https://www.faz.net/-gqz-tnd4

Fernsehvorschau : Erfahrbare Geschichten der Flucht

  • -Aktualisiert am

Verschleppt nach Sibirien: Elvira Profé (Anna Brüggemann) Bild: Pawel Jakubek

Im Fernsehen hat man in diesem Genre Besseres bislang nicht gesehen: Heute abend läuft im ZDF der erste Teil des Doku-Dramas „Kinder der Flucht“ an. Regisseur Hans-Christoph Blumenberg zeigt in Einzelschicksalen Geschichten der Vertreibung im und nach dem Krieg.

          „Heute erschießen wir keinen Philosophen“, sagt der russische Offizier - und so bleibt der Fabrikbesitzer Profé aus der ostbrandenburgischen Kleinstadt Bärenwalde eben am Leben. Er hat gerade zu erklären versucht, daß man Deutscher sein konnte, ohne in der Partei zu sein. Der Fabrikbesitzer bleibt in Bärenwalde, weil er für die Produktion wichtig ist. Seine Tochter Elvira wird nach Sibirien verschleppt. Nach Monaten kehrt sie zurück, in dieselbe Stadt, die nun einen polnischen Namen trägt und nur von Polen bewohnt wird, die Stalin aus Ostpolen vertrieben hat.

          In Mieszkowice sind nur Vater, Mutter und Tochter Profé deutsch, und sie sind darauf angewiesen, daß ihnen mitleidige Polen etwas zu essen geben. Die Tochter holt Milch beim Sohn eines großmütigen Polen, der begleitet das Mädchen nach Hause. Zwischen beiden entsteht eine Liebe, die sechzig Jahre der Trennung übersteht und in der Hochzeit zweier alter Menschen ihr Siegel erhält. So wird möglich, was nach dem Willen der Nationalsozialisten und der Bolschewisten unmöglich sein sollte.

          Das Schicksal der Wolfskinder

          „Eine Liebe an der Oder“, nennt der Autor und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg diese Geschichte. Sie ist der erste Teil einer Trilogie mit dem Titel „Die Kinder der Flucht“. Der zweite, spektakuläre Teil handelt vom kaum bekannten Schicksal der „Wolfskinder“, die noch lange nach Kriegsende eltern- und heimatlos in Ostpreußen und Litauen von Gehöft zu Gehöft irren. Den Abschluß bildet die Geschichte Breslaus der letzten Kriegstage.

          Es paßt alles sehr schön zu den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um das „Zentrum gegen Vertreibungen“, um all die neuen und alten deutsch-polnischen Schuldzuweisungen. Von der komplizierteren und heute weitaus bitteren deutsch-tschechischen Vergangenheit hat man erst einmal abgesehen. Da die „Kinder der Flucht“ unter der Leitung von Guido Knopp entstanden sind, lädt das Doku-Drama ein, zuzusehen, wann die üblichen Reflexe sich einstellen. Und man braucht nicht lange zu warten. Schon wird der Vorwurf erhoben, die „Kinder der Flucht“ ließen die Zuschauer im unklaren darüber, wer an Krieg und Vertreibung die Schuld trage, Guido Knopp biete eine verkitschte, ideologische Sicht der Geschichte.

          Keine typische Geschichte

          Tatsächlich gab es in der Vergangenheit wenig Grund, sich für Knopps Geschichtsaufbereitung zu erwärmen. Der gewiefte Geschichtsvermarkter war aber so klug, die eigentliche Arbeit dieses Mal Leuten zu überlassen, die über historisches Sensorium verfügen. Die Differenz dieser Arbeiten zum Knoppschen Eigenbau verdeutlicht schon das Begleitmaterial zur Serie, das ganz im Knoppschen Ton gehalten ist. Da heißt es, „im Zeichen von Hitlers Wahn“ hätten die Ostpreußen und Pommer ausharren müssen, bis die Russen sie überrannten, während der Mut zur Erinnerung wiederum ein „gutes Zeichen“ sei für „ein neues Miteinander in Europa“. Und deshalb stehe die ganze Serie „im Zeichen der Versöhnung“. Da erkennen wir jene leeren Gedankenhülsen, mit denen Guido Knopp sich seinen Ruf eingehandelt hat. Nur: Diese Filmreihe hat Hans-Christoph Blumenberg gemacht, und man muß sich schon sehr anstrengen, wenn man den Unterschied nicht bemerken will.

