Was bleibt, ist die Schuld.“

          Georg kommt in den Westen, Anna (Henriette Confurius) bleibt zurück.

          Das Dumme ist, dass Menschen im Alltag so nicht reden und sich nicht so verhalten wie die Figuren in diesem Film, an denen sich das Starensemble abarbeitet. Die Schauspieler mühen sich redlich, doch sie bewegen sich in einem luftleeren Raum, spätestens bei jeder zweiten Zeile geht ihren Figuren die Luft aus. Was dem großen Edgar Reitz mit seiner „Heimat“-Reihe gelungen ist – eine filmpoetische Verlebendigung der Vergangenheit, erzählt anhand einer Geschichte aus dem Hunsrück –, wird hier in einem aufwendig möblierten Diorama nachgestellt. Auf den ersten Blick ist alles da, was man braucht: baufällige Häuser, liebliche Landschaft, Kostüme, Fahrzeuge, Waffengerät. Die Kulisse stimmt, die Kamera (Clemens Messow) lässt nichts zu wünschen übrig, doch ins Licht treten Pappkameraden oder Pinocchios: Mal erscheinen sie uns lebendig, dann wieder hölzern. Anzusehen ist das besonders Heiner Lauterbach, den wir seit längeremnicht mehr in einer tragenden Rolle gesehen haben. Sein Graf ist viel zu braungebrannt, als dass man ihm die Internierung abnähme, und in allen den Situationen, die von Schuld und Sühne handeln (der Graf ist an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen), wirkt er verloren.

          Das deutsche Fernsehen will ja immer so mutig sein – wir sprechen hier vom öffentlich-rechtlichen, weil die Privatsender fast nichts mehr wagen. Es will von den Amerikanern gelernt haben (und da gibt es auch immer noch was zu lernen). Es will „radikal“ erzählen. So heißt es zumindest in Sonntagsreden. Im Alltag aber sieht das nur selten wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus und meistens wie „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“: fünf Stunden Geschichtsfernsehen, bei dem man am Ende tatsächlich eine Ahnung davon bekommt, wie nicht nur der Eiserne Vorhang fiel, sondern eine Mauer in den Köpfen entstand. Es ist aber leider nur eine Ahnung.

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