https://www.faz.net/-gqz-7hpam

Fernsehserie Downton Abbey IV : Eine Nation flüchtet in die Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

An der eisernen Lady Violet (Maggie Smith) führt in „Downton Abbey“ kein Weg vorbei. Auch nicht in Staffel vier, in der man fast denken könnte, sie habe ein Herz. Bild: Nick Briggs / ZDF

In England läuft die vierte Staffel von „Downton Abbey“ an. Die Serie ist so omnipräsent, dass selbst die Darsteller sie mit dem echten Leben verwechseln.

          3 Min.

          Letzte Weihnachten ging die Feststimmung schlagartig vorüber mit dem Geräusch kreischender Bremsen und einem Rinnsal von Blut, das aus dem Ohr von Matthew Crawley floss. Selbst die zu strengster Geheimhaltung verpflichteten Mitwirkenden von „Downton Abbey“ schauten im Familienkreis betreten ins Glas, als ihnen die Angehörigen nach der Weihnachtssonderfolge vorhielten, dass ihre Liebsten sie nicht vorbereitet hätten auf diesen Schock.

          Gina Thomas
          (G.T.), Feuilleton

          Allen Leech, der Darsteller von Tom Branson, dem ehemaligen Chauffeur, der mit einer Tochter des Hauses durchgebrannt ist und jetzt, noch etwas deplaziert, als deren Witwer am gräflichen Esstisch sitzt, erzählt in melodischem irischem Singsang, wie seine Mutter am Ende der Sendung wütend aus dem Nebenraum gestürzt sei und gescholten habe, was ihm denn einfalle, nicht einmal die eigene Mutter vorzuwarnen.

          Ein Lästermaul mit stählernem Gemüt

          In Echtzeit geschah das vor neun Monaten. Aber in Downton Abbey laufen die Uhren anders. Dort nimmt die am Sonntag im britischen Fernsehen anlaufende vierte Staffel des Kostümdramas die Fäden der Geschichte sechs Monate später wieder auf. Die Serie, die im Jahr 1912 mit dem Untergang der „Titanic“ einsetzte, ist mittlerweile beim Frühjahr 1922 angelangt. Es ist tiefe Nacht.

          Das Schloss liegt im Dunkeln, nur in einem Zimmer brennt Licht. Ein Säugling weint. Lady Mary starrt mit leerem Blick in den Kamin. Sie hat ihren Lebenswillen verloren. Die Sanftmut, die Matthew in ihr entdeckt habe, sei verschwunden, bekennt sie ihrer Großmutter, der gebieterischen Maggie Smith, die ausnahmsweise nicht die Nase rümpft. Ihr stählernes Gemüt scheint sich zu erweichen. Die Gräfinmutter schießt aber immer noch giftige Pfeile ab, etwa wenn sie über den Premierminister Lloyd George lästert, dieser sei so schrecklich, dass sie sich frage, ob er insgeheim nicht Deutscher sei.

          In gewisser Hinsicht kehrt die vierte Staffel zum Ausgangspunkt zurück. Erbschaftsteuern setzen die Zukunft des Schlosses aufs Spiel, der Nachlass von Matthew Crawley ist ungeklärt, der Anspruch Lord Granthams, die Zügel in die Hand zu nehmen, wird in der Familie angefochten, und Lady Mary, die langsam aus ihrer Trauer erwacht, ist als vermögende Witwe wieder eine gute Partie. Damit sind neue Weichen für das fesselnde Geflecht aus Verliebtheiten, Eifersüchteleien, Intrigen und gesellschaftlichen Nuancen gestellt, das die Saga der Crawleys und ihrer Bediensteten mit weltweit 220 Abnehmern und 120 Millionen Zuschauern zur erfolgreichsten Serie der Fernsehgeschichte werden ließ. Inzwischen läuft die Serie auch im chinesischen Staatsfernsehen und zählt den chinesischen Kulturminister zu ihren Anhängern, wie sein britisches Gegenüber dieser Tage offenbarte.

          Nicht nur die Zuschauer, auch die Mitspieler haben sich inzwischen derart vertieft in die Verstrickungen auf dem Schloss, dass sie mitunter nicht mehr unterscheiden können zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Der Schauspieler Allen Leech wurde bei einer Amerika-Reise vom Passbeamten dafür getadelt, wie er seine Frau behandele. Damals war in den Vereinigten Staaten gerade die Folge gelaufen, in der Branson (Leech) die schwangere Lady Sybil in Irland zurückließ. Und Elizabeth McGovern, welche die amerikanische Schlossherrin spielt, hat bekannt, gelegentlich zu vergessen, dass Lord Grantham bloß ihr Fernsehehemann sei. Hugh Bonnevilles Darstellung sei so überzeugend, dass sie oft denke, „eines Tages werde ich dir den verdammten Hals umdrehen, du aufgeblasener Snob“.

