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Filmfestival Venedig : Feldzug gegen die Niedertracht

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Am Grab des verlorenen Sohnes: Judi Dench als Philomena und Steve Coogan als ihr journalistischer Begleiter Sixsmith. Bild: Alex Bailey

Stephen Frears begeistert beim Filmfestival Venedig mit „Philomena“ - der Geschichte einer Frau, die sich auf die Suche nach ihrem Sohn begibt, den ihr einst die Kirche wegnahm.

          3 Min.

          „Magdalene“ hieß vor sieben Jahren ein irischer Festivalbeitrag über ausgebeutete und missbrauchte Mädchen in katholischen Heimen. Dieser packende Film, der damals als Fanal gegen die katholische Erziehung begriffen wurde und den Goldenen Löwen gewann, findet mit Stephen Frears’ neuem Film „Philomena“ nun eine direkte Fortsetzung. Judi Dench spielt die Titelheldin, eine alte Dame aus Irland, die sich auf die Suche macht nach dem Sohn, den ihr vor bald fünfzig Jahren die Nonnen weggenommen und als Adoptivkind nach Amerika verkauft haben.

          Die Recherchen und Reisen gegen den Totalwiderstand und gegen die Lügen der katholischen Institutionen kann sie sich nur durch den Journalisten Martin Sixsmith leisten, der ihre rührende Story einem englischen Tabloid vorverkauft hat. Stephen Frears wäre nicht - in typisch angelsächsischer Manier - einer der großartigsten Erzähler des Gegenwartskinos, wenn er diese Geschichte nur als den dokumentarischen Psychothriller einrichten würde, der darin verborgen ist.

          Agnostizismus gegen Kinderglauben

          Doch als Psychologe, der sich in seinem Werk immer mehr für die Menschen als für Meinungen interessiert hat, gelingt es Frears - zusammen mit seiner großartigen Hauptdarstellerin - kein wohlfeiles antireligiöses Pamphlet aus „Philomena“ zu machen. Denn diese simple, milde, aber auch störrische Frau hat ihren katholischen Glauben und den Respekt vor Priestern und Nonnen, die ihr Leben beinahe zerstört hätten, niemals verloren. Auf ihrem Feldzug gegen die Niedertracht geht sie zwischendurch beichten und beten.

          So entwickelt Frears mit klug getimter Situationskomik und viel Geduld ein ganz anderes Duell: das zwischen der einfachen Krankenschwester und dem gelinde hochnäsigen Intellektuellen, der eher widerstrebend auf ihr Schicksal gestoßen ist, der zunehmenden Ekel vor der ihm miefigen Kirchenwelt entwickelt und sich oft erfolglos bemüht, diese irische Omi, die sein Geschäftsmodell darstellt, nicht offen zu verachten: Oxford gegen Limerick, Agnostizismus gegen Kinderglauben, Kosmopolit gegen Provinzgroßmutter - wer wird obsiegen?

          Steve Coogan, in Britannien ein berühmter Filmkomiker, schafft es mit sehr britischer Höflichkeitsarroganz, irritiertem Blick, genau plazierten Bonmots und wachsender Menschlichkeit, die große Shakespeare-Heroin Judi Dench stellenweise an die Wand zu spielen. Es ist sein atheistisches Staunen über Abgründe von Verlogenheit kirchlicherseits, seine am Ende fast zärtliche Hochachtung vor Philomenas Würde, das Coogan uns mitmachen lässt.

          Erzählung katholischer Herzlosigkeit

          Mit demselben Esprit und Gespür für Zwischenmenschliches hat Frears bereits in „The Queen“ vermieden, einen Diana-Enthüllungsfilm zu drehen, sondern eine skurrile, naturgemäß einseitige Liebesgeschichte zwischen einem schmierigen Tony Blair und einer entrückten Elisabeth II. daraus gemacht. Gutes Kino funktioniert eben nur, wenn abstrakte Themen, seien sie auch noch so himmelschreiend aktuell, menschliche Gesichter bekommen.

          Für die wachen Augen dieser Philomena, die nach einem Halbjahrhundert wieder zur pubertären Kindsmutter regrediert und damit erst ganz zu sich kommt, hat der Regisseur darum mehr Achtsamkeit als für die erwartbar kalten Flure des katholischen Mütterheims. Dass der gesuchte Anthony sich schließlich in Washington in der präsidialen Administration lokalisieren lässt, dass er längst an Aids gestorben ist, dass er gegen jede Wahrscheinlichkeit todkrank in Irland seine leibliche Mutter suchte und dass die verbrecherischen Nonnen ihm sogar noch diesen Wunsch eiskalt verwehrten, schält sich schließlich als schwer fassbares Ergebnis dieser interkontinentalen Recherche heraus.

          Der Papst, so wünschte sich Frears in Venedig, möge sich diese Erzählung katholischer Herzlosigkeit doch einmal anschauen. Ob Franziskus, der seine Firma gut zu kennen scheint, da wirklich noch Neuigkeiten erfährt?

          „Ich vergebe Ihnen; ich will niemanden hassen“, sagt jedenfalls im Film Philomena der greisen Schuldigen ins Gesicht. Und der Journalist, der so viel Größe gar nicht fassen kann, stellt dem geraubten Kind am Ende eine kitschige Jesusfigur aufs Grab. Namen und Geschichte hat Stephen Frears, der Dokumentarfilmer zweier Seelen, übrigens keineswegs erfunden.

          Im Abspann erscheinen die Fotografien der echten Philomena und des echten Sixsmith mit dem Hinweis, dass gegen den zähen Widerstand der katholischen Kirche Irlands immer noch Tausende Menschen auf der Suche sind nach ihren Müttern, ihren Kindern, ihrem Frieden.

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