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Filmfest Ludwigshafen : Das Ende eines Leitmediums

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Ludwigshafen leuchtet: Das Festival bei Nacht Bild: Festival des deutschen Films

Das Filmfest in Ludwigshafen könnte ein gemütliches regionales Fernsehfilm-Treffen sein, gibt sich aber lieber pompös und kinematografisch. Und diagnostiziert das Ende eines Leitmediums.

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          Wer in diesen Tagen sehen will, wie es um den deutschen Fernsehfilm steht, der kann das unter den denkbar besten bizarrsten Umständen tun. Auf der Parkinsel am Rhein bei Ludwigshafen warten zwei geräumige Kinozelte, ein Restaurant- und Begegnungszelt sowie noch ein WM-Fußballzelt bis zum 6. Juli auf die Besucher des zehnten Festivals des deutschen Films.

          Auf dem Rhein schieben mächtige Kähne mit Containern vorbei. Aus den alten hohen Platanen schimpfen lautstark die Vögel auf die vielen Besucher, die mit einem Picknickkorb zu 19,90 Euro plus 10 Euro Pfand am Rheinaufer lagern und besprechen, was sie da gerade gesehen haben. Was sie da sehen (werden) sind deutsche Kinofilme, die schon längst bundesweit angelaufen sind, wie „Der letzte Mensch“ mit Mario Adorf, Filme, die schon im letzten Jahr in München Premiere feierten, wie „Finsterworld“, und einfache Fernsehfilme.

          Deutsches Finanzierungssystem für Filme „antiquiert“

          Gipfel dieser Strategie ist der Einsatz eines „Tatort“, der Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur, der Festivalleiter Michel Kötz attestiert, einer „der besten Filme“ zu sein: „Der ist so kinematografisch. Da fallen Ihnen die Ohren ab. Aber er ist nicht in der Kinoagenda, weil kein Kinogeld drin ist. Deswegen fehlt der auf Festivals.“ Nun nicht mehr, dank Kötz und seines lustigen Filmfests, das den Ehrengästen die Möglichkeit bietet, ihre kleinen Feiern rechts von der Werbewand und gleich hinter dem Akkreditierungstresen zu feiern.

          Drehte seinen ersten Film im Jahr 1948: Walter Schultheiß
          Drehte seinen ersten Film im Jahr 1948: Walter Schultheiß : Bild: Jörg Michael Seewald

          Dort sitzen am Eröffnungsabend, der durch eine kurze Rede von Ministerpräsidentin Malu Dreyer veredelt und eine lange Rede von Kötz gedehnt wurde, die Helden des Films „Global Player – wo wir sind isch vorne“, die symptomatisch sind für die Tonart dieses Festivals. Hier schwätzt man schwäbisch, gedreht wurde rund um den Hohenzollernstammsitz in Hechingen, wo der scheinbar unaufhaltsame Niedergang einer Textilfirma zu besichtigen ist, in Bildern, die deutlich eher ans Fernsehen als ans Kino erinnern, und mit Schauspielern, die man aus dem Fernsehen kennt.

          Ulrike Folkerts zum Beispiel, die für die ARD in Ludwigshafen „Tatort“-Wache schiebt und hier als Mitinhaberin der bankrotten Firma die Laune des Patriarchen ertragen muss. Der wird gespielt – und das ist ein wirklicher Clou - vom neunzig Jahre alten Walter Schultheiß, der vielen Fernsehzuschauern noch als „König von Bärenbach“ in Erinnerung ist, und seinen ersten Film 1948 drehte: „Heimat ist Arbeit“ hieß der und galt lange als verschollen. Schultheiß' Helden hörten auf Namen wie Heinrich George, Emil Jannings und Marlene Dietrich. „'Gary Cooper in Bengali' war für mich mit seiner selbstverständlichen Art zu reden ein Revolutionär“, erzählt Schultheiß gut gelaunt. Er ist zum ersten Mal mit einem eigenen Film zu einem Festival eingeladen worden und da, wo er schon den „Schinderhannes“ „live“ gedreht hat, „da war Carl Zuckmayer noch anwesend“.

          Jetzt hält er sich lieber an Regisseur Hannes Stöhr, der aus Stuttgart stammt, den zwei Millionen teuren Kinofilm „Global Player…“, der 2015 im Fernsehen laufen wird, in 32 Drehtagen realisiert hat und darauf baut, dass die hunderttausend Zuschauer, die er zur Refinanzierung braucht, „allein schon in Baden-Württemberg“ generiert werden, „damit die Kasse stimmt“. Er hält das deutsche Finanzierungs- und Verwertungssystem für antiquiert. „Das Fernsehen ist nicht länger das Leitmedium. Diese Rolle hat das Internet übernommen. Wen interessiert denn noch, wann der Film ins Kino kommt. Wenn ich Kinobetreiber wäre, würde ich den Film nach der Fernsehausstrahlung ins Kino stellen. Aber das Problem ist, dass es kaum noch unabhängige Kinobetreiber gibt.“

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