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Fernsehthema Doping : Öffentlich-rechtlicher Gedächtnisschwund?

  • -Aktualisiert am

Vom Medienpartner zum Dopingaufklärer: Hagen Boßdorf Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Alles soll plötzlich anders sein: ARD und ZDF berichten kritisch wie noch nie über Doping im Sport. Doch so schnell läßt sich jahrelang Versäumtes nicht nachholen. Kritischer Journalismus setzt sich nur schleppend bei den „Medienpartnern“ durch.

          In Budapest haben vergangene Woche die Europameisterschaften im Schwimmen begonnen. Vom Beckenrand berichtet für das Erste der Sportreporter Tom Bartels. Heute startet die Deutschlandtour der Radprofis, der „Helden der Landstraße“, wie die offizielle Tourseite des Radsportverbandes die Sportler nennt. Das Erste überträgt live und ist einer der Sponsoren der Tour: Nur mühsam tarnt sie das mit dem Euphemismus „Medienpartner“.

          Was beides miteinander zu tun hat? Eigentlich wenig, wenn nicht die ARD und das Thema Doping die Klammer bildeten. Denn mit der Absetzung von Schwimmreporter Hajo Seppelt, der durch den Fußballreporter Tom Bartels ersetzt wurde, begann vor einigen Wochen eine der turbulentesten Phasen der ARD-Sportberichterstattung überhaupt. Seppelt hatte sich als Schwimm- und Dopingexperte der ARD unbeliebt gemacht, weil er intern dem eigenen Sender vorwarf, zu wenig über Doping im Leistungssport zu berichten. Dann kam es auch noch zu einem Prozeß der ARD und ihres Sportkoordinators Hagen Boßdorf gegen den Dopingexperten Werner Franke. Dieser hatte die ARD der Mitschuld am Doping durch Verschweigen bezichtigt und kam damit vor Gericht durch. Eine nicht für die Öffentlichkeit gedachte Email von Seppelt diente als Beleg.

          Phoenix Boßdorf

          Wenige Wochen später wurde Seppelt abgestraft und von seiner Spezialdisziplin, dem Schwimmen, abgezogen. Strippenzieher dabei war Hagen Boßdorf, der Seppelt noch nachrief, er könne sich ja nun um sein Lieblingsthema Doping kümmern. Was er wohl besser für sich behalten hätte. Denn nun flog dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Tour de France um die Ohren und das offenkundige Dopingproblem in der Berichterstattung. Das ZDF geriet in Erklärungsnöte, weil herauskam, daß es bei der Tour 2005 den Fahrer Jörg Ludewig als Online-Kolumnisten von seinen Körperleistungen schwadronieren ließ (s. Doping Online: Das ZDF und ein Radsportler unter Verdacht) obwohl man damals bereits wußte, daß dieser einen Nahkontakt zum Doping pflegte.

          Der ARD fiel nichts Besseres ein, als Hagen Boßdorf zum kritischen Experten zu befördern - jenen Boßdorf, der als Stasi-Zuträger umstritten und auch nicht eben für seine Distanz zum Radsport bekannt ist. So half er etwa Jan Ullrich dabei, in seiner Autobiographie den Doping-Fall aus dem Jahr 2002 zu einem Party-Abenteuer mit Ecstasy-Pillen umzuschminken. Boßdorf, der wegen der Stasi-Affäre eigentlich mit Bildschirmabstinenz belegt war, durfte in den Nachrichtensendungen der ARD harte Forderungen zur Austrocknung des Dopingsumpfes stellen.

          Doping galt als Quotenkiller

          Man baut darauf, daß die Zuschauer kein Gedächtnis haben. Sie werden sich aber daran erinnern, daß es gerade ARD und ZDF waren, die den Radsport zum Massenereignis auch in Deutschland werden ließen, die die Fahrer zu Helden erhöhten, ohne von Doping etwas wissen zu wollen. Schwarze Schafe: Einzelfälle. Nun aber ist alles anders. Das ZDF präsentierte am Samstag ein langes Interview mit dem ehemaligen Radprofi Jesus Manzano, der zugibt, selbst gedopt zu haben. Alle Fahrer der Tour de France seien gedopt, so Manzano. Das Interview hätte man gerne schon vor zwei Jahren gesehen, als der Radprofi zum ersten Mal aussagte. Da jedoch galt Doping noch als Quotenkiller.

          Kurioser Höhepunkt der neuen Dopingpolitik: Ausgerechnet Hajo Seppelt fand heraus, daß der Testosteronwert von Floyd Landis elffach erhöht war. Der wohl erste investigative Erfolg der ARD-Sportberichterstattung zum Thema Doping im Radsport überhaupt.

          Handwerklich ist noch einiges nachzuholen

          Und nun? Das ZDF hat Zeit bis zur nächsten Tour, sich seine Haltung zum Radsport zu überlegen. Chefredakteur Nikolaus Brender, jener Mann, der Gerhard Schröder so mutig die Stirn bot am Wahlabend, zeigte sich tief enttäuscht vom Dopingfall Landis und sagte, er habe keine Lust mehr, eine „Pharma-Leistungsschau“ zu übertragen. Harte Forderungen an die Verantwortlichen werde man stellen, sagte Brender gegenüber dieser Zeitung. Vielleicht wäre es schon hilfreich, mal ein paar wirkliche Journalisten in die Sportredaktionen zu schicken, anstelle dieser seltsamen Mischung aus Fans und ehemaligen Sportlern.

          Die ARD mußte sich hingegen schnell entscheiden, ob sie überhaupt noch über den Radsport berichtet. Nun überträgt sie doch die folgenden Rennen, wie die heute beginnende Deutschlandtour, als „Medienpartner“. Keine „Kurzschlußreaktion“ werde es geben, erklärte Boßdorf. Weiter dranbleiben, kritisch berichten, das Thema Doping nicht aus den Augen lassen - so soll es nun weitergehen. Handwerklich ist dabei noch einiges nachzuholen, Testosteron etwa ist keineswegs eine neue Dopingmethode, wie man erklärt bekam. Aber daß man jahrelang Versäumtes schnell aufholen kann, war nicht zu erwarten. Ohne Rückfälle in alte Verhaltensweisen geht ein derart drastischer Programmwechsel gar nicht. Beim Paarzeitfahren in Bühl am Wochenende fungierten zwei Sportreporter in der Rolle von Stadionsprechern: einer davon Hagen Boßdorf. Ein „reiner Freundschaftsdienst“, für den er kein Geld erhalten habe, der zudem vom Sender genehmigt gewesen sei, erklärt Boßdorf dazu. Das Kapitel mit der kritischen Distanz zum Sport hat er bei seinem journalistischen Crashkurs wohl übersprungen.

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