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Doku über Kadaverökologie : Der Totengräber ist schon ein echter Pedant

  • -Aktualisiert am

Arbeitspause: Die Schmeißfliege ist an der Kadaverbeseitigung stets beteiligt. Bild: BR/Klaus Scheurich

Wimmelbilder zwischen Faszination und Ekel: In der Dokumentation „Festmahl der Tiere“ bei Arte ist zu sehen, was natürliche Kompostierung bedeutet.

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          Endet das Leben, beginnt das große Krabbeln. Dann rücken sie an, die Aas- und Speckkäfer, Fleisch- und Käsefliegen. Elterliche Fürsorge interessiert sie nicht, lieber folgen sie der Devise „Viel hilft viel“. Zu den ersten Gästen am Leichnam zählen die Schmeißfliegen. Nach nur einem Tag gestalten sie den im Wald ausgelegten Kadaver einer Hirschkuh zu einer essbaren Kinderstube um, indem sie Zehntausende Eier auf den Gourmet-Hotspots verteilten: Mund, Nase, Augen, Rektum und Wunden. Allen, die später eintreffen, bleiben nur die billigen Plätze. Ein sicherer Hort ist so ein Stück Aas jedoch nicht, denn Wespen und Ameisen sind auf Dauerpatrouille, um einen frischen Eiweißimbiss abzustauben.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Ästhetisch gesehen, besetzt die wimmelbildhafte Szene aus Daniela Pulverers und Boris Raims Dokumentation den schmalen Grat zwischen Ekel und Faszination. Sie ist gleichermaßen Chiffre der Gefahr und Ausweis eines Kompostierungsvorgangs, der uns davor bewahrt, Slaloms zwischen Leichenbergen hinlegen zu müssen. Die Verwesung ist eine Notwendigkeit der Natur, speist sie doch wichtige Nährstoffe wieder in den Zyklus der Umwelt ein. Wie das genau funktioniert, ist weniger bekannt, als man annehmen würde. Daher hat ein Forscherteam um den Kadaverökologen Christian von Hoermann verendete Tiere im Bayerischen Wald hinterlassen und Augen wie Nase offen gehalten. Unfreiwillig komische und für Hobbypsychologen nicht uninteressante Selbstauskunft des Wissenschaftlers: „Bei mir war eigentlich das Interesse schon als Kind da, also wenn ich mal was Totes gesehen habe, eine tote Amsel oder mal eine tote Maus, dann dreht man die auch mal um und schaut, was da passiert.“

          Bedrohliche Mundwerkzeuge

          Und da passiert einiges. So verstecken sich Fliegenmaden beim Fronleichnamsschmaus gerne unter dem leblosen Körper, um sich vor Trockenheit und Räubern zu schützen. Schaut man mit Hilfe einer Wärmebildkamera auf diese Zusammenrottung, zeigt sich, dass die von den Larven erzeugte Reibung im Verbund mit allerlei Bakterien zu Temperaturen von mehr als vierzig Grad Celsius führt. Unter solchen Bedingungen entwickeln sich die Maden im Speck besonders schnell. Überhaupt haben Mikroklima, Umgebung und Wetter erheblichen Einfluss auf die Verwesung. Forensische Entomologen, die anhand der Insekten auf einer Leiche die Umstände und den Zeitpunkt des Todes ermitteln, müssen derartige Faktoren berücksichtigen.

          Ein beeindruckender Recycling-Spezialist ist der Totengräber (der Käfer, nicht der Friedhofswärter). In Europa gibt es neun Arten; welchen wir im Film sehen, verschweigen die Macher. Jedenfalls kann er aus mehreren Kilometern Entfernung das Aroma einer verendeten Maus wahrnehmen. Selbst einzelne Geruchsmoleküle entgehen ihm nicht. Detaillierte Aufnahmen illustrieren, wie pedantisch das weniger als zwei Zentimeter große Insekt den Kadaver untersucht, wie es einem Konkurrenten mit bedrohlich arbeitenden Mundwerkzeugen im Kampf unterliegt und wie der Sieger mit dem Hinterleib Pheromone in die Luft pumpt.

          Schläger und Verehrer

          Schließlich folgt ein Weibchen der Duftspur, um sich hundertsiebzig Mal mit dem Männchen zu paaren, was in so imposanten Close-ups gezeigt wird, dass die Protagonisten wie ungeheure Ungeziefer anmuten. Danach bringen die Totengräber den Mäusekörper unter die Erde und beschmieren ihn mit einem antimikrobiellen Sekret, damit er nicht vorzeitig zu Gammelfleisch verkommt. Kurz darauf schlüpfen die Larven aus den abseits gelegten Eiern und begeben sich zum Bankett.

          Die Dokumentation dreht sich um Leben und Tod, verpackt diesen harten Stoff aber in den wattierten Wendungen des Anthropomorphismus: Totengräber tragen Schlägereien aus, ihre Larven kuscheln im Akkord, paarungsbereite Käfermännchen erscheinen als Verehrer auf der Szene. Schaut man sich zu solch drolligen Beschreibungen den Wuselwettbewerb der Maden an, ist die Schere zwischen Text und Filmaufnahme perfekt. Dabei sagt auch hier ein Bild mehr als tausend Worte: Tier und Mensch würden ohne die sechsbeinige Müllabfuhr am Ende zum Himmel stinken.

          Festmahl der Tiere läuft an diesem Samstag um 22.05 Uhr auf Arte.

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