          Lassen wir also die Hitlerschen Zeichen, die Versöhnungszeichen und auch die guten Zeichen beiseite und schauen auf die Geschichten. „Eine Liebe an der Oder“ ist sicher keine typische Geschichte. Nein, Deutsche und Polen haben sich in der Regel nicht geliebt. Gerade die außergewöhnliche Liebesgeschichte aber vermag die politische Plaque aufzubrechen, die auf den Beziehungen zwischen Deutschen und Polen noch zu liegen scheint. Und auch die „Wolfskinder“ sind keine repräsentativen Fluchtgestalten. Die meisten Kinder auf der Flucht wurden von Müttern und Geschwistern begleitet, kamen, wenn sie nicht unterwegs starben, irgendwo an und mußten, geduldet, bleiben und sich einrichten in ein neues Leben.

          Zwischen polnischen Zwangsarbeitern und den Deutschen herrschte nicht durchweg die Ideologie der Herrenrasse, vielmehr gab es eine weite Bandbreite von Verhaltensformen. Ist das keine historische Erkenntnis? Ist die Geschichte von Elvira Profé und Fortek Mckiewisc wertlos, weil es für die Liebenden ein spätes Happy-end gab? Soll man am Bildschirmrand einblenden: Die Deutschen waren schuld? Welchen Erkenntnisgewinn ergäbe das? Ja, das Deutsche Reich hat einen Vernichtungskrieg im Osten geführt, ja, das Deutsche Reich hat die Polen versklavt und ja, die Deutschen waren von Hitlers Regime nicht bloß angetan, viele lebten tatsächlich in einer „zweiten Wirklichkeit“, wie der Philosoph und Politikwissenschaftler Eric Voegelin es genannt hat. Aber ist es russenfeindlich, wenn man zeigt, wie ein junger Mann in Ostpolen sich versteckt, um nicht bei den Sowjets Soldat werden zu müssen? Ist es russenfeindlich, wenn die Frauen darüber reden, wie russische Soldaten plündern, morden und vergewaltigen? Ist es russenfreundlich, wenn man sieht, daß sich russische Soldaten anders verhielten?

          Soll man verschleiern, wie mächtig Schuld, Habgier, Wut, Haß und Rache in dem wirken, was wir so aufgeräumt Geschichte zu nennen pflegen? Man braucht die Geschichte nicht jenseits historischer Verantwortlichkeit zu betrachten, um zu erkennen, wie die politische Großkonstellation im Individuellen in ein ganzes Spektrum gebrochen wird. Auch wenn im ersten Teil der Serie die Dialoge etwas papieren klingen: Im Fernsehen hat man in diesem Genre Besseres bislang nicht gesehen. Blumenberg ist etwas Besonderes gelungen. Bei ihm ahnt der Zuschauer, was es heißt, den glatten Lack der politischen Geschichte aufzurauhen und sichtbar zu machen, wie Menschen Teil von Handlungsbedingungen wurden, die sie gar nicht allein hervorbringen konnten und nach denen sie ihr Leben einrichteten, mit allen Fatalitäten - und manchen Wahlmöglichkeiten. Das Genre des Doku-Dramas macht, wenn es wie hier gehandhabt wird, erfahrbar, wie viele Fäden in „der Geschichte“ zusammenlaufen - bis man sie wieder öffnet und die losen Enden in der Hand hält.

          All denen, die mit Geschichte immer und vor allem recht behalten wollen, werden diese Filme nicht gefallen; all denen aber, die etwas erfahren und empfinden können, sei diese Serie unbedingt empfohlen.

          Weitere Themen

          „Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dark – Staffel 2“

          Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

          Topmeldungen

          Mord an Walter Lübcke : Die alten NSU-Wunden sind noch nicht verheilt

          Die Menschen in Kassel kennen rechtsextremistischen Terror durch den NSU. 2006 wurde dort Halit Yozgat ermordet. Der Fall Lübcke weckt Erinnerungen. Wie geht die türkische Gemeinschaft damit um? Ein Besuch vor Ort.
          Edelgard Bulmahn (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung (Archiv).

          Bulmahn über 20 Jahre Bologna : „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

          Edelgard Bulmahn war federführend beteiligt, als vor 20 Jahren Bachelor und Master in die deutschen Universitäten einzogen. Im FAZ.NET-Interview spricht die frühere Bildungsministerin über die Freiheit der Wissenschaft und das Humboldtsche Bildungsideal.

          Preisvergleich : So teuer ist der Nahverkehr in der Großstadt

          Der Autoclub ADAC hat die Ticketpreise für den Nahverkehr in 21 Großstädten verglichen – und dabei interessante Ergebnisse festgestellt. Fest steht: Mit Fahrrad wird es fast überall teurer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.