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Fernsehserie „Sons of Anarchy“ : Die sich an niemandes Regeln halten

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Es sieht zwar nicht danach aus, aber die „Sons of Anarchy“ sind tatsächlich nach dem Vorbild eines Werkes von William Shakespeare erzählt worden Bild: 2008 FX Networks

Die amerikanische Serie „Sons of Anarchy“ ist eine „Hamlet“-Geschichte im heutigen Wilden Westen und eine, die von echten Männern handelt. Der härteste Kerl ist allerdings eine Frau.

          Man muss zweimal hinsehen, wenn Charlie Hunnam mit wehendem blonden Haar und schlenderndem Gang über das Set von „Sons of Anarchy“ in North Hollywood marschiert: Nein, es ist nicht der junge Brad Pitt, sondern ein zweiunddreißigjähriger englischer Schauspieler, der Star der Serie vom amerikanischen Fernsehsender FX. Als ihn eine hilfsbereite Produktionsassistentin nach seinem Getränkewunsch beim Interview mit einer Handvoll internationaler Journalisten fragt, schüttelt er den Kopf. Dann sagt er grinsend. „Ist nicht leicht, für einen Großkonzern zu arbeiten. Ich bin erwachsen, ich brauche keinen Babysitter.“

          Von Subkultur zu Popkultur

          Hunnam spielt Jackson „Jax“ Teller, Kronprinz des titelgebenden Motorradclubs, den einst sein Vater J.T. nach der Rückkehr aus dem Vietnamkrieg gründete. Fünfzehn Jahre nach J. T.s Unfalltod ist Jax’ Mutter Gemma (Katey Sagal) mit Clay Morrow (Ron Perlman) verheiratet, dem jüngsten Gründungsmitglied des Clubs, und Clay hat aus den „Sons“ eine einflussreiche kriminelle Organisation im nordkalifornischen Charming gemacht, die ihr Waffenschmuggel-Geschäft mit der Einschüchterung und Erpressung rivalisierender Gangs und der Autoritäten absichert.

          Als Jax entdeckt, dass sein Vater den Club einst aus weitaus edleren Motiven konzipierte, entwickelt sich nagendes Misstrauen zwischen dem Kronprinzen und seinem Stiefvater. „Jax“, sagt Hunnam, „muss im Laufe dieser Serie viel fremde Schuld abzahlen, und er wird darüber zum Mann.“

          Der Serienschöpfer Kurt Sutter, der seit 2004 mit der Hauptdarstellerin Katey Sagal verheiratet ist, macht kein Geheimnis daraus, dass er die Serie nach Shakespeares „Hamlet“ konzipierte. „Ich wollte eine Familiengeschichte in diesem Milieu erzählen, das von einer Subkultur zum Teil der Popkultur geworden ist“, sagt der Sechsundvierzigjährige, der zuvor an der preisgekrönten FX-Serie „The Shield“ mitschrieb, „und das Hamlet-Muster schien mir ein guter Rahmen dafür.“

          Jax Teller (Charlie Hunnam) ist der Sohn des verstorbenen Gang-Gründers

          Sutter huldigt in „Sons of Anarchy“ dem harten amerikanischen Kerl, wie das zuletzt die Filme von Charles Bronson und Clint Eastwood taten - auch wenn Sutter zu bedenken gibt, dass „bei mir mehr Männer heulen als in jeder anderen Serie“. Seine Jungs sind auf schweren Maschinen und in Lederkluft unterwegs, sie sind schnell mit der Faust und dem Revolver, und sie schätzen harte Drinks und schöne Frauen. „Diese Männer haben einen grandiosen Appetit aufs Leben“, sagt Ron Perlman, der Jax’ Stiefvater Clay Morrow mit stiller, gefährlicher Entschlossenheit spielt. „Das ist interessant anzuschauen, weil sie außerdem Outlaws sind, die sich an niemandes Regeln als an ihre eigenen halten.“

