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TV-Film „Treffen sich zwei“ : Alles, was zwischen Männern und Frauen schiefgehen kann

Küssen will gelernt sein, das wusste schon Loriot: Senta (Nicolette Krebitz) und Thomas (Clemens Schick) üben noch. Bild: ZDF und Kolja Raschke

Er ist nicht ihr Typ, sie ist nicht seiner, Probleme haben beide: Der Film „Treffen sich zwei“ zeigt, wieso das beste Voraussetzungen für die Liebe sind. Eine so lebensechte Komödie sehen wir selten.

          Bei Senta läuft es gerade nicht so gut. Ihr Job in der Galerie ist allein ihres Chefs wegen eine Zumutung. Der ist zwar zuvorkommend, hat aber einen ausgeprägten Hang zur Esoterik und riecht, dass es nicht zum Aushalten ist. Ihre Bewerbung um ein Kunst-Stipendium schlägt fehl, ihr Freund Rainer hat nur seine eigene Vernissage im Kopf und bekommt, wie er ihr nebenbei mitteilt, ein Kind - nicht mit ihr. Thomas ist Programmierer in einem Start-up und arbeitet buchstäblich bis zum Umfallen. Als er gerade einer Gruppe die Vorzüge der betriebseigenen Kommunikations-Strategie vorstellt, klappt er zusammen. Die Kollegen machen sich Sorgen, sein Chef glaubt ihm am besten mit einem neuen Top-Job in Amerika zu helfen. Privates Glück haben Senta und Thomas nicht auf der Rechnung, mit der Liebe haben die beiden Mittdreißiger abgeschlossen. Genau an diesem Punkt treffen sie sich in einem Café.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Treffen sich zwei“ heißt der Film von Ulrike von Ribbeck (Buch und Regie) ganz lapidar. Und ganz beiläufig beginnen diese zwei eine Affäre, der sie von Beginn an keine lange Lebensdauer zutrauen. Sie wollen keine Beziehung, und sie passen ja auch gar nicht zueinander. Er ist nicht ihr Typ, sie nicht seiner, ihre Lebenswelten weisen keine Schnittpunkte auf. Sie streunt durch die Berliner Kunstszene, er klebt am Schreibtisch. Sie ist jeden Abend zu Tode betrübt, betrinkt sich und geht zum Heulen unter die Dusche, weil sie da nicht so viele Taschentücher braucht. Er ist auf eine Weise verkniffen, die er schon körperlich ausstrahlt. Und genau das sind selbstverständlich die besten Voraussetzungen für eine Amour fou. Diese setzt Ulrike von Ribbeck feinsinnig, nuancen- und anspielungsreich und voller Komik in Szene. Schon die erste verkrampfte Begegnung von Senta und Thomas ist hinreißend, beginnen sie doch damit, dass diese Café vornehmlich von Schwulen und Lesben besucht werde, allein um herauszufinden, was aus ihrem Treffen denn so gendermäßig werden könnte. Die hätten hier auch einen sehr guten Kuchen, sagt Senta. Ob er den schon einmal probiert habe? Den Kuchen hat sich Thomas nur in der Vitrine angesehen, bislang.

          Dann geht es ziemlich schnell voran mit den beiden, auch wenn sie nicht wissen, wohin das führen soll. Es sei sehr schön gewesen, sagt Thomas am nächsten Morgen. „So etwas sagt man zu einer Prostituierten“, spricht Senta - aus der Szene tretend - in die Kamera. „Ich rufe dich an“, sagt er. „Er hat meine Nummer gar nicht“, denkt sie. Eine Stunde später hat er sie am Apparat. So geht es hin und her, und es ist ein Riesenspaß Nicolette Krebitz und Clemens Schick dabei zuzusehen, wie sie ihre Figuren formen und diese mit ihren Zuschaueransprachen im Publikum Verbündete suchen („Wie sage ich es ihr, ohne etwas kaputtzumachen?“ „Warum macht er denn jetzt gar nichts?“ „Soll ich was machen? Ich weiß es nicht!“).

          Senta ist von einer Sekunde auf die andere im siebten Himmel oder am Boden zerstört, Thomas steht sich immer wieder staunend selbst im Weg. Alles, was zwischen Männern und Frauen schiefgehen kann, sämtliche Missverständnisse und Unfälle führen die beiden auf. Ulrike von Ribbeck dekliniert das nicht nur in den Dialogen durch, sondern in den Nebenrollen (Sentas beste Freundin zeichnet mit ihrer Ehekrise vor, was später schiefgehen kann) und jeder mit Bedacht bis ins Detail gestalteten Szene (Kamera Kolja Raschke). Sei es, dass sich Senta in einer Kunstaktion als Schwerverletzte inszeniert und perplex ist, weil sich Passanten um sie kümmern („normalerweise hilft hier niemand“), oder dass Thomas bei der Vernissage ein Werk des blasierten Rainer verknurpst (Gummibärchen auf einem rosafarbenen Bett). So schlecht scheinen Senta und Thomas doch nicht zueinanderzupassen. Ob sie das auch selbst herausfinden, bleibt zum Glück bis zum Ende dieser lebensechten Liebeskomödie offen.

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