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Film im Ersten : Satte Bruchlandung in den Gefühlskitsch

  • -Aktualisiert am

Recht steif: Birgit Minichmayr und Sebastian Koch als Friedensengel Bild: ARD Degeto/Monafilm/Oliver Roth

Inkonsequent und sentimental: Das Biopic „Eine Liebe für den Frieden - Bertha von Suttner und Alfred Nobel“ mit Birgit Minichmayr und Sebastian Koch kommt mit großem historischem Anspruch daher, gerät aber zum Rührstück.

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          Als Bertha von Suttner 1905 den Friedensnobelpreis erhält, ist sie eine Weltberühmtheit in Sachen pazifistischem Fortschritt und flammender Kompromisslosigkeit. In Amerika lässt sie sich von führenden Politikern sogar auf Golfplätzen empfangen, um der Sache des Friedens zu dienen, wie sie in der Zeitung selbst schreibt. Die Baronin, geborene Gräfin Kinsky, ist als streitbare „Friedensbertha“ so prominent wie populär. Gern berichtet sie darüber, wie sie mit den gekrönten Häuptern auf Du und Du verkehrt. Die „Neue Freie Presse“ in Wien nennt ihre auffälligste Mitarbeiterin eine „starkgeistige“ Frau. Mit ihrem Pamphlet „Die Waffen nieder!“ hat sie einen europäischen Bestseller geschrieben, ihre Artikel haben sie zur reichen Frau gemacht. Nebenbei engagiert sie sich in Wien für Frauenwohlfahrt und Frischluft. Manche halten sie für naiv („Friedensdilettantin“) und ihre antimilitaristischen Ideen für wohlfeil. Spötter wie Karl Kraus beklagen ihr „übles Deutsch“ und ihren Hang, sich mit allen Mächten „auf Friedensfuß“ zu stellen.

          Unbestritten ist, dass sie ihren engen Brieffreund Alfred Nobel wohl zur Stiftung des Friedensnobelpreises inspirierte - und bei der Verleihung, wie die „Neue Freie Presse“ 1903 aus Anlass der Auszeichnung des britischen Politikers William Randal Cremer beklagte, gleich ein paar Mal übergangen wurde.

          Aus der Freundschaft des leidenschaftlichen Kriegsgegners Nobel und der österreichischen Adligen wird im Theaterstück Esther Vilars ( „Mr. & Mrs. Nobel“) eine handfeste Liebesgeschichte und aus dem regen geistigen Austausch beider die symbolische Vereinigung von kriegsbefördernder Naturwissenschaft und aufrechter Friedenshaltung. Daraus kann man durchaus Funken schlagen. Die österreichisch-deutsche Koproduktion „Eine Liebe für den Frieden“ (Regie Urs Egger, Buch Rainer Berg) basiert zwar auf Vilars Theatererfindung, macht aber eine vermeintlich fernsehgerechte Rolle rückwärts, stellt die Liebe zweier als exzentrisch aufgefasster Persönlichkeiten ins Zentrum, will vom historischen Wahrhaftigkeitsanspruch trotzdem nicht lassen und legt so eine satte Bruchlandung mitten in den Gefühlskitsch hin.

          Klebrige Süßigkeit und zurückgehaltenes Schmachten

          Erst vor kurzem hat Harald Sicheritz (Regie) mit Katharina Schüttler in der Hauptrolle im Biopic „Clara Immerwahr“ gezeigt, wie die Verschränkung von Biographie und militaristischem Vorkriegs-Zeitgeist wirksam gelingen kann. Anhand des Lebenswegs der Chemikerin und Pazifistin, die sich 1915 nach dem ersten großen Giftgaseinsatz bei Ypern das Leben nahm, konnte man den Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Fortschrittsgläubigkeit auf der einen und humanistischer Reflexion und Ethik auf der anderen Seite, wenn auch verpackt in hübsche Schauwerte, nachvollziehen. In „Eine Liebe für den Frieden“ bleibt nach Abzug der Ausstattung und des Dekorums vor allem klebrige Süßigkeit und zurückgehaltenes Schmachten übrig, mehr „Gartenlaube“ als populäre Aufklärung mit Unterhaltungswert.

          Was umso erstaunlicher ist, da die Besetzung eigentlich Gutes verspricht. An Sebastian Koch beeindrucken als Alfred Nobel vor allem die Veränderungen im Wuchs und Ergrauen des Vollbarts. Nie sah man ihn steifer, selbst im Labor. Hatte dieser Typ nicht irgendwas mit Dynamit zu schaffen? Wo passen zeitgeschichtlicher Militarismus und Rüstungswettlauf ins Bild? Hier ist Nobel ein autistischer Kauz, der daheim zur eigenen Belustigung seinen Besuch im Sarg empfängt. Ein Privatier in jeder Beziehung. Birgit Minichmayr dagegen forciert, wo Koch zurückhaltend agiert. Ihre Bertha von Suttner ist eine Art Alma Mahler-Werfel mit Friedensanliegen. Geschaffen für die große Bühne, nicht für den kleinen Schirm. Seelenverwandtschaft, gar geistige erotische Anziehung stellt man sich anders vor. Neben Koch und Minichmayr bemühen sich Philipp Hochmair (als Arthur von Suttner) und Yohanna Schwertfeger (als Geliebte Sofie) redlich.

          „Eine Liebe für den Frieden“ zeigt, was passieren kann, wenn man die historische Perspektive mit historisch-kritischem Restbewusstsein zu pedantisch wählt. Wenn schon Geschichtsvergessenheit, dann bitte fiktional konsequenter. Ein verschenktes Thema, ein ärgerlicher Film.

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