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Nach dem GAU : Überlebensstrategien in einer verstrahlten Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: © Bellota Film

Was tun Menschen, die nach den Atomunfällen von Tschernobyl und Fukushima dort leben müssen, wo keiner bleiben will? Der Dokumentarist Olivier Julien zeigt, wie man sich gegen die Katastrophe behauptet.

          Dreißig Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl scheint von dieser nur noch eine entfernte Erinnerung übrig zu sein, zumindest bei all jenen, die kaum vom radioaktiven Niederschlag betroffen waren. In den verstrahlten Gebieten aber ist das Ereignis jeden Tag präsent. Und so wird es noch sehr lange bleiben, Strontium-90 und Caesium-137 sind gerade einmal zur Hälfte zerfallen. Die meisten Beiträge, die sich zum heutigen Jahrestag mit dem Super-GAU von Tschernobyl beschäftigen, zeigen die Bilder vom Unfall und den Aufräumarbeiten oder handeln von Besuchen in der Sperrzone rund um das Kraftwerk. Olivier Julien hat einen anderen, hochinteressanten Dokumentarfilm gedreht. Er konzentriert sich auf die schwach kontaminierten Gebiete, die nicht evakuiert wurden. Hier mussten Menschen lernen, mit den Folgen des Unfalls zu leben. Die Gebiete liegen in der Ukraine, in Russland und vor allem in Weißrussland, aber auch große Teile des Siedlungsgebiets der Südsamen in Norwegen wurden verseucht.

          Dramaturgisch geschickt beginnt Julien allerdings weitab von Europa, nämlich in Gemeinden der Provinz Fukushima, die bei der fünf Jahre zurückliegenden Havarie des dortigen Atomkraftwerks schwach kontaminiert wurden. Zehntausende Bewohner waren auch hier plötzlich einer unsichtbaren Gefahr ausgesetzt. Die Verunsicherung der Bevölkerung wuchs noch dadurch, dass die allzu wissenschaftlichen Mitteilungen der Behörden sie überforderten. Man kam auf die Idee, sich bei jenen, die schon ein Vierteljahrhundert Erfahrung mit dem Leben im Risikogebiet hatten, über alltagspraktische Folgen zu informieren. Zwölf internationale Treffen fanden in Japan statt, auf denen man mit Weißrussen und Norwegern ins Gespräch kam. Und dies war goldrichtig, zeigt dieser Film, denn Wissen ist Macht auch im Umgang mit dem vermeintlich Übermächtigen.

          Technische Maßnahmen reichen nicht

          Technische Maßnahmen allein vermögen allenfalls die Rahmenbedingungen zu verbessern. In Fukushima etwa werden große Gebiete teildekontaminiert, indem man die oberste Erdschicht abträgt. Wo diese Materialmassen gelagert werden sollen, ist unklar. Zehntausende Menschen haben zudem monatelang Obstbäume abgespritzt. Dass technisch und chemisch nachgeholfen werden muss, sehen die Weißrussen nicht anders - wir hören etwa, dass hier Kaliumchlorid und Phosphor auf die Felder ausgebracht wird -, aber ihre wichtigste Botschaft an die Japaner war: Leben mit den Nachwirkungen der radioaktiven Wolke sei durchaus möglich. Dazu müssten Ängste abgebaut und Menschen und Umwelt engmaschig überwacht werden. Die größten Gefahren seien so auszuschließen.

          Diese Gelassenheit durch Wissen musste hart erworben werden. In Weißrussland wurden zehn Jahre lang alle denkbaren Fehler gemacht im Umgang mit der belastenden Situation, wie eine Medizinerin aus dem Ort Kamaryn darlegt. Mit unpraktischen Empfehlungen alleingelassen, waren die Einwohner Panik und Verzweiflung nah, alles schien sinnlos. Erst Mitte der neunziger Jahre änderte sich das, auch durch die Arbeit eines französischen Expertenteams, das dafür sorgte, dass massenhaft Messgeräte verfügbar waren, damit die Bevölkerung selbst das bis dahin Ungreifbare in Landkarten verzeichnen konnte. Es zeigten sich große Unterschiede der radioaktiven Belastung, und damit gab es die Möglichkeit, vielen Risiken auf simple Weise auszuweichen, denn oft wuchsen stark und kaum kontaminierte Pflanzen nur wenige Meter voneinander entfernt.

          Menschenleer: Odaka in der Nähe von Fukushima ist heute eine Geisterstadt.

          Das ist das Besondere an diesem Film. Er beschönigt nichts („Die Langzeitfolgen dieser nuklearen Wolke haben unseren Planeten vor eine Zukunft mit vielen Unbekannten gestellt“), aber er erzählt eine mutmachende, positive Geschichte von Kooperation und Selbstermächtigung durch Information. Man leidet in manchen Risikogebieten heute beinahe mehr unter dem Stigma der Verseuchung als unter dieser selbst, denn Menschen von außerhalb denken immer noch zuerst an fürchterliche Mutationen. Dass die Entwicklung von den prognostizierten Horrorszenarien abweicht, unterstreicht auch die weißrussische Ärztin Hanna Kutsaya, die sagt, dass es - dank umsichtiger Lebensweise - zu keiner Häufung von Krebserkrankungen in den betroffenen Gebieten gekommen sei. Die lange Zeit stark belasteten Rentierherden in Norwegen - sie fressen die am stärksten belasteten Pflanzen - liefern heute auch deshalb radioaktiv unbedenkliches Fleisch, weil sie vor der Schlachtung mit Sonderfutter gefüttert werden. Solche Problemlösungen konnten nur durch Ausprobieren und konsequentes Nachmessen entwickelt werden.

          Es sind vielleicht etwas viele Einzelbeispiele, Gesprächspartner und Sprünge zwischen den Ländern. Nach anderthalb Stunden fühlt man sich ein wenig ermattet und bekommt im Abspann noch ein Heidegger-Zitat hingeworfen, das selbst eine neunzigminütige Erläuterung in Bezug auf das empfohlene „besinnliche Denken“ bedürfte. Aber überambitioniert zu sein hat noch keinem Dokumentarfilm geschadet.

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