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Fernsehvorschau: Kieler „Tatort“ : Lodernde Flamme, göttliche Macht

  • -Aktualisiert am

Auch ein angstvoller Kinderblick in die Vergangenheit gehört zum neuen Kieler „Tatort“. Es geht dabei um eine Geschichte von Fremdenhass, die in die sechziger Jahre zurückverlegt wird und sich auf deutsche Flüchtlinge aus dem Osten bezieht Bild: NDR

Der jüngste Fall für Deutschlands nördlichsten „Tatort“-Kommissar Borowski soll laut NDR „die Tradition des Skandinavien-Krimis“ aufgreifen. Zu wünschen ist das den Skandinaviern nicht.

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          Was ist ein Skandinavien-Krimi? Ein schlecht gemachtes Computerspiel, bei dem es darum geht, in möglichst wenig Zeit möglichst viele Ekelleichen einzusammeln? Eine Fabel zur Ausdeutung von Murphys Gesetz, dass alles schiefgeht, was schiefgehen kann, und die Polizei immer zu spät kommt? Oder eine Klischeefabrik, in der nordische Mythen am Fließband produziert werden?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn die zuständige NDR-Redaktion stolz betont, der jüngste Fall für Deutschlands nördlichsten „Tatort“-Kommissar Borowski greife „die Tradition des Skandinavien-Krimis“ auf, dann meint sie damit wohl jeweils ein bisschen von all dem Genannten: Denn tatsächlich gibt es einige übel zugerichtete Opfer - gleich in der Eröffnungsszene läuft ein Mensch durchs Bild, der von seinem Peiniger mit Brennpaste eingerieben und angezündet wurde, und zwar ausgerechnet beim Kerzenlichterfest der heiligen Lucia an einer dänischen Schule in Schleswig.

          Es stellt sich heraus, dass der Tote zu einer Gruppe früherer Freunde gehörte, die in ihrer Kindheit irgendetwas Schlimmes angestellt haben und an denen jemand nun späte Rache übt: Weitere von ihnen schweben also in Gefahr, aber Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) kommen natürlich zu spät, um diese zu retten. Sie sind schon verkohlt und zur Sicherheit noch mit einer Schrotflinte erschossen worden.

          Wie ein schlechter Grillanzünder

          Auf der Suche nach dem Mörder fährt man dann durch norddeutsche und dänische Schneelandschaften, die das existentielle Nichts des Drehbuchs von Daniel Nocke illustrieren, während die Regie von Lars Kraume dem Zuschauer in Rückblenden immer wieder ein brennendes Haus ins Gedächtnis ruft: Feuer und Eis also als ewig-mythische Antagonisten der Fernsehseele, die ansonsten aber nicht sehr erschüttert wird, weil in diesem Krimi Spannung zu keinem Zeitpunkt aufkommt.

          Leider werden auch die begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten Sibel Kekillis zunehmend sichtbar - bei ihr klingt vieles nur auswendig gelernt. Vielleicht steht auch deshalb Borowksi hier die dänische Kollegin Frau Einigsen (Lisa Werlinder) zur Seite, die ihn als ihren früheren Ausbilder an der Polizeischule anhimmelt, ein bisschen ulkig spricht und sich einmal sehr kokett auf einem Hotelbett räkelt. Der Klischeevorstellung von der freizügigen Skandinavierin bietet der Film dann doch immerhin die Stirn - allerdings erst, nachdem Borowski ein bisschen darin schwelgen durfte. Wirklich ulkig ist, dass einer von Frau Einigsens Landsleuten, der durch eine schwarze Augenklappe zunächst höchst verdächtig erscheint, als lebender Beleg für eine Weisheit von Otto Waalkes auftreten darf: Dänen lügen nicht.

          Aus seinem vorgeblichen Wirklichkeitsbezug auf die dänische Minderheit im Grenzland von Schleswig-Holstein macht der Film allerdings erstaunlich wenig, zumindest kaum gegenwärtig Relevantes: Er erfindet eine Geschichte von Fremdenhass, die in die sechziger Jahre zurückverlegt wird, wobei der Hass sich nicht gegen die Dänen, sondern gegen deutsche Flüchtlinge aus dem Osten richtet. Am interessantesten ist an dieser Geschichte noch die Frage, was es bedeutet, eine schwere Schuld aus der Kindheit mit sich herumzutragen, wie sie auf dem Gewissen von Borowskis Vorgesetztem Schladitz (Thomas Kügel) lastet. Doch der wird gleich zu Beginn außer Gefecht gesetzt und kommt in dem wie ein schlechter Grillanzünder vor sich hin schwelenden Plot nur als Katalysator zum Einsatz, bevor in einem überaus unrealistischen Showdown auch die letzte Glut erstickt.

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