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Fernsehvorschau: „Tatort“ : Allein unter Straftätern

Sie glauben, dass sie nun überhaupt nichts mehr zu verlieren haben: Im neuen Tatort wird Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) von fünf jungen Männern mit langen Vorstrafenregistern entführt Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Als Lena Odenthal ankommt, ist die Leiche weg, und schon wird’s finster im Wald: Im SWR-Tatort „Der Wald steht schwarz und schweiget“ wird die Kommissarin entführt.

          Diesmal wird die Ermittlerin gesucht: Lena Odenthal ist die Stecknadel, und der Heuhaufen ist der Pfälzer Wald, mit 1800 Quadratkilometern das größte Waldgebiet Deutschlands. Hierhin kommt der Sozialarbeiter Watzlawick mit den besonders schwierigen Fällen aus seiner Resozialisierungsanstalt für straffällig gewordene Jugendliche. Aber Watzlawicks Brachialpädagogik ist diesmal gründlich schiefgegangen. Am Ende seines Erziehungs-Workshops für zukünftige Knastbrüder gibt es zwei Tote. Erst wird einer der Jungen rasch verscharrt, dann liegt der tote Watzlawick im lichten Buchenwald auf dem weichen Blätterboden, wo ihn eine Pilzsammlerin findet.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als die Kommissarin ankommt, ist die Leiche weg, und schon wird’s finster im Wald. Als Lena Odenthal nach dem Schlag auf den Hinterkopf wieder zu sich kommt, ist sie die Geisel von fünf jungen Männern mit langen Vorstrafenregistern, die glauben, dass sie nun überhaupt nichts mehr zu verlieren haben. Auf eine tote Kommissarin muss es ihnen nun also auch nicht mehr ankommen.

          Der Sozialkitsch bleibt unter dem Deckel

          Auf der Flucht versucht sich die Geisel als Therapeutin: Einer nach dem anderen werden die fünf jungen Männer auf ihre weichen Stellen abgeklopft. Davon gibt es reichlich, von der Drogensucht übers Bettnässen bis zum sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Aber den Komplizen und Überläufer, den sie sucht, findet die Kommissarin nicht. Keiner der Jungen wird zum Verräter an der Gruppe, obwohl keiner dem anderen über den Weg traut. Tom kämpft mit Sascha um die Position des Anführers, Paawo, genannt Panne, greift auf der Suche nach dem nächsten Kick zu Magic Mushrooms, die ihm einen Höllentrip bescheren, Benni, genannt Baby, kämpft verzweifelt um ein bisschen Anerkennung, und Murat scheint als Einziger darüber nachzudenken, ob man mit achtzehn, neunzehn Jahren wirklich keine Chance mehr hat, sein Leben zu ändern.

          Alleine im Einsatz: Kopper (Andreas Hoppe) entwickelt in der Not überraschende Führungsqualitäten Bilderstrecke

          Mit „Der Wald steht schwarz und schweiget“ kehrt der „Tatort“ zu seinem klassischen, aber in den letzten Jahren deutlich sparsamer eingesetzten Thema der Sozialkritik zurück. Keine abstruse Thriller-Ästhetik wie zuletzt bei Mehmet Kurtulus, kein psychopathischer Serienkiller nach der Manier Henning Mankells. Die Spannung erwächst vor allem aus der Gruppendynamik: zwischen den Entführern und ihrer Geisel, aber auch zwischen den fünf jungen Männern, die hervorragend spielen und typengerecht besetzt sind. Tómas Lemarquis als Panne, der junge Theo Trebs als Baby, Frederick Lau als Tom, Adrian Saidi als sein Rivale Sascha und Edin Hasanovic spielen die Mischung aus Gewaltbereitschaft, Härte, Verzweiflung und Verletzlichkeit so eindringlich, dass der Sozialkitsch unter dem Deckel bleibt. Sie tragen den Film über alle lauernden Klischees sicher hinweg.

          Während Kopper (Andreas Hoppe) in der Not überraschende Führungsqualitäten entwickelt, kommt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihren Entführern allmählich immer näher. Schließlich erzählt sie sogar aus ihrer eigenen Kindheit, vom gewalttätigen Vater und vom Bruder, der den Ausschlag dafür gab, dass sie Polizistin wurde. Aber vielleicht ist das auch nur ein Märchen, erzählt im deutschen Wald.

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