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Film über Herstatt-Pleite : Wie die Bank zum Casino wurde

Die „Goldjungs“ bei der Arbeit beziehungsweise bei dem, was sie Arbeit nennen. Bild: WDR/Frank Dicks

Der ARD-Film „Goldjungs“ behandelt die legendäre Pleite der Herstatt-Bank erst als Satire, dann als Emanzipationsstory. Das rechnet sich leider überhaupt nicht.

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          Wenn es immer heißt „der Kapitalismus“, fragt man sich doch in klaren Momenten, was oder wer damit gemeint ist? Eine Antwort könnte lauten: Der Kapitalismus, das sind wir alle. Kaum einer, der seit der Erfindung des geliehenen Geldes nicht dem Versprechen auf den Leim geht, dass, wenn es eine Hölle für Geldgierige gibt, dort in goldener Frakturschrift über allem prangt: Wer wagt, gewinnt.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Und weil wir alle das System mittragen, lassen wir uns so gern von Produktionen unterhalten, die uns Sündenböcke präsentieren: zockende Banker, ruchlose Manager, korrupte Politiker, dieser ganze hässliche Filz, der nie wir sind. Sexy bleibt der Kapitalismus – im Fernsehen stets mit der Symbolreihenfolge Auto, Anzug, Girls, Schreibtisch, Alkohol und Überstunden belegt – natürlich trotzdem, weil Geld nun mal geiler ist als Geiz.

          Aus dieser Nummer kommt auch die ARD-Produktion „Goldjungs“ nicht heraus, die aus der Insolvenz der Kölner Privatbank Herstatt (Slogan: „Geldanlegen darf kein Glücksspiel sein“) im Jahr 1974, der größten Bankenpleite der Nachkriegsgeschichte, eine „Filmsatire“ zu machen versucht. Der Hintergrund: Am 26. Juni 1974 verfügt das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, dass Herstatt umgehend die Banklizenz verliert, die Schalter schließen muss und abgewickelt wird. Der Grund: Verluste durch Devisengeschäfte von etwa 480 Millionen Mark, während das Eigenkapital der Bank zu diesem Zeitpunkt etwa 77 Millionen Mark beträgt. 36 000 Kunden bangen um ihr Geld, nur der Bankier und Gründer Iwan David Herstatt, dessen Familie seit Generationen zum Kölner Klüngel gehört, will von alldem nichts gewusst haben: „Mir selbst als Leiter war bis zum 10.Juni von Verlusten nichts bekannt“, sagt er vor Gericht und weist seinem „Goldjungen“, dem Chefdevisenhändler Dany Dattel, die Schuld zu.

          Man hat es hier – und das wird dem Film von Christoph Schnee (Kamera Armin Golisano, Buch Eva und Volker Zahn) ein wenig zum Verhängnis – mit einem irrsinnigen Vorgang zu tun, den man heute leicht als Realsatire bezeichnen könnte und in dem man eigentlich keine Figur mehr überzeichnen müsste. Denn als die titelgebenden „Goldjungs“ um Dany Dattel der Bank durch Spekulation auf Währungsschwankungen beim amerikanischen Dollar hohe Gewinne bescheren, bricht nicht nur in der Führungsetage das Goldfieber aus: Hausboten und Sekretärinnen wetten gleichermaßen. Es gilt nur eine Regel: Niemand darf mehr als zehn Millionen Mark einsetzen. Dabei muss nur einen Bruchteil eigenes Kapitals vorgewiesen werden, es darf gern ein Kredit sein.

          So sieht der Feierabend der „Goldjungs“ aus.
          So sieht der Feierabend der „Goldjungs“ aus. : Bild: WDR/Frank Dicks

          Von den goldenen Jungs erzählt uns der Film aber nicht viel. Sie dürfen im ersten Drittel als buntes Porschegeschwader vorfahren, verbergen sich hinter schicken Anzügen, Sonnenbrillen, Schnauzern, langen Haaren und Armreifen und werden bis zum Schluss nicht mehr sein als wortlose Statisten, die am Wählscheiben-Telefon brüllend rauchen. Allein Mick Sommer (Tim Oliver Schultz), dessen Name wohl an Dattel-Dany erinnern soll, darf eine halbherzige Liaison mit der Protagonistin eingehen, mit lässigen Sätzen auf Bad Boy machen und für ein bisschen Wolf-of-Wallstreet-Flair sorgen. Iwan David Herstatt wird von Waldemar Kobus erkennbar als Karikatur des Bankiers angelegt, der im Ton nicht zur zunehmenden Mutlosigkeit des Films passt. Diese lässt sich vor allem daran erkennen, dass man der Geschichte, die aus Sicht der Sekretärin Marie Breuer (Michelle Barthel) erzählt wird, ein Happy-End aufzwingt, das es für viele Sparer nicht gegeben haben dürfte.

          Dabei fängt es vielversprechend an: mit ein paar Originalbildern und O-Tönen („Und dann wollte mer noch nach de’ Eifel fahren. Das fällt flach. Jetzt habe mer noch fünfzig Mark in der Tasche und sind nicht mehr fähig, die Miete zu zahlen“) und der Vorstellung von „Fräulein Breuer“ als Jahrgangsbeste der Sekretärinnenschule, die für ihren Filterkaffee vom „deutschen Verband der Kaffeeröster“ mit der „goldenen Kaffeebohne“ ausgezeichnet worden ist. Da ist auch ihr neuer Chef, Ferdinand von Broustin (Ulrich Friedrich Brandhoff), angetan: „Nennen Sie mich doch einfach Herr Baron.“ Statt nun Honig aus dem Wahnsinn im intern „Raumschiff Orion“ genannten Bankhaus zu saugen, setzt der Film eine fade Selbstermächtigungsgeschichte auf und erzählt, wie „Täubchen“ zu Frau Breuer wird, die mit Mick schläft und das Ersparte von Mutti – „Ich bin seit 25 Jahren bei der Sparkasse“ – verzockt.

          Man würde denken, dass man mit diesem Ensemble – darunter Leslie Malton und Martin Brambach als Irene und Hans Gerling, die Eigentümer der Bank, Judith Engel als zockende Chefsekretärin Birgit Pütz – auch eine andere Geschichte hätte erzählen können. Das Set ist hübsch; gedreht wurde – ausgerechnet – in der Kölner Privatbank Salomon Oppenheim (ebenfalls pleite), deren Räumlichkeiten so aufgemacht sind, dass sie dem Hauptquartier eines Bond-Bösewichts gleichen. Auch Schnitt und Bildgebung sind pfiffig. Dass man jedoch all diesen Bausteinen und dem Label Satire nicht traut, zeigt auch der Umstand, wie sehr man es mit der Musik übertrieben hat: Da folgt ein plakativer Best-of-Seventies-Hit auf den nächsten, und selbst wenn dazu mal im „Lovers Club“ zügellos getanzt wird, merkt man nur, dass das Deutsche Fernsehen sich noch einmal gründlich Gedanken über Einsatz, Wirkung und Aussage von Tanzszenen machen sollte.

          Am Ende fehlt es den „Goldjungs“ schlicht an jener lässigen Bösartigkeit, die es im Fernsehen braucht, um durch Gedankenlosigkeit entstandene Skrupellosigkeiten und gelernte Gier in ihrer ganzen Nacktheit darzustellen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Goldjungs läuft um 20.15 Uhr im Ersten.

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