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Fernsehserie „Lindenstraße“ : Wer braucht Don Draper, wenn es Momo gibt?

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Es war nicht alles schlecht: Familie Beimer beim Essen in den achtziger Jahren Bild: dpa

Sie läuft und läuft, da können „Mad Men“, „Homeland“ und „House of Cards“ einpacken: Warum die „Lindenstraße“ vielleicht doch die beste Serie der Welt ist.

          Alle reden nur noch über Walter White und sein Drogenlabor, über Sergeant Brody und die Terroristen. In der „Lindenstraße“ gab es dafür vor kurzem eine Fliegerbombe! Alle mussten evakuiert werden, nur Dr. Dressler hat man in seiner Wohnung vergessen. Das war vielleicht spannend. Und in der jüngsten Folge hat Andy Zenker gedroht, bei Gabi auszuziehen. Cliffhanger, Schicksalsgeigen! Drogen gab es auch schon in der „Lindenstraße“ und sogar einen geplanten Terroranschlag (verhindert von Andy Zenker), ach, eigentlich alles unter der Sonne hat man dort schon gesehen, da müssen sich „Breaking Bad“ und „Homeland“ schon anstrengen, um mitzuhalten mit Hans W. Geißendörfer.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine ist vielleicht doch die beste Serie der Welt. Action? Wenn Mutter Beimer sich mit ihrer Enkelin zofft, kann „The Wire“ einpacken. Humor? Nichts gegen „30 Rock“ und Alec Baldwin, aber in der „Lindenstraße“ gab es neulich doch tatsächlich einen Gastauftritt von Didi Hallervorden. Und auch „Mad Men“ kommt da nicht mit: Wer braucht Don Draper, wenn es Momo gibt? Ja, genau, den Typen mit den Rastalocken, der ganz, ganz früher mal mit Iffi Zenker was hatte. Unter anderem zwei Kinder, aber die Geschichte ist um einiges komplizierter als bei Don und Betty. Momo hat außerdem seinen eigenen Vater erstochen, war in der Psychiatrie, ist vorübergehend nach Australien ausgewandert und hatte einen Schlaganfall, um nur die einschneidendsten Ereignisse der letzten zwanzig Jahre zu erwähnen. Jetzt gerade ist er frisch verliebt in die Ärztin Iris, nur ihre Tochter Lara rebelliert noch dagegen. Hier haben Geißendörfer und seine Autoren die Chance ergriffen, wieder einmal ganz am Puls der Zeit zu sein: Lara mobbt Momo, indem sie sein Social-Media-Profil manipuliert. Das Portal, auf dem das geschieht, heißt allerdings nicht Facebook, sondern „Spacehorst“.

          Zoff und Zärtlichkeit: Hans und Helga Beimer (Joachim H. Luger und Marie-Luise Marjan)

          Manche klagen, die Lindenstraße sei „Gutmenschenfernsehen“ mit überdeutlicher Moral - dafür bietet sie aber oft ziemlich formidable Unterhaltung, allemal bessere als der „Tatort“ mit seinen missglückten Ambitionen in diese Richtung. Allein schon die Namen der Figuren: Wer erinnert sich nicht gern an Zorro Pichelsteiner und Enrico Pavarotti? Oder an Benny Beimers erste Rockband, die „Mini Pigs“? Gut, das ist jetzt schon etwas länger her. Aber auch zum Beispiel, was die Kochkunst angeht - zehnmal lieber als Tim Mälzer jedenfalls sieht man dem neuen Starkoch in der Lindenstraße zu: Im griechischen Restaurant „Akropolis“ begeistert jetzt Adam Bousdoukos, der Star aus Fatih Akins Film „Soul Kitchen“, als Manolis mit seinen abgefahrenen Topinambur-Kreationen.

          Viel wird ja auch über die Musik zu den neuen Serien geredet. Ja, die von „Mad Men“ ist ziemlich lässig, wenn am Ende dieser komische Hip-Hop-Beat losgeht, aber andererseits: Die Geigen und dann noch ein sehnsüchtiges Mundharmonika-Motiv wie bei der „Lindenstraße“, wo gibt es das schon noch? They don’t make ’em like that anymore.

          Mutter Beimer hält durch

          Wenn das nächste Mal einer fragt: „Hast du schon die neue Staffel von ,House of Cards‘ geguckt?“, werde ich sagen: „Hast du schon das erste Jahr Lindenstraße 1985/86 am Stück geguckt? Gibt es jetzt als Box!“ Und man arbeitet hart daran, irgendwann alle Folgen auf DVD rauszubringen - falls es DVDs bis dahin noch gibt. Es sind nämlich bald schon tausendfünfhundert Episoden, da bekommt der Ausdruck „Binge Watching“ eine ganz neue Dimension. Andererseits jedoch ist es auch gut möglich, bei der Serie mal ein paar Jahre lang auszusteigen, man kommt immer ziemlich leicht wieder rein.

          Walter White hat schon schlappgemacht, Brody und Draper sind auf dem besten Weg dahin. Mutter Beimer hält durch. Die „Lindenstraße“, mögen ihre Quoten wie ihr Budget seit langem sinken und die Verhandlungen mit dem Sender immer schwieriger werden, wird es mindestens noch zwei Jahre geben. Das wurde jüngst besiegelt. Das dreißig-, ach was, das hundertjährige Jubiläum ist in Sicht.

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