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Fernsehvorschau: Seniorenjazz im Ersten : Bloß keine Zeit in der Reha verplempern

  • -Aktualisiert am

Auch Föhntolle und weinrotes Sakko bringen Alexander Ludwig (Peter Lohmeyer) das Erinnerungsvermögen nicht zurück. Heinrich Mutesius (Paul Kuhn) bleibt trotz rosa Brille realistisch. Bild: NDR

„Schenk mir dein Herz“: Der Jazzer Paul Kuhn überzeugt in seinem Debüt als Filmschauspieler an der Seite von Peter Lohmeyer, der einen konvertierten Schlagerfuzzi gibt.

          Als in Cannes Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“ den Kritikerpreis gewann, fragten viele deutsche Reporter fassungslos die Hauptdarstellerin Brigitte Mira, wie sie, Ulknudel vom Dienst, ihre dramatische Rolle habe bewältigen können. „Das habe ich immer schon gekonnt, ihr wolltet es bloß nicht sehen“, lautete die lakonische Antwort. Das ist fast vierzig Jahre her. Aber am hiesigen Schablonendenken hat sich kaum etwas geändert. Drama bleibt Drama, Soap bleibt Soap. Gleiches gilt für die Musik, wo Schlager, Rock und Jazz strikt getrennt werden. Und so ist trotz Heinos Chuzpe, also seines jüngsten Salto mortale zum Deutschrock, gerade hier die Reihe Unterschätzter länger als die längste Tonspur: Wer würde Florian Silbereisen einen gestandenen Blues zutrauen, Helene Fischer einen Soultitel, Lena Meyer-Landrut ein tragisches Chanson oder den Wildecker Herzbuben einen Swing?

          Diese beiden beleibten älteren Herren aber haben mit Jazz begonnen. So wie die jung verstorbene Inge Brandenburg, die am Spagat zwischen Bebop und Schnulze zerbrach, Bill Ramsey, der erst heute statt für die „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ für Jazzklassiker wie „Stormy Weather“ oder „Round Midnight“ steht - oder eben Paul Kuhn, dessen beide Uralthits „Geben Sie dem Mann am Klavier nochn Bier“ und „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ noch heute durch Bierzelte schallen, während er, der in wenigen Wochen 85 Jahre wird, in Klubs und Konzerthallen für seinen Jazz frenetisch gefeiert wird.

          Lieber gelassen Kette Rauchen

          Welch ein Ausbund an Vitalität und Musikalität, wenn er am Flügel sitzt, seine Bands dirigiert und gelegentlich unnachahmlich lässig singt. Und welch ein Gesicht: eine Krater- und Seelenlandschaft gelebten Lebens, zahlloser Siege und Niederlagen, unzähliger Zigaretten; ein Schmunzeln verbreitet Glück, ein ernster Blick weckt Melancholie. Anderswo - in Frankreich zum Beispiel, wo Charles Aznavour zwischen seinen Chansons zum erstklassigen Charakterspieler aufstieg - hätten sich Filmregisseure um ein solches Gesicht gerissen. Bei uns brauchte es 67 Jahre, (Kuhns erste Auftritte absolvierte er 1946 in GI-Klubs), bis ihn Nicole Weegmann (Regie) und Ruth Toma (Buch) vor die Kamera holten.

          Ein Satz - und der Schauspieler Kuhn überzeugt so wie bisher der Musiker. Keine Spur von steifem Aufsagen auswendig gelernter Texte, kein Staksen, kein Augenzwinkern, mit dem sich sonst Prominente ohne Spielerfahrung aus der Affäre ziehen: Paul Kuhn als greiser Jazzpianist Heinrich Mutesius, der, statt die Folgen eines Schlaganfalls auszukurieren, in der Reha-Klinik Kette raucht und musiziert, beobachtet gelassen den Neuzugang Alexander Ludwig; gelifteter Schlagerstar, weinrote Sakkos, Föhntolle. Infolge Infarktkomas ist Ludwigs Kurzzeitgedächtnis erloschen, seinem Erinnerungsvermögen fehlen die letzten zehn Jahre.