          Zwischen Rockerbraut und Muttertier

          “Sons of Anarchy“ läuft in Amerika inzwischen in der fünften Staffel und ist die erfolgreichste Serie des Kabelsenders FX, der mit „The Shield“, „Rescue Me“ und „Nip/Tuck“, rauhe Stücke mit kompromisslosen Figuren zu seinem Markenzeichen machte. Charlie Hunnam erklärt sich den Erfolg damit, dass die Serie die Lücke in der amerikanischen Fernsehlandschaft nach dem Ende der „Sopranos“ fülle. „Sie thematisiert eine Krise im modernen männlichen Selbstbewusstsein“, meint Charlie Hunnam. Technologische Entwicklungen und ökonomischer Druck nähmen Männern das Gefühl, auch tatsächlich solche zu sein. Die harten Männer in „Sons of Anarchy“ bilden dazu ein gutes Gegengift.

          Doch neben den männlichen Figuren in Sutters Drama - darunter Jax’ Kindergartenkumpel Opie (Ryan Hurst als Sohn des Clubmitbegründers, der dem Club seiner Frau zuliebe den Rücken gekehrt hat) und Tig (Kim Coates als ebenso temperamentvoller wie unberechenbarer Vollstrecker) - haben vor allem die Frauenfiguren einen wichtigen Part. Katey Sagal, die einen Golden Globe für „Sons of Anarchy“ erhielt, spielt ihre Gemma Teller Morow als eine Frau, die sich die Männerwelt der „Sons“ vollkommen zu eigen gemacht hat. Gemma ist eine machiavellistische Matriarchin und aufregende Rockerbraut, ein eifersüchtiges Muttertier und eine verletzliche Mittfünfzigerin zugleich.

          Rocker auch im echten Leben

          „Sie fühlt sich in der Gesellschaft von Männern und in einer Kultur, in der Frauen mit ihrer Sexualität führen, zu Hause“, sagt Katey Sagal, deren Wandlung von der unterdrückten Peggy Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“ zur Rockerkönigin kaum radikaler sein könnte. „Aber sie ist auch das Muttertier dieser Gruppe.“ Und was für eines: Als Jax’ drogensüchtige Frau Wendy (Drea de Matteo) in der Auftaktepisode aufgrund ihrer Drogensucht eine Frühgeburt erleidet, ist bald klar: Gemma will man nicht zum Feind haben.

          Allein Tara (Maggie Siff in der Ophelia-Rolle als Ärztin, die dem Sog des Clubs und Jax’ Charme ungeachtet ihres analytischen Verstandes nicht zu widerstehen vermag) bietet ihr die Stirn - wenn auch mit angehaltener Luft und zusammengebissenen Zähnen. Tara hat Jax einst das Herz gebrochen, und das verzeiht ihr dessen Mutter Gemma nicht. „Die Frauen in dieser Serie“, sagt Katey Sagal, „sind eine Stimme für die, die sich vieles nicht trauen. Und ich kenne viele Frauen, die lieber weinen, wenn sie eigentlich schreien sollten.“

          Dass Gemma eine Überhöhung ist, darüber macht sich Kurt Sutter keine Illusionen. „In der wirklichen Welt der Motorradclubs“, sagt er zu seinen Recherchen im Milieu, „gibt es nicht viele Gemmas. Es ist eine männlich dominierte, frauenfeindliche und in vielerlei Hinsicht repressive Kultur.“

          Unterdessen sind die Schauspieler in Sutters Variante der Motorradclub-Kultur offenbar vollkommen heimisch geworden. „Viele dieser Jungs“, sagt der Produzent der Serie, Paris Barclay, lachend, „glauben tatsächlich, Rocker zu sein. Sie kommen mit ihren Motorrädern zur Arbeit, und manchmal braucht es ein wenig Überzeugungskunst, um sie daran zu erinnern, dass diese Welt nicht echt ist.“ Tatsächlich knattert wenig später vor dem Studiotor eine schwere Maschine los. Es ist Charlie Hunnam, in schwarzem Leder, auf seiner Harley. Er kommt von der Arbeit.

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