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Fernsehvorschau: „Tatort“ : Das hat er nicht verdient

Wenn die Gefühle durchgehen: In Cenk Batus (Mehmet Kurtuluş) letztem Tatort-Auftritt bleibt es leider nicht bei einem Kratzer Bild: NDR

Mit grotesken Pirouetten bereitet der NDR seinem „Tatort“-Helden Cenk Batu das Ende: Gegen eine Irre, die ihn zu Mord am Bundeskanzler pressen will, hat der verdeckte Ermittler zuletzt keine Chance. Was hat nur den Sender geritten?

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          Ach, Cenk Batu, wir werden ihn vermissen. Einen wie ihn, einen der verdeckt ermittelt, gibt es unter den übrigen „Tatort“-Kommissaren leider nicht und auch keinen so angenehm schnörkellos gezeichneten Charakter. Und so waren wir sehr betrübt, als der NDR vor einigen Monaten verkündete, dass im Mai nach sechs Folgen Schluss sein würde mit dem Kommissar und noch trauriger, als wir hörten, dass anstelle des großartigen Mehmet Kurtuluş bald Til Schweiger in Hamburg ermittelt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Einzige, was da noch blieb, war die Hoffnung, man möge Cenk Batu einen würdevollen Abschied bescheren, und so sahen wir ihn im Geiste braungebrannt und Raki schlürfend auf irgendeiner Terrasse an der türkischen Riviera sitzen, hinter ihm erscheint mit Sonnencreme in der Hand Uwe in der Tür, der nun, da er nicht mehr Cenk Batus polizeilicher Führungsoffizier sein muss, ein richtiger Freund sein kann. Und auch Gloria, in die sich Batu in der vorletzten Folge während der Jagd auf Islamisten verlieben durfte, sahen wir vor uns – beim Basteln von Schmuck, den sie überteuert Touristen am Strand andreht. Für eine Designerin wie sie mag das nicht gerade erfüllend sein. Besser als heulend in einer Hamburger Notaufnahme vor dem sterbenden Cenk Batu zu stehen, ist es allemal. Der NDR sieht das anders – er hat sich für die Variante Notaufnahme entschieden.

          Gegen eine solche Irre ist kein Kraut gewachsen

          Die größte Sünde, die man bei der Besprechung eines Krimis begehen kann, besteht darin, sein Ende zu verraten. Bei diesem „Tatort“ aber, der ja sozusagen ein Karriereende mit Ansage ist, erfährt man das Ende schon in den ersten Minuten, weshalb man es auch getrost hier hinschreiben kann: Cenk Batu stirbt, und zwar im Kugelhagel, auf brutalstmögliche Weise. Nicht etwa Gangster richten ihre Waffen gegen ihn, sondern Polizisten, Kollegen also und damit ausgerechnet Angehörige jenes Apparates, für den Cenk Batu als verdeckter Ermittler seinen Kopf immer wieder hingehalten hat. Angesichts der polizeilichen Verdienste Batus und der beschützenden Hand von Uwe (Peter Jordan) ist dieser Plot kaum vorstellbar. Und so muss das Drehbuch von Matthias Glasner, der auch Regie geführt hat, groteske Pirouetten drehen.

          Batu, immer noch schwer verliebt in Gloria (Anna Bederke) und gerade zurückgekehrt von einem gemeinsamen Liebesurlaub auf Lanzarote, wird in eine Investmentbank eingeschleust. Er soll dort illegale Machenschaften aufdecken, in deren Zentrum der junge Trader Andreas Dobler (Christoph Letkowski) steht. Dobler möchte den Bundeskanzler Grasshoff (Kai Wiesinger) ermorden lassen, um von dem erwartbaren Chaos an der Börse zu profitieren. Engagiert hat er dafür die autistisch wirkende Auftragskillerin Valerie (Corinna Harfouch). Zwanzig Jahre lang war sie mit ihrem Sohn Kilian (Jonas Nay) im Wald abgetaucht, kennt sich aber dennoch ganz super mit der neuesten Abhör- und Computertechnologie aus. Als sie merkt, dass sie zu krank ist, um den Auftrag selbst auszuführen, soll Batu den Bundeskanzler ermorden. Da Valerie dafür die Argumente fehlen, entführt sie Gloria, entdeckt in deren Manteltasche die Ultraschallaufnahme ihres ungeborenen Babys, und hat von nun an den werdenden Vater Batu, der bis dahin noch gar nichts von seinem nahenden Glück wusste, in der Hand: Wenn Bundeskanzler Grasshoff nicht in den nächsten Stunden vor laufenden Fernsehkameras sterben wird, stirbt Gloria.

          Natürlich versucht Batu, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. Doch das Drehbuch lässt ihn scheitern. Gegen eine Figur wie Valerie, von der ein psychologisierender Professor sagt, dass ihr „Gehirn ganz anders funktioniert, als wir uns das vorstellen können“, hat er natürlich keine Chance – gegen eine Irre wie sie ist kein Kraut gewachsen, wie praktisch, wenn der Kommissar am Ende sterben soll. Denn während Batu sich von seinen Emotionen leiten lässt, also Gloria und sein Kind um alles in der Welt retten will, agiert die Auftragskillerin wie ein gefühlloser Roboter. Mitunter wird das so sehr auf die Spitze getrieben, dass es ungewollt komisch ist. Vor allem aber fragt man sich, was den NDR geritten haben mag, seinem außergewöhnlichen „Tatort“-Kommissar ein solches Finale anzutun. Ach Cenk Batu, wir werden dich und Uwe vermissen.

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