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Schocker nach Kehlmann : Unheil im Designerhaus

Kevin Bacon in „Du hättest gehen sollen“ Bild: action press

Aus diesem Lockdown gibt es kein Entkommen: Mitten in der Krise feiert der Horrorfilm „Du hättest gehen sollen“ nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann digitale Premiere.

          6 Min.

          Was man sieht, ist eine feuchte Wiese, Nebel, ein Steinmäuerchen, Einsamkeit; da parkt der Range Rover, mit dem die Familie durch die einsame Hügellandschaft hierhergekommen ist, um ein paar Tage Ferien zu machen; da spielt das Kind. Da steht, auf einem Hügel, das Haus. Wenig später beschließt der Mann in diesem Haus, ins Freie zu treten, er öffnet die Tür nach draußen – und muss feststellen, dass die tiefer ins Haus führt. Das Haus macht seltsame Dinge. Der Mann sieht an den Wänden Bilder von sich, wo keine sein können, seine Frau Susanna, eine Schauspielerin, kann auch in der Einöde nicht von ihrem Mobiltelefon lassen, und es dauert nicht lange, bis der Mann feststellen muss, dass seine Frau nicht nur ein Telefon hat, sondern zwei identische Geräte – und dass auf dem zweiten Liebesbotschaften einer Affäre eingehen. Der Verdopplung (ein Gruß ans Doppelgängermotiv des Horror-Genres) steht die gespenstische Auslöschung des Mannes gegenüber; dort, wo er sich im Panoramafenster spiegeln müsste, sieht er nur den Raum, die ungerührten Dinge. Er hat sein Spiegelbild verloren wie Peter Schlemihl seinen Schatten; was er zu sehen erwartet, nämlich sich, gibt es offensichtlich nicht.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In David Koepps Film „Du hättest gehen sollen“, einer freien Weiterentwicklung von Daniel Kehlmanns gleichnamiger Gespensternovelle, sind Kevin Bacon als Mann mit dunklem Geheimnis und Amanda Seyfried als seine eiskalt perfekte Gattin zu sehen – und während ihr Beziehungsdrama seinen Lauf nimmt, fängt das Haus an, immer unheimlichere Dinge zu tun: Korridore verdoppeln sich, Räume ändern ihre Position. Der Mann vermisst das Haus – und muss feststellen, dass es innen größer ist als außen (ein Gruß an Mark Z. Danielewskis „House of Leaves“, das ebenfalls innen größer ist als außen).

          Dann wird es noch schlimmer: Erstaunt stellt der Vater fest, dass jemand „Geh weg, sofort“ in sein Notizbuch geschrieben hat. Er nimmt das nicht ernst, er vertraut darauf, dass auch in einer Krise die Grundparameter der Realität bestehen bleiben, dass Zeit und Raum nicht anfangen, sich um sein ramponiertes Leben zu krümmen und ein teuflisches Dickicht auszuformen, in dem er mit dem Kind festhängt. Aber genauso ist es: Er hätte gehen sollen, jetzt ist es zu spät. Er fühlt sich „in zwei Wesen gespalten“, und zwar buchstäblich: Als er fliehen will, sieht er am Fenster des leeren Hauses den Schatten von sich selbst. Sogar die Landschaft macht plötzlich bei dem Teufelsspiel des sich krümmenden Raums mit: Als der Mann endlich dem Haus entkommt, wandert er stundenlang mit dem müden Kind durch die Kälte Richtung Tal – um plötzlich wieder direkt vor dem Haus zu stehen. Sein Kopf steckt fest in der euklidischen Geometrie, für höherdimensionale Mannigfaltigkeiten fehlen ihm die Formeln.

          Ein modernes Spukschloss

          Im Jahr des Lockdowns scheint der Film über ein Albtraum-Haus, das seinen Bewohner nicht mehr nach draußen lässt, einen Nerv zu treffen: Die englische Originalfassung des Films, der im Sommer wegen der Corona-Krise nur digital Premiere hatte, hielt sich über längere Zeit unter den meistgestreamten Filmen bei Apple TV und iTunes; jetzt ist „Du hättest gehen sollen“ digital auch auf Deutsch zu sehen. Das unheimliche Zentrum des Films ist, wie im Buch, das Haus, und wie bei Kehlmann ist es kein altes Spukschloss, sondern ein modernes: Der Film wurde unter anderem in Wales in einem der Designerhäuser gedreht, mit denen Alain de Bottons „Living Architecture“-Stiftung den Urlaub in ein „Raum-Event der Stille und Meditation“ verwandeln will, was selbst ein bisschen nach einer Horrordrohung klingt. Im Film ist dieses – im echten Leben „life house“ getaufte – Gebäude eine „living architecture“, die nicht zur Freude ihrer Bewohner zum Leben erwacht.

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