          „Mann, du siehst richtig Scheiße aus“

          Ludwig erkennt seine wesentlich jüngere Frau, die er drei Jahre zuvor geheiratet hat, nicht mehr. Umso besser erinnert er sich an seine erste Frau Emma und seinen Sohn, die er Hals über Kopf verlassen hatte. Für ihn ist der Junge, inzwischen achtzehn, ein Knirps mit Zahnspange geblieben. Emma wirft er beim ersten Wiedersehen verblüfft ein verletzendes „Wieso bist du plötzlich so alt?“ hin.

          Peter Lohmeyer spielt diesen zwischen nervend dümmlicher Arroganz, rührender Verunsicherung und sympathischer Hilflosigkeit schwankenden Ex-“Schlagerfuzzy“ gewohnt souverän. Er überrascht mit Musikalität in Szenen, die ihn als Gitarristen zeigen, der in der Reha-Klinik die Seniorenjazzband von Kuhn alias Mutesius erst zögernd, dann begeistert begleitet - und fesselt in ernsten Momenten. Dann zum Beispiel, wenn Ludwig, mehrmals abgewiesen, immer wieder zu dem Haus zurückkehrt, in dem er Emma und seinen Sohn einst zurückgelassen hat. „Darf ich mich mal kurz aufs Sofa setzen?“, fragt er die verbitterte Ex. Seine Finger streicheln den Stoff - die Dinge des Lebens, reduziert auf ein Möbel, so klein, so mächtig.

          Trotz eindringlicher Momente wie diesem bleibt „Schenk mir dein Herz“ ein Filmchen, nett zusammengeklaubt. Dass er dennoch die üblichen lauen Hommagen für altverdiente Stars überragt, liegt an der durchweg guten Besetzung - vor allem aber an Paul Kuhn und drei greisen Mitspielern: „Mann, du siehst richtig Scheiße aus“, begrüßt ihn einer von ihnen, als die Alten sich zur ersten Probe treffen, um dem siechen Jazzklub „Blue Note“ mit einem Konzert Auftrieb zu geben. Fünfzig Jahre Vertrauen, Zuneigung und Fürsorge klingen in dem rüden Satz mit und nach.

          Der Kerl mit dem verminderten Akkord

          Damit trägt Paul Kuhn den Film. Wenn er mit einer wegwerfenden Bewegung dem gluckenden Pflegepersonal sein „Ich bin über achtzig und hab’ keine Lust, meine Zeit mit Entspannungsübungen zu verplempern“ entgegensetzt, fordert er die Würde einer entmündigten Generation ein. Wenn er stumm auf gebrechliche Mitpatienten schaut, widerstreiten Mitgefühl, Bangigkeit und milde Ironie in seinem Blick. Und wenn er am Flügel improvisiert, tilgen seine lebensprallen Töne alle dümmlichen Seniorenklischees von der „Kraft der zwei Herzen“ bis zum „Anti-Aging-Programm“. Da nimmt man sogar das Happy End vom gesundeten, zum Jazzer konvertierten Schlagersänger Ludwig hin, das beginnt, als dieser Mutesius/Kuhn, den er sonst von einer Minute zur anderen vergessen hatte, plötzlich mit einem „Da ist ja der Kerl mit dem verminderten Akkord“ wiedererkennt.

          Italien zelebrierte 2010 den Siebzigsten seiner Sängerin Mina, die nie eine Grenze zwischen Rock, Canzoni, Schnulze, Madrigale, Blues und Jazz akzeptierte, als Nationalfeiertag. Frankreich wird 2014 Charles Aznavour zu seinem Neunzigsten in Riesenstadien konzertieren und vielleicht in einem erstklassigen Film spielen sehen. Deutschland bietet seinem besten Jazzer zum Fünfundachtzigsten immerhin Gelegenheit, sich als wunderbar gelassener Schauspieler zu präsentieren. Das lässt hoffen.

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