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„Fiktivpornos“ : Auch fiktive Figuren müssen enthaltsam sein

  • -Aktualisiert am

Bart, Maggie und Lisa beim Sex. Wegen des Besitzes eines solchen „Fiktivpornos“ wurde ein Mann in Sydney zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht hielt das Video für Kinderpornographie. Doch es sind keine Menschen betroffen - eine Straftat ohne Opfer?

          Seit kurzem sorgt eine Meldung für Verwunderung, der zufolge der Besitz eines gefälschten Simpsons-Comics zur Strafbarkeit wegen Kinderpornographie geführt haben soll. Die Zeichnungen, die sich der zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilte Mann aus Sydney heruntergeladen haben soll, zeigen die Kinder Bart, Maggie und Lisa der gelben Fernsehfamilie. Sie haben allerdings Genitalien und werden bei sexuellen Handlungen gezeigt. Der New South Wales Supreme Court hielt das für eine kinderpornographische Darstellung von „Personen“.

          Der Einwand, den auch die Verteidigung des Mannes aufbrachte, liegt auf der Hand: Es sind keine Menschen betroffen - also eine Straftat ohne Opfer? Die Zeichnungen sollten gerade keine Menschen darstellen, sagte der Beklagte. Dennoch sah der Richter ausreichend Ähnlichkeit zu realen Menschen, um von einer „Person“ auszugehen.

          „Fiktivpornographie“

          Um eine verschrobene Entscheidung vom anderen Ende der Welt handelt es sich hier nicht. Auch hierzulande ist zumindest der Vertrieb gezeichneter Kinderpornos strafbar. Es handelt sich um sogenannte „Fiktivpornographie“. Diese muss man von der ebenfalls strafbaren „wirklichkeitsnahen“ Pornographie unterscheiden: Moderne Bildbearbeitungstechnik ermöglicht es, straflose Pornographie in täuschend echte Kinderpornos umzugestalten. Die Justiz konnte sich nach alter Rechtslage nie sicher sein, ob eine Straftat vorliegt. Die Strafbarkeit wurde daher teilweise auf „wirklichkeitsnahe“ Kinderpornographie ausgeweitet.

          Die wirklichkeitsferne Fiktivpornographie ist hingegen nicht die Folge einer technischen Evolution. Schon im sechzehnten Jahrhundert wurden hierzulande entsprechend „Gemähltes“ oder Umschreibungen in Romanen verboten. Der Schutz vor unzüchtigen Schriften setzte sich mit dem Reichsstrafgesetz von 1871 zunächst fort. Spätestens seit den neunziger Jahren steht indes der Darstellerschutz im Mittelpunkt der gesetzgeberischen Bemühungen. So mag es verwundern, immer noch wegen „Fiktivpornographie“ zu bestrafen. In Amerika wurde vor einiger Zeit immerhin ein Strafgesetz gegen Kinderpornographie auch unter Berufung auf die Meinungsfreiheit gekippt. In vielen Ländern ist die fiktive Kinderpornographie erlaubt.

          Doch es gibt Opfer: Der australische Richter wies auf die Gefahr hin, dass sich Täter mit Fiktivpornographie Kinder gefügig machen könnten. Der Gesetzgeber ging zudem davon aus, dass durch fiktives Material der Markt auch für reale Kinderpornos gestützt werde. Ein Argument, das der amerikanische Supreme Court kürzlich zurückwies: Fiktivpornographie trockne vielmehr den Markt für Realpornographie aus.

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