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Filmkritik: „Free Rainer“ : Nie wieder „Unterschichtenfernsehen“

  • -Aktualisiert am

Quotenterrorist Rainer (Moritz Bleibtreu) Bild: ddp

In „Free Rainer“ zeigt Hans Weingartner, was in seinem Erfolgsfilm „Die fetten Jahre sind vorbei“ gefehlt hatte: Ein politisches Programm, eine Haltung, die da lautet: Wer die Gesellschaft verändern will, muss beim Fernsehen anfangen. Warum zum Beispiel nicht mal die Quoten manipulieren?

          Als Hans Weingartner vor drei Jahren mit dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ einen Welterfolg hatte, sah es für einen Moment so aus, als hätte eine ganze Generation plötzlich eine Stimme gefunden: eine Generation des politischen Protests, der sich nicht mehr ideologisch und intellektuell versteht, sondern emotional und aktionistisch. Im Angesicht eines alternden Achtundsechzigers erwiesen sich die jungen Leute dabei aber als unvermutet ratlos. Es schien, als wäre ein eigenes politisches Programm die große Leerstelle in dem Film. Das offene Ende wies immerhin die Richtung. Wer die Gesellschaft verändern will, muss beim Fernsehen ansetzen. Mit seinem neuen Film „Free Rainer“ löst Hans Weingartner nun im Grunde ein, was an „Die fetten Jahre sind vorbei“ gefehlt hatte, wo ja nur die Möbel besitzender Bürger umgestellt wurden.

          Der Mann, um dessen Befreiung es in „Free Rainer“ geht, erlebt den ganzen Wahnsinn des Systems Fernsehen am eigenen Körper und an der eigenen zerrütteten Psyche. Rainer (Moritz Bleibtreu) ist arrogant wie Sau, fährt Auto wie Amok und ist permanent auf Koks. Er hat eine attraktive Frau, eine tolle Wohnung und kein Gewissen. In der Branche gilt er als Top-Mann. Dass seine Selbstverachtung grenzenlos ist, ist aus den ersten Szenen des Films leicht zu erahnen. Die Offenbarung kommt nach einem Verkehrsunfall, den eine junge Frau namens Pegah an ihm verschuldet: Sie hat eine offene Rechnung mit ihm, weil er mit einer „Enthüllungsgeschichte“ in einer von ihm verantworteten Sendung ihren Großvater in den Selbstmord getrieben hat.

          Alphamann auf subversiver Mission

          Rainer erwacht als (fast) neuer Mensch aus dem Koma: Seine Prioritäten haben sich verschoben, er will nun nicht mehr „Unterschichtenfernsehen“ machen, sondern Kultur produzieren. Der ganze narrative Trick von „Free Rainer“ besteht nun darin, dass das Projekt der Veränderung nicht bei den Inhalten ansetzt, sondern bei der Quote. Auf einer subversiven Mission, der sich bald auch noch ein leicht paranoider Medientechniker (Milan Peschel) anschließt, finden Rainer und Pegah heraus, wo sich der Zentralrechner befindet, bei dem die Daten aus den einzelnen Haushalten zusammenlaufen, aus denen sich am Ende das errechnen lässt, was als „die Quote“ dem gesamten Fernsehen die Bedingungen diktiert. Rainer und seine Leute entschließen sich daraufhin, die Quoten zu manipulieren - und zwar zugunsten der Qualitätssendungen.

          Fernsehschaffende vor dem Spiegel: Rainer und Anna (Simone Hanselmann)

          Unverkennbar liegt auf dem Grund von „Free Rainer“ wie schon in „Die fetten Jahre sind vorbei“ die Vision eines anderen, gewaltlosen, didaktischen, technisch versierten, subversiven statt aggressiven Terrorismus. Wie die RAF vor dreißig Jahren operieren auch Rainer und seine bald bunt zusammengewürfelte Außenseiterbande aus dem Untergrund, sie haben eine unentdeckte Kommandozentrale und verteilen sich von dort aus quer über die ganze Republik. Rainer & Co. manipulieren die Quoten von Sendungen dergestalt, dass Bildungsfernsehen plötzlich hohe Einschaltziffern zu haben scheint, während die Trash-Formate abstürzen. Dieses Manöver kann nur Sinn entfalten, wenn die Menschen darauf einsteigen, wenn sie also tatsächlich aus der Verdummung erwachen („frei“ werden) und plötzlich Geschmack an Dokumentationen über das alte Ägypten entwickeln.

          Der Film selbst ist eher Fernsehen als Kino

          Dies tritt tatsächlich ein. Hans Weingartner widmet diesem Phänomen einige Montagesequenzen, die in ihrer Form zwar als positive Utopie gekennzeichnet sind, gleichwohl sehr unmittelbar das politische Ideal des Films zu erkennen geben. Spätestens hier - in den von Musik untermalten Bildern von aus den Medienhöhlen entlassenen Menschen, die sich in freier Natur zum gegenseitigen Vorlesen versammeln - gerät Hans Weingartner in eklatanten Widerspruch zu seiner eigenen Medientheorie. Denn das ganze Konzept des Films beruht auf einer einfachen Unterscheidung zwischen guten und schlechten Sendungen, zwischen guten Medienformen (Kino) und schlechten (Realityshows im Fernsehen), zwischen Aufklärung und Verdummung. Der Film „Free Rainer“ versucht nun aber gerade, diese für ihn konstitutive Unterscheidung selbst aufzuheben: denn die ästhetischen Mittel, auf die Weingartner setzt, sind weitgehend die der Komplexitätsreduktion des Fernsehfilms.

          Das wird früh an der Figurenzeichnung von Rainer kenntlich, der bestenfalls eine Karikatur darstellt, aber niemals zu einem Subjekt mit interessanten (weil nicht von vornherein eindeutigen) Motiven wird. Das gilt dann auch für die gesamte Dramaturgie (lineare Simplizität) und „mise-en-scène“ (in der steten Abfolge von Establishing-Shots und Dialogszenen extrem konventionell) und besonders stark sicher für die genannten Montagesequenzen, die im Grunde Werbespots sind.

          Weingartner und seine Koautorin Katharina Hold lassen es sich nicht nehmen, in einem Vorgriff auf die künftige, bessere Mediengesellschaft auch noch einen zweiten Filmemacher neben Fassbinder namhaft zu machen: Es ist Hans Weingartner selbst mit „Die fetten Jahre sind vorbei“. Die schale Selbstironie dieses Moments wird überlagert von dem Bestreben, eine Genealogie zu entwerfen, der „Free Rainer“ an keiner Stelle genügt. Denn alles das, was bei Fassbinder an Ambivalenzen und Aporien der Freiheit entgegensteht, wird bei Hans Weingartner im Sinne eines nur mit den allernotdürftigsten satirischen Einschränkungen versehenen Aufklärungsoptimismus aufgelöst, der von der Stilistik altmodischer Parteienwerbung nicht weit entfernt ist. Menschen, die bevorzugt Arte gucken, mag Weingartner zu einer neuen Bewegung formen. Aus dem Kino hat er sich aber vorerst verabschiedet.

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