https://www.faz.net/-gqz-9wlbn

Metoo-Film: Wahrheit oder Lüge : Erst das Recht, dann die Moral?

  • -Aktualisiert am

Krieg der Geschlechter: Annabelle (Natalia Wörner) wird von John (Fritz Karl, links) und Tom (Marc Hosemann) im Anwaltsbüro erwartet. Bild: ZDF und Conny Klein

Zwischen Machosprüchen und feministischer Solidarität: In „Wahrheit oder Lüge“ geht eine Anwältin Vergewaltigungsvorwürfen auf den Grund. Der Film hält Männer nicht a priori für schuldig, spricht sie aber auch nicht frei.

          3 Min.

          Die englische Miniserie „Liar“ der Brüder Harry und Jack Williams, die just zu Beginn der #Metoo-Bewegung eine möglicherweise vorgefallene Vergewaltigung zum Sujet hatte – eine Frau erhob diesen Vorwurf nach einem Date; der beteiligte Mann stritt alles ab; beide warfen einander vor, zu lügen –, war vor zweieinhalb Jahren ein großer Quotenhit für den Sender ITV. Einen guten Teil ihres Reizes verlor die Serie, die in Kürze fortgesetzt wird, allerdings durch die nach einigen Episoden erfolgte Entscheidung für eine der beiden unvereinbaren Versionen. Von diesem Moment an handelte es sich nur noch um einen üblichen Spannungsthriller mit wenig glaubwürdigen Twists.

          Nun nimmt sich auch der auf kantigen Krimiexistentialismus abonnierte Lars Becker, unter anderem Erfinder der grandiosen Reihe „Nachtschicht“, dieses für die Fiktion schwierigen, weil emotional so stark besetzten Themas an. Als Vehikel dient eine Anwalt-Story. Dennoch ist „Wahrheit oder Lüge“ ein für Becker ungewöhnlich thetischer Film geworden, dem das Bemühen anzumerken bleibt, beide Seiten angemessen zu berücksichtigen – also sowohl Opfer falscher Beschuldigungen als auch Opfer (dreist verleugneter) sexueller Gewalt zu zeigen. Dass Geschlechter-Diskrepanzen sich nicht immer fatal auswirken müssen, behandelt der Film auf der Ebene des Privatlebens der Protagonistin.

          Aufarbeitung in aller Sachlichkeit

          Es ist der im Detail stimmigen Regie und dem stets überzeugenden Spiel Natalia Wörners als reflektierte, auf die Verteidigung sexueller Übergriffe beschuldigter Männer spezialisierte Anwältin Annabelle Martinelli zu verdanken, dass bei aller Inhaltsschwere und Formstrenge ein sehr ansehnlicher Film dabei herausgekommen ist. Die für Becker typische kalt-blaue Lichtführung versetzt uns gleich in Maximaldistanz zu jeder Sinnlichkeit. Plausibel ist auch der Verzicht auf die üblichen musikuntermalten Rückblenden von wie auch immer gearteten Sexszenen. Stattdessen wird das Geschehen allein aus dem Blickwinkel seiner rechtlichen Aufarbeitung präsentiert.

          Zwei einander auf den ersten Blick ähnelnde Fälle bekommt die toughe Anwältin von ihrem stets geschäftstüchtigen, sich im Hinblick auf einen vermeintlichen „Generalverdacht gegen Männer, besonders nach der #Metoo-Kampagne“ aber durchaus positionierenden Chef (Fritz Karl) zugeteilt. Zum einen ist da der Vergewaltigungsvorwurf gegen einen bekannten Gangsta-Rapper (Lefaza Jovete Klinsmann), den dessen Exfreundin (Almila Bagriacik) erhebt. Die Situation eskaliert sofort, als sich die Beteiligten begegnen. Zum anderen droht eine suspendierte Angestellte (Franziska Hartmann) dem CEO einer IT-Investmentfirma (Felix Klare) mit einer Anzeige wegen Vergewaltigung auf dem Hotelzimmer. Es mag gesucht wirken, ist aber von Bedeutung, dass es sich bei der Frau, die es zur Annahme einer hohen Abfindung zu drängen gilt, um eine gute Freundin Martinellis handelt, was diese in Gewissensnöte stürzt.

          Unbeirrt auf der Suche nach der Wahrheit

          Geschickt inszeniert Becker, wie die widersprüchlichen Versionen der Tatnacht, die beide ihre Defizite haben, im Kopf der Anwältin um Diskurshoheit ringen. Komplexitätssteigernd wirkt sich aus, dass zum klassischen Konflikt zwischen Moral (Ist einer Freundin nicht vorbehaltlos zu glauben?) und Recht (Was genau ist nachweisbar?) hier eine dritte Komponente hinzutritt: die per se nicht anrüchige Loyalität von Anwälten zu ihren Mandanten, für die man auch im Schuldfalle das Beste herauszuholen versucht, was dann aber doch einen ethischen Dreh bekommt: „Vielleicht sind sie gar nicht so schuldig, wie man denkt.“

          Die Protagonistin, äußerlich kaum tangiert von den Machosprüchen um sie herum – der CEO habe eine Sextat „nicht nötig“ gehabt; „Wir haben doch alle schon mal einen über den Durst getrunken“; „Du willst es doch auch“ –, geht ungerührt auf Wahrheitssuche, lässt sich dabei weder von eingeforderter „Frauensolidarität“ noch vom wenig erfüllenden Verhältnis mit ihrem verheirateten Chef beeinflussen, steht ganz zuletzt allerdings doch vor einer moralischen Entscheidung, die sie mit glaubhafter Konsequenz trifft.

          Becker hat dank seiner starken, kühlen, unheroischen Heldin dem sperrigen Thema so viel Spannung abgewonnen, wie es möglich war, ohne in einen konventionellen Thriller abzubiegen. Dafür werden hier Traumatisierungen und Existenzängste ernst genommen. Bleibenden Eindruck hinterlässt auch die von den Männern gar nicht bemerkte Demütigung der Anklägerin, als ihre Verzweiflung nur mit einem höheren Abfindungsangebot beantwortet wird. Die Problematik einer vorsätzlichen dramaturgischen Arithmetik bleibt allerdings: Dass sich die beiden Fälle ganz verschieden entwickeln (und der des Klischee-Rappers wenig in die Tiefe geht), hätte man von Beginn an wetten können. Aber vielleicht sind überraschende Volten auch nicht immer gefordert.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anthony Fauci bei einer Pressekonferenz des amerikanischen Präsidenten Donald Trump

          Corona-Berater des Präsidenten : Fauci bekommt Personenschutz

          Anthony Fauci ist für viele Amerikaner das Gesicht der Corona-Krisenbewältigung. Einigen Rechten ist er verdächtig. Sie sehen in ihm einen Vertreter des „tiefen Staats“, der Donald Trump schaden wolle – und sie bedrohen ihn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.