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TV-Kritik: Fernsehpreis : Unwürdige Ehrung für preiswürdige Filme

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Nach jahrelanger Sendepause war die Verleihung des deutschen Fernsehpreises erstmals wieder live zu verfolgen. Warum eigentlich? Die Veranstaltung besaß weder Charme noch Tiefgang.

          Wenn sich das Fernsehen selbst ehrt, zeigt man das am besten im Internet. Nachdem der deutsche Fernsehpreis zwei Jahre lang ohne Live-Übertragung auskommen musste, kehrte er am Donnerstagabend auf die Bildschirme zurück – allerdings nur auf die digitalen. Denn der WDR zeigte die Preisverleihung in einem auf seiner Website gut versteckten Livestream. Lediglich der öffentlich-rechtliche Spartensender „One“ ließ sich überreden, mit guten zwei Stunden Verzögerung eine Aufzeichnung zu senden. Die Wahl des Verbreitungswegs war allerdings weniger als Annäherung an die immer größer werdenden Online-Konkurrenten Netflix und Amazon Prime zu verstehen, als