          Mit Unterhaltungserfolgen zu alter Größe?

          Mit „Downton Abbey“ hat das britische Fernseh-Gesellschaftsdrama die dritte Generation erreicht. Erst kam Ende der sechziger Jahre die „Forsyte Saga“. Darauf folgte in den siebziger Jahren das „Haus am Eaton Place“, und seit drei Jahren leeren sich die Straßen am Sonntag für den rituellen Fernsehabend mit den Crawleys, der nach dem Empfinden des Historikers Simon Schama eine „dampfende Silberterrine des Snobismus“ auftische und den „Instinkt der kulturellen Nekrophilie“ bediene.

          Die empfindsamen Seelen, die bemängeln, „Downton Abbey“ verbreite ein klischiertes England-Bild und halte das marode Klassensystem aufrecht, vermögen allerdings den eskapistischen Anhängern dieses Märchens die Suppe nicht zu versalzen. Nachdem Britannien in der Folge des Syrien-Debakels von David Cameron als kleine Insel verspottet worden ist, auf die keiner höre, hat der Generaldirektor der BBC vorgeschlagen, die Nation solle Kapital schlagen aus der sanften Macht von Welterfolgen wie „The King’s Speech“ und „Downton Abbey“, um internationalen Einfluss auszuüben: Colin Firth und Hugh Bonneville als Ersatz für Kanonenbootpolitik, flachste der „Daily Telegraph“.

          Die vierte Staffel führt den Zuschauer in die Umbruchsjahre der Zwischenkriegszeit. Oben auf der Herrschaftsetage lockern sich die Sitten. Die jungen Damen des Hauses erliegen den Verlockungen der Jazz-Ära. Lady Edith, der bislang im Schatten ihrer älteren Schwester ein Altjungferndasein beschieden zu sein schien, erwägt sogar, sich auf eine wilde Ehe einzulassen. Unten in der Küche kämpft Mrs Patmore gegen den Fortschritt, der ihr Reich in der Gestalt eines elektrischen Quirls bedroht. Anders als die Küchenmagd Daisy kann sie das Gerät nicht bedienen.

          Mrs Patmore weiß, was das bedeutet. Daisy gehört die Zukunft, während sie von gestern sei. In Kürze werde ihre Ladyschaft bloß eine Frau aus dem Dorf beschäftigen müssen, um die Küche zu führen, heißt es einmal. Und immer wieder fällt der Satz: Die Zeiten ändern sich. Aber eines bleibt gleich. In den nächsten acht Wochen und am ersten Weihnachtstag, an dem Kiri Te Kanawa als die australische Diva Dame Nellie Melba die Schlossgesellschaft mit ihrer Darbietung der Puccini-Arie „O mio babbino caro“ bezaubern wird, nisten sich Millionen von Briten wieder genüsslich vor dem Bildschirm ein.

          Weitere Themen

          Gebt die Festung dem Volk

          Stasi-Zentrale in Leipzig : Gebt die Festung dem Volk

          Die einstige Bezirkszentrale der Stasi gehört zu den wenigen baulichen Relikten der DDR in Leipzigs Stadtzentrum. Nun soll alles umgestaltet werden. Aber wie – und wofür?

          So viel Trost liegt im Tanz

          „Spring Gala Film“ : So viel Trost liegt im Tanz

          Gut ein Jahr blieben die großen Theaterbühnen aufgrund der Pandemie leer. Sofia Coppolas „Spring Gala Film“ zeigt das New York City Ballet bei seiner Rückkehr auf die Bühne.

          Topmeldungen

          Nach links, ok, und dann? Olaf Scholz im April.

          SPD-Kanzlerkandidat : Scholz gewinnt nicht – wirklich?

          Die SPD hat einen Plan, aber einen schwachen Kandidaten. Olaf Scholz kämpft gegen schlechte Umfragewerte und die eigene Partei. Hat er auch nur irgendeine Chance gegen Annalena Baerbock?
          Enttarnt: Sophie Scholl nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo am 18. Februar 1943

          Weiße Rose Stiftung : „Sophie Scholl ragt als einzige Frau heraus“

          Die Widerstandskämpferin hätte am Sonntag ihren 100. Geburtstag gefeiert. Im Interview spricht Hildegard Kronawitter von der Weiße Rose Stiftung über Scholls Rolle, vermeintliche Schuld und missbräuchliche Vereinnahmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.