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Fernsehfilm : Die vielen Gesichter des Missbrauchs

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Was es heißt, gegen die Obrigkeit aufzubegehren

Weil all die Fragen nach dem Wie und Warum unabwendbar bleiben und auch die im Film vorgestellte junge Biologie-Lehrerin Petra Grust sie sich gestellt haben könnte, durchläuft die von Julia Jentsch verkörperte Pädagogin mit den Zuschauern im Rückblick das Geschehen an der Odenwaldschule. Es sind die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Petra Grust wird von dem ebenso eloquenten wie charmanten Schulleiter an ihrem neuen Arbeitsplatz empfangen. Der wahre Schulleiter der Odenwaldschule hieß Gerold Becker, hier heißt der Direktor Simon Pistorius. Ulrich Tukur spielt einen Mann, der in seiner scheinbar harmlosen Fröhlichkeit für die Offenheit der Reformpädagogik zu stehen scheint: Freiheit des Geistes und der Körper.

Doch dann beginnt Petra Grust sich zu wundern - und wir tun es mit ihr. Wir sehen zwei Paar Schuhe vor dem Duschraum stehen, ein kleines und ein großes. Wir hören die Gemeinplätze ihrer vom Zeitgeist beseelten, moralisch tiefenentspannten Kollegen, die die pädokriminellen Vergehen des mit harter Hand herrschenden Schulleiters abtun, als handele es sich beim täglichen „Morgenritual“ unter der Dusche nicht um sexuelle Übergriffe, sondern um die mit der immer wieder betonten „Erziehung auf Augenhöhe“ zu rechtfertigende Leistung eines Pädagogen zur Charakterstärkung. Und wie Petra Grust fühlen wir den Schmerz des emotional verwahrlosten Schülers Frank (Leon Seidel), eines der auserwählten Lieblingsknaben des Schulleiters. Petra Grust bahnt sich mit Zuwendung einen Weg in die Gefühlswelt des verstörten Jungen, doch sie endet selbst als Opfer. Sie bekommt zu spüren, was es heißt, in einem derart abgeriegelten System gegen die Obrigkeit aufzubegehren.

Keine vorbildhafte Aufarbeitung

„Die Auserwählten“ bleibt, man muss das so sagen, eine Primetime-Produktion: mit den Vorteilen des unmittelbaren Zugangs, aber auch mit den sich aus der raschen Auf- und Abarbeitung der Tatsachen ergebenden Mängeln - das notwendige Herzeigen des Wissens etwa um die vielen Mosaiksteinchen, ohne sie im feinen Licht zeigen zu können. Ein müßiger Gedanke, wie subtil man sich dem Thema hätte nähern können, wie ungleich intensiver einzelne Stränge hätten erzählt werden können: die Einflussnahme politischer Figuren oder die Unmöglichkeit des Entkommens der Opfer aus den Wohnräumen ihrer „Familien“, wie an der Odenwaldschule die Lehrer-Schüler-Wohngruppen genannt wurden.

Es bleibt zu hoffen, dass der Film eine Art Eigenleben für die Präventionsarbeit entwickelt. Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie erstaunlich es ist, dass „Die Auserwählten“ am Originalschauplatz in Südhessen gedreht werden durfte. Zum Start der Dreharbeiten wurde von der Schule, die tief in den roten Zahlen steckt, erklärt, sie müsse sich ihrer Geschichte stellen, wolle sie eine Zukunft haben. Am Ende des Films, wenn der Abspann beginnt, läuft ein Satz über den Bildschirm, der angesichts der soeben erzählten Geschichte schal klingt: „Die Odenwaldschule tritt ein für die Verarbeitung der Vergangenheit.“

Die Aufarbeitung der Geschichte der Odenwaldschule läuft bekanntlich nicht vorbildhaft, im Gegenteil, es kommen immer neue Verschleierungstaktiken der Verantwortlichen ans Licht. Und wer weiß, was wir alles noch gar nicht wissen.

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