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Fernsehserie „The Leftovers“ : Was es heißt, wenn Leute verschwinden

  • Aktualisiert am

Jeder hat so seine Art, mit der Ungewissheit und dem Schmerz umzugehen: Die Selbsthilfegruppe in der Serie „The Leftovers“ ist da auch nicht gerade unkreativ. Bild: Sky

Damon Lindelof hat das Buch zur Verschollenen-Saga „Lost“ geschrieben. Jetzt kommt seine Serie „The Leftovers“ ins deutsche Fernsehen. Ein Gespräch über das richtige Ende und Ideen unter der Dusche.

          Mr. Lindelof, in Ihrer Serie „The Leftovers“ geht es um Menschen in einer Kleinstadt, die mit dem mysteriösen Verschwinden von zwei Prozent der Bevölkerung fertigwerden müssen. So viel darf verraten werden: Es bleibt offen, warum diese Leute sich in Luft auflösen oder wie.

          Die eigentliche Frage ist doch: Was bedeutet das alles? Jede Figur dieser Serie ringt damit - und auch wir tun es, obwohl in unserer Welt so etwas nicht passiert ist. Rätselhaft ist nicht: Wohin sind diese Leute verschwunden und warum, sondern: Was hat das zu bedeuten? Ganz schön prätentiös, oder?

          Wenige Monate bevor die „Leftovers“ bei dem Sender HBO debütierten, verschwand der Air-Malaysia-Flug 370 spurlos. Hatte das Auswirkungen auf die Entstehung der Serie?

          Wir haben das Ereignis natürlich durch die Brille der „Leftovers“ wahrgenommen, weil wir die Serie zu dieser Zeit schrieben. Was mit diesem Flugzeug geschehen ist, darüber werden wir wohl nie Gewissheit haben - und dennoch wissen wir alle, was passiert ist. Ich bin kein Hellseher, aber ich kann Ihnen mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, was mit diesem Flugzeug geschah: Es ist abgestürzt, und alle sind gestorben. Und trotzdem: Schließt das aus, dass sechs von ihnen irgendwo auf einer Insel sind und überlebt haben? Wir trauen uns doch selbst nicht über den Weg, wenn wir mit etwas abschließen sollen, selbst wenn wir eigentlich wissen, was passiert ist.

          Damon Lindelof

          Sie muten Ihrem Publikum tiefe Verunsicherung zu.

          Mich interessiert, dass wir oft unfähig sind, solche Ereignisse als das zu betrachten, was sie eigentlich sind - erschütternde emotionale Tragödien. Manche Leute überspringen die Trauer einfach. Nach dem 11. September 2001 etwa schossen die Verschwörungstheorien ins Kraut. In Wirklichkeit klammert sich unser Verstand an jeden Strohhalm, wenn unsere Gefühle mit solchen Tragödien ringen. Niemand möchte in der Katastrophe steckenbleiben, wir wollen lieber über etwas anderes reden.

          Auch in der Stephen-King-Adaption „The Dome“ kämpft die Bevölkerung mit den Folgen eines rätselhaften Ereignisses - hier einer undurchdringlichen Kuppel, die sich über eine Stadt senkt.

          Ja, beide Serien drehen sich weniger um die Katastrophe selbst als um ihre gesellschaftlichen Folgen. Der Unterschied ist, dass die Kuppel zu schnellem Handeln drängt, weil Luft und Ressourcen schwinden. Es geht die ganze Zeit darum: Warum ist das Ding hier, und wie kommen wir hier raus? Bei „The Leftovers“ dagegen steht es uns frei, einfach nicht mit der Katastrophe umzugehen und nur ihre Auswirkungen zu betrachten.

          Tom Perrotta, der die Romanvorlage schrieb und Ihr Ko-Autor ist, zog den Vergleich mit der Kuba-Krise 1963. Sie führte nicht zum befürchteten dritten Weltkrieg, löste aber eine massive gesellschaftliche Erschütterung aus.

          Ja, damals mussten wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir und unsere Lieben binnen 24 Stunden tot sein könnten. Und als die Russen ihre Raketen abzogen, machten wir einfach weiter wie vorher, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber die Gesellschaft wurde aufgebrochen, und dieser Idee folgen wir in der Serie.

          Zwischen Ihren Serien „Lost“ und „The Leftovers“ liegen nur vier Jahre und doch eine ganze Fernseh-Ära. Statt klassischer Staffeln mit zweiundzwanzig Folgen dreht man heute acht- oder zehnteilige Kompaktstaffeln, die mitunter wie bei Netflix im Paket veröffentlicht werden. Hat das Ihre kreative Arbeit verändert?

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