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Film über den Mauerfall : Als nicht zusammenwuchs, was zusammengehört

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Preis der Freiheit“: Lotte (Nadja Uhl, M.), Jörg (Steve Windolf, r.) und die anderen aus der Umweltbibliothek stoßen darauf an, dass die Grenze geöffnet wurde. Bild: ZDF

Gabriela Sperl erzählt im ZDF eine neue Geschichte der Wende: In „Preis der Freiheit“ bleiben weder das System Ost noch das System West ungeschoren.

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          Ost-Berlin, Amt für „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo), 1987: In der Lobby stapeln sich Kisten mit Datteln bis zur Decke. Dieses Mal hat Saddam Hussein für Waffen mit dem zweiten Exportschlager irakischer Produktion bezahlt statt mit dem begehrten Öl. Markus Welsch (Jonathan Berlin), Nachwuchsverantwortlicher bei der DDR-Devisenbeschaffung unter Alexander Schalck-Golodkowski (Thomas Thieme) und Off-Erzähler des Dreiteilers „Preis der Freiheit“, lässt die Ware in den Keller räumen, zu Zebrafellen und Goldbarren. Hält sich noch, im Gegensatz zu diesem Staat.

          Zwei Jahre später, als Bürger die Stasi-Zentrale stürmen, organisiert Welsch für seine Chefs hastig den Abtransport der am Staatsvolk vorbeigeleiteten KoKo-Kellerpracht aus Tausendundeiner Nacht. Drei Lastwagen, von denen nur einer bei der DDR-Staatsbank ankommt, retten die Beute vor dem Volk. Milliardenwerte, so heißt es, auch von Schweizer Geheimkonten, die bis heute verschwunden sind. Die Datteln freilich bleiben in der KoKo-Zentrale zurück. Sie überleben friedliche Revolution und Untergang – oder „Anschluss“, wie es hier auch heißt – der DDR. Der KoKo-Unterhändler Ilja Schneider (Oliver Masucci) spießt zum endgültigen Abgang seine SED-Parteinadel in eine Trockenfrucht.

          Ein absurdes, wirtschaftspolitisch und zeithistorisch symbolisches Bild. Eines von vielen sprechenden, die dem von Michael Krummenacher (Regie und Buch), Gabriela Sperl (Produktion, Idee und Buch) sowie Michael Klette und Charlotte Wetzel (Buch) vielschichtig entworfenen Wendezeit-Epos trotz großer dramaturgischer Bögen immer wieder konzentrierte Aha-Momente bescheren.

          Indoktriniert von Mutter Else

          Für insgesamt fünf Stunden nimmt dieser Film, den das ZDF zum dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls zeigt, vor allem den Ost-West-Konflikt einer zerrissenen Familie in den Blick. Drei Schwestern, ihre Mutter und weitere Angehörige bilden das erzählerische Zentrum. Margot Spindler (Barbara Auer) ist als Schalck-Golodkowskis rechte Hand Partei-Hardlinerin. Ihr Mann, der Kombinatsleiter Paul (Joachim Król), glaubt bis zuletzt an die Reformierbarkeit der Planwirtschaft. Den ersten FCKW-freien Kühlschrank stellt er schließlich mit Unterstützung von Greenpeace her. Der Traum von der Rettung des Betriebs währt nur kurz.

          Margots Schwester, Lotte Bohla (Nadja Uhl), führt einen kleinen Buchladen, schließt sich der DDR-Umweltbewegung an. Eine herausgeschmuggelte Bitterfeld-Chemieskandal-Doku macht Furore und Mut, aber ihr Sohn Ingo (Michelangelo Fortuzzi) radikalisiert sich unter Neonazis. Die dritte Schwester ist offiziell tot, macht aber nach ihrer Republikflucht als Ina Winter (Nicolette Krebitz) im Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen Karriere. Ihre Kinder (Aaron Hilmer und Janina Fautz) werden von Margot aufgezogen und von Mutter Else (Angela Winkler), einer Altstalinistin, indoktriniert.

          Geschichte als Farce

          Der Film endet im März 1990, aus Aufbruch ist Übernahme geworden. Vieles, wie das Pfingstkonzert 1987, bei dem unter anderen David Bowie und Genesis in der Nähe der Mauer auftraten und die Ost-Berliner Zuhörer im Auftrag der DDR-Staatsführung verprügelt und inhaftiert wurden, beruht auf Tatsachen. Anderes ist wahrhaftig konstruiert. Es gibt historische und erfundene Mitspieler, vom großen Ensemble exzellent verkörpert. Den meisten Wahrheitsgehalt aber vermittelt gerade, siehe oben, das belegbar Absurde. Geschichte behauptet sich in „Preis der Freiheit“ als Farce.

          Was könnte farcehafter sein als die „schillernde“ Figur Alexander Schalck-Golodkowskis, der sich lieber in West-Berlin den Behörden stellte, als in der noch existierenden DDR wegen Untreue und Korruption angeklagt zu werden? Daneben spielen das Ministerium für Staatssicherheit, der BND, das westdeutsche Ministerium für innerdeutsche Beziehungen und das westdeutsche Finanzministerium Hauptrollen (Letzteres mit manchmal ermüdenden Diskussionen um den politischen Kurs). Kern der Farce sind die Häftlingsfreikäufe, die 1987 zwischen Bonn und Ost-Berlin ein extensives Maß erreicht hatten. Auch sie wurden über die KoKo abgewickelt: Dissidenten gegen D-Mark. Systemstabilisierenden Menschenhandel, wirft Ina Winter den Westpolitikern vor. Doch die DDR exportiert nicht nur Menschen und Arbeitskraft („Ihr liebt uns doch eingesperrt, als Billiglohnland“), sie importiert auch westdeutschen Giftmüll.

          Die Maueröffnung bewirkte einen weltpolitischen Moment der Euphorie. Wie kaum ein Wendefilm vorher nimmt „Preis der Freiheit“ die Ernüchterung in den Blick und vermag es, Verständnisbrücken in die Gegenwart zu schlagen. Der damals möglichen Offenheit der deutschen Geschichte werden, anders als etwa in „Weissensee“ oder „Deutschland 86“, explizit die finanzpolitischen Interessen in Ost und West entgegengestellt.

          Gabriela Sperl schließt in dieser Hinsicht an „Der Mordanschlag“, ihren Treuhand-Film, an. Honecker existiert bloß als Bild an der Wand, Kohl dringt nur im Hintergrundradio durch. Die Macht haben andere. Dass Gorbatschow für den Umbau Russlands die DDR fallenlasse, damit er Geld von einer westdeutschen Großbank erhalte, spricht hier ein leitender StasiBetonkopf (Godehard Giese) aus. Es kann sich also auch um Verleumdung handeln. Ungeschoren bleiben in „Preis der Freiheit“ jedenfalls weder das System Ost noch das System West.

          „Republik der Freiheit“ läuft am Montag, Dienstag und Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF

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