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Fernsehvorschau : Erfahrbare Geschichten der Flucht

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Lassen wir also die Hitlerschen Zeichen, die Versöhnungszeichen und auch die guten Zeichen beiseite und schauen auf die Geschichten. „Eine Liebe an der Oder“ ist sicher keine typische Geschichte. Nein, Deutsche und Polen haben sich in der Regel nicht geliebt. Gerade die außergewöhnliche Liebesgeschichte aber vermag die politische Plaque aufzubrechen, die auf den Beziehungen zwischen Deutschen und Polen noch zu liegen scheint. Und auch die „Wolfskinder“ sind keine repräsentativen Fluchtgestalten. Die meisten Kinder auf der Flucht wurden von Müttern und Geschwistern begleitet, kamen, wenn sie nicht unterwegs starben, irgendwo an und mußten, geduldet, bleiben und sich einrichten in ein neues Leben.

Zwischen polnischen Zwangsarbeitern und den Deutschen herrschte nicht durchweg die Ideologie der Herrenrasse, vielmehr gab es eine weite Bandbreite von Verhaltensformen. Ist das keine historische Erkenntnis? Ist die Geschichte von Elvira Profé und Fortek Mckiewisc wertlos, weil es für die Liebenden ein spätes Happy-end gab? Soll man am Bildschirmrand einblenden: Die Deutschen waren schuld? Welchen Erkenntnisgewinn ergäbe das? Ja, das Deutsche Reich hat einen Vernichtungskrieg im Osten geführt, ja, das Deutsche Reich hat die Polen versklavt und ja, die Deutschen waren von Hitlers Regime nicht bloß angetan, viele lebten tatsächlich in einer „zweiten Wirklichkeit“, wie der Philosoph und Politikwissenschaftler Eric Voegelin es genannt hat. Aber ist es russenfeindlich, wenn man zeigt, wie ein junger Mann in Ostpolen sich versteckt, um nicht bei den Sowjets Soldat werden zu müssen? Ist es russenfeindlich, wenn die Frauen darüber reden, wie russische Soldaten plündern, morden und vergewaltigen? Ist es russenfreundlich, wenn man sieht, daß sich russische Soldaten anders verhielten?

Soll man verschleiern, wie mächtig Schuld, Habgier, Wut, Haß und Rache in dem wirken, was wir so aufgeräumt Geschichte zu nennen pflegen? Man braucht die Geschichte nicht jenseits historischer Verantwortlichkeit zu betrachten, um zu erkennen, wie die politische Großkonstellation im Individuellen in ein ganzes Spektrum gebrochen wird. Auch wenn im ersten Teil der Serie die Dialoge etwas papieren klingen: Im Fernsehen hat man in diesem Genre Besseres bislang nicht gesehen. Blumenberg ist etwas Besonderes gelungen. Bei ihm ahnt der Zuschauer, was es heißt, den glatten Lack der politischen Geschichte aufzurauhen und sichtbar zu machen, wie Menschen Teil von Handlungsbedingungen wurden, die sie gar nicht allein hervorbringen konnten und nach denen sie ihr Leben einrichteten, mit allen Fatalitäten - und manchen Wahlmöglichkeiten. Das Genre des Doku-Dramas macht, wenn es wie hier gehandhabt wird, erfahrbar, wie viele Fäden in „der Geschichte“ zusammenlaufen - bis man sie wieder öffnet und die losen Enden in der Hand hält.

All denen, die mit Geschichte immer und vor allem recht behalten wollen, werden diese Filme nicht gefallen; all denen aber, die etwas erfahren und empfinden können, sei diese Serie unbedingt empfohlen.

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