https://www.faz.net/-gqz-9d4gb

Gerd Ruge wird 90 : Er weiß, was sehenswürdig ist

Als Korrespondent in Washington zu Zeiten der schwarz-weißen Fernsehübertragung Bild: WDR

Gerd Ruge war für das Fernsehen ein Reporter der ersten Stunde. Er berichtete aus Russland, China und den Vereinigten Staaten. Er ließ vor allem die Menschen zu Wort kommen. Jetzt wird er 90 Jahre alt.

          3 Min.

          Es gibt viele Gründe, Reportagen von Gerd Ruge anzuschauen. Der Hauptgrund ist vermutlich der Erzählstil: unaufgeregt, sprachlich nicht ganz glattgebügelt, dafür ohne jegliche Phrasen. Man reiste mit Ruge bereitwillig in die hintersten Winkel der Welt und ließ sich die Welt erklären, denn man wusste, mit ihm einen zuverlässigen Begleiter an der Hand zu haben. Er besuchte Kraftwerke in Georgien, Fährschiffer auf Sachalin und Bergbauern in Afghanistan. Denn nichts interessiert Ruge so sehr wie der ganz normale Alltag.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          1949, mit erst 21 Jahren, begann er, für den damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk Radioreportagen zu senden. Als Adenauer wenige Jahre später zum Staatsbesuch nach Moskau flog und erfolgreich die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen aushandelte, sprach Ruge seine Reportage direkt ins Telefon. Das war eine große Ausnahme, denn alle Berichte mussten damals noch der Kontrollstelle im Telegrafenamt vorgelegt werden, der Kontakt von Ausländern zu Russen war verboten. Fünfzehn Jahre später war er der erste Korrespondent der ARD in Moskau, er beherrschte die Sprache immer besser, bis heute hat er eine Wohnung in der russischen Hauptstadt. Wo Ruge auch hinkam, sehr oft war er der Erste, der den Deutschen aus dieser Gegend berichtete. Und dadurch ihr Bild von diesen Ländern, vor allem den Ostblockstaaten, prägte.

          Als Korrespondent berichtete er auch während unruhiger Zeiten aus den Vereinigten Staaten. Die Ermordung von Senator Robert Kennedy im Jahr 1968 war seine schlimmste Reportage, sagte er einmal. So sitzt er sichtlich schockiert an seinem Schreibtisch und spricht in die Kamera: „Sie werden mir verzeihen, wenn ich das alles nicht sehr geschliffen schildern kann“, sagt er, und dann, mit belegter Stimme: „Das ist alles noch wie ein Albtraum.“ Was folgt, ist dann doch vergleichsweise geschliffen.

          „Das weiße Kreidekreuz, das ein Polizist in der Küche auf den Boden malte, dort, wo Senator Kennedy gefallen war, das ist das Erste, was man eigentlich als Realität erkannte, weil da ein Mann seinen Berufspflichten nachging, nüchtern und sachlich. Und mit einem Mal wurde klar, dass das alles kein Albtraum war.“ Heute gäbe es vermutlich wackelige Handybilder, weil das Fernsehen immer für alles Bilder braucht, und niemand würde sich bemühen, die richtigen Worte für etwas zu finden, was er gerade erst langsam begreift, während man ihm beim Begreifen zuschauen kann. Nein, man würde dem Nächstbesten ein Mikrofon hinhalten, ihn nach seiner Stimmung befragen und konstatieren, dass doch alles gerade recht emotional sei. So einfach hat es sich Ruge nie gemacht.

          Auch über die Ermordung von Martin Luther King kurz zuvor berichtete er als Reporter. Ruge steht am Ort des Attentats und zeigt auf das Gebäude gegenüber, von wo aus die Schüsse fielen, ein „Hotel für heruntergekommene Wermutbrüder“. Der Rest ist lapidar: „Und dann wurde er ins Krankenhaus gebracht, und dann war er tot.“ Nach diesem Ereignis berichtete er häufig aus dem Alltag schwarzer Amerikaner. Er war dabei nicht neutral – wie kann man da auch neutral bleiben? –, er fühlte mit. Und brachte seine Interviewpartner dazu, diesem freundlichen Deutschen Dinge zu erzählen, über die sie sonst nicht unbedingt redeten. Viele Geschichten entstanden für den „Weltspiegel“, jenes bis heute geschätzte Format für Auslandsreportagen abseits der akuten politischen Krisen, das Ruge 1963 zusammen mit Klaus Bölling initiierte.

          Als Reporter auf dem Roten Platz in Moskau
          Als Reporter auf dem Roten Platz in Moskau : Bild: dpa

          Mitte der siebziger Jahre, in der Endphase der Kulturrevolution, trieb es ihn aus Bonn, wo er das Hauptstadtstudio leitete, wieder in die Ferne, nach China. Wie in Russland war auch hier die Arbeit der Presse durch Zensur erschwert, Ausländer standen unter strenger Beobachtung. Trotz erschwerter Bedingungen bemühte er sich um Verständnis, um Kontakt zur Bevölkerung. Eine dramatische Zeit erlebte Russland auch nach dem Ende des Kalten Kriegs. Als 1991 das Militär in Moskau gegen den damaligen Präsidenten Gorbatschow putschte, berichtete Ruge vier Tage lang unermüdlich in Reportagen und Liveschaltungen.

          Bei ihm kommen die Menschen zu Wort: Gerd Ruge auf Reportagereise.
          Bei ihm kommen die Menschen zu Wort: Gerd Ruge auf Reportagereise. : Bild: WDR/Irmgard Ruge-Eichner

          1993 ging Gerd Ruge in den Ruhestand – und lief als freier Reporter zur Hochform auf. Seine Reisereportagen waren im besten Sinne untouristisch. Mit konventionellen Zielen und Sehenswürdigkeiten hielt er sich nicht auf. Stattdessen fuhr er bevorzugt dorthin, wo sonst niemand hinfuhr, und tat das, was er am besten konnte: Er redete mit den Menschen. Das interessierte ein Millionenpublikum, über dreißig Folgen entstanden in der Reihe „Gerd Ruge unterwegs“. Vor drei Jahren veröffentlichte er unter diesem Titel auch seine Erinnerungen bei Hanser Berlin. Heute wird er neunzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Meister der Sozialdemontage

          Tomi-Ungerer-Ausstellung : Meister der Sozialdemontage

          Er schreckte nicht davor zurück, sich Feinde zu machen, aber sein frühester Antrieb war Mitgefühl: Die Sammlung Falckenberg zeigt die erste postume Retrospektive von Tomi Ungerer.

          Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

          Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

          Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

          Topmeldungen

          Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

          Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

          Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
          Im ersten Wahlgang erfolgreich: Roberta Metsola nach ihrer Wahl zur EU-Parlamentsvorsitzenden

          Neue EU-Parlamentspräsidentin : Webers Deal und seine Folgen

          Roberta Metsola rückt an die Spitze des EU-Parlaments. Zu verdanken hat sie das vor allem dem Strippenzieher Manfred Weber. Die Grünen haben sie nicht gewählt – und zahlen dafür einen hohen Preis.