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Fernsehspiele : Die Amerikaner bestimmen unser Programm

  • -Aktualisiert am

Olympia-Looping: Sport im Wirbel der Geschäftstüchtigkeit Bild: dpa

„Ohne das Fernsehen“, so IOC-Präsident Avery Brundage, „arbeiten wir seit sechzig Jahren wunderbar, und das wird auch in den nächsten sechzig Jahren so bleiben.“ Das war 1956. In der Gegenwart sind Sport und Fernsehen untrennbar verbunden.

          Erinnern wir uns. 1956, vor einem halben Jahrhundert, scheiterten die Fernsehverhandlungen zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den damaligen Rechtebietern.

          Kurz vor den Olympischen Spielen im australischen Melbourne diktierte der weiland als IOC-Präsident fungierende Avery Brundage den Reportern einen Satz in die Schreibblöcke, der wie aus Erz gegossen schien, um bald darauf wie Eis in der Sonne zu schmelzen: „Ohne das Fernsehen“, so also Brundage, „arbeiten wir seit sechzig Jahren wunderbar, und das wird auch in den nächsten sechzig Jahren so bleiben.“

          Die schönste und katholischste Hochzeit der Welt

          Schauen wir uns in der Gegenwart um. Sport und Fernsehen: Das ist das Lieblingsthema von Alex Gilady. Wenn er darüber spricht, verfällt er schnell ins Pathos. Die Verbindung zwischen diesen beiden Großmächten, verkündete der Israeli etwa vor vier Jahren in einem Interview mit der Zeitschrift „Sport, Culture & Society“, sei „die schönste und katholischste Hochzeit der Welt. Wir brauchen den Sport, der Sport braucht uns.“

          Keine ganz neue Erkenntnis: Olympische Spiele sind Fernsehspiele

          Ein Wort aus berufenem Munde, stand Gilady doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten häufiger im Zentrum von Feierlichkeiten. Als für „globale Operationen“ zuständiger Senior Vice-President von NBC Sport half er 1995 wesentlich mit, einen 3,5 Milliarden Dollar schweren Vertrag mit dem IOC abzuschließen: Die Tochter des Mischkonzerns General Electric erwarb damit die Fernsehrechte für den Zeitraum von Sydney 2000 bis Peking 2008.

          Die Athleten wittern Verrat und Geldgier

          Für den folgenden Vierjahresturnus bis London 2012 zahlt NBC weitere 2,2 Milliarden und bleibt damit der größte Finanzier der in Lausanne ansässigen olympischen Bewegung (insgesamt sollen in diesem Zeitraum 3,3 Milliarden Dollar erlöst werden). Dass Gilady, der „Delegierte von NBC“ (“Sports Illustrated“), seit 1994 selbst dem elitären olympischen Zirkel angehört und sich so gewissermaßen selbst ehelichte und beschenkte, störte bislang nicht viele. Nun aber gibt es mächtig Ärger.

          Die Mitgift zum Fernsehvertrag, die Gilady dem IOC für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking nun abgerungen hat, geht nämlich stark auf Kosten anderer Mitglieder der „olympischen Familie“. Das lange verheimlichte Vorhaben des IOC, für Peking 2008 die Startzeiten der Endläufe im Schwimmen auf den Vormittag vorzuverlegen, um so dem Fernsehpartner NBC die Live-Übertragung in der amerikanischen Primetime zu ermöglichen (New York liegt dreizehn Stunden hinter Peking, Los Angeles sechzehn), sorgt vor allem unter den Athleten für helle Empörung.

          Hundert-Meter-Endlauf morgens um sechs

          Geldgier und Verrat ihrer Interessen: Das werfen Weltstars wie der Holländer Pieter van den Hoogenband, der Österreicher Markus Rogan oder der Australier Grant Hackett dem IOC und auch dem Schwimmweltverband Fina nun öffentlich vor, da auf ihren Rhythmus keine Rücksicht genommen werde. Normalerweise springen die Sportler morgens nur zu Vorläufen ins Wasser; die Halbfinals und die Endläufe werden meist am frühen Abend ausgetragen. Da sie für den amerikanischen Markt quotenträchtig scheinen, sollen angeblich auch Turner und Basketballer am Vormittag antreten - veröffentlicht sind die Zeiten indes bisher nicht.

          Ganz neu ist das Szenario nicht. Schon 1988 im koreanischen Seoul, als die Spiele in der fast gleichen Zeitzone wie Peking stattfanden (eine Stunde Unterschied), mussten Athleten und Sportfunktionäre den Zugriff von NBC abwehren. „Die ursprüngliche Absicht des Fernsehens, den Hundert-Meter-Endlauf morgens um sechs Uhr stattfinden zu lassen, wurde nach großen Protesten verworfen“, erinnert sich der Kölner Olympiahistoriker Karl Lennartz. Der Startschuss für das Duell zwischen Carl Lewis und dem gedopten Weltrekordler Ben Johnson fiel dann um 13.30 Uhr Ortszeit. Für das Schwimmen einigten sich die Parteien auf einen ähnlich faulen Kompromiss: An zwei Tagen mussten die Athleten am Vormittag auf den Startblock, an den restlichen Tagen wurde zu üblichen Zeiten gestartet.

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