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Filmkritik : Die Todgeweihten grüßen uns

Ein virtuoses Paar: Corinna Harfouch als Chirurgin (l.) und Margarita Breitkreiz als Geigerin Bild: dapd

Eine Elegie für zwei Schauspielerinnen: Corinna Harfouch und Margarita Breitkreiz beschwören in „Hand in Hand“ das große melancholische Gefühl - bis zum bewegenden Ende.

          2 Min.

          „Kopfschmerzen, Kopfschmerzen. Ich nenn' das jetzt Stress.“ Professor Heike Laurens, die begnadete Gefäßchirurgin, weiß, was es mit ihren Kopfschmerzen auf sich hat. Aber sie will nicht darüber nachdenken und schon gar nicht darüber reden, nicht mit dem Kollegen, der ihr Schüler ist und sie behandelt, nicht mit ihrer Assistentin, nicht mit ihrem Mann. Sie will weitermachen bis zum Schluss. Dass sie auf den nicht mehr lange warten muss, weiß sie auch.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Trotzdem operiert sie, auch wenn ihre Kräfte schwinden, die berühmte Violinistin Mathilda Wahry. Die große Wahry, von der die Welt spricht. Auch sie weiß, dass es zu Ende geht - mit ihrer musikalischen Karriere. Eine Hand, mit der man Brot schneiden, aber nicht den Bogen führen kann, will sie nicht. Musikalisch, sagt die Chirurgin lakonisch, ist diese Hand tot.

          Eine tote Hand wiederum liegt im Kontor des Archäologen Friedrich Laurens, internationale Koryphäe für Moorleichen. Wer noch mit ihm rede, will seine Frau wissen. „Nur die Toten und - du“, gibt er zurück. Während Mathilda Wahrys Mann, der mittelmäßige Dirigent Istvan Graf Fekete, seine Frau in dem Moment verlässt, da sie als „musikalische Kreation“ nichts mehr gilt, will Friedrich Laurens bei der seinen bleiben. Die aber schickt ihn fort, aus seinem Institut in Dresden, das gerade abgewickelt wird, auf einen Lehrstuhl nach Halle. Sie selbst geht auf Reisen, nach Lettland, in Mathildas Heimatdorf. Denn die Geigerin, die allen gegenüber das Biest gibt, hat ihre Ärztin ins Herz geschlossen und ahnt, dass diese Reise eine zu den letzten Stationen ist, zu einem letzten Konzert, zu einem letzten Abend am See.

          Ein Käfig voller Tragöden

          Es dauert ein paar Momente, bis man sich in den Film „Hand in Hand“ hineingesehen hat. Denn er hat einen ungewöhnlichen Ton, in Ton und Bild und Spiel. Margarita Breitkreiz trägt die zickige Diva in den ersten Szenen ein wenig dick auf, Corinna Harfouch hingegen zeichnet das Schicksal der Ärztin von Beginn an scharf und genau. So beginnt der Reigen des virtuosen Ensembles, mit Jürgen Heinrich als Archäologen, Tonio Arango als Dirigenten, Pierre Besson als gutmütigem Klinikadlatus der „Chefin“, Christine Schorn als gutmütiger Oberschwester, die den unpassenden Namen Bloody Mary trägt, und schließlich Rolf Hoppe als Dorfarzt, der der großen Wahry, als sie noch ein Mädchen war, das Geigenspielen beibrachte.

          Ein wenig manieriert kann einem das schon vorkommen, lauter gebildete, einsame Menschen, jeder ein Sonderfall und alle zusammen ein Käfig voller Tragöden. Tod und Verderben, wohin man blickt. Auch bei der jungen Frau, die eben noch die große Wahry im Konzert bewundert und meint, sie habe bei diesem Klang „das Antlitz Gottes gesehen“. In der nächsten Szene geht sie ins Wasser.

          Melancholisch, morbide, melodramatisch

          Die Dialoge des Drehbuchautors Justus Pfaue vermeiden mitunter auch nur haarscharf den Kitsch, sind manchmal etwas gespreizt, doch er findet den richtigen Ton. Die Regie von Thomas Berger setzt wie die Kamera von Gunnar Fuß ganz auf die Schauspieler, und daran tun sie gut.

          Beim Namen Justus Pfaue müsste es bei den Zuschauern jenseits der vierzig klingeln. Pfaue ist der Mann, der die legendären ZDF-Weihnachtsserien „Jack Holborn“ und „Silas“ schrieb, von ihm stammen die Bücher zu den Serien „Timm Thaler“, „Patrik Pacard“, „Manni, der Libero“, „Nesthäkchen“ und „Anna“, schließlich „Die Wicherts von nebenan“ und zuletzt die „Kirschenkönigin“. Er ist ein Meister seines Fachs, in dem sich heute nicht mehr viele üben: große Gefühle zu beschwören, ohne aufs Gefühlige zu verfallen. Ein „melancholisch-morbides Märchen-Melodram“ nennt der zuständige ZDF-Fernsehspielredakteur Pit Rampelt diesen Film und liegt damit ziemlich richtig. Allzu viele Stücke dieser Machart sehen wir heutzutage nicht mehr - und das ist kein Fortschritt.

          Corinna Harfouch und Margarita Breitkreiz sind als Heike und Mathilda also auf einer Tour wie einst Jan Josef Liefers und Til Schweiger in „Knockin' on Heaven's Door“. Nur ist das letzte, gemeinsame Abenteuer der beiden Frauen die leisere, zartere, nicht minder bewegende Variante, bis zum Schluss, da die Geschichte ganz sacht (und ziemlich traurig, wie wir es von Anfang an leider kommen sahen) verklingt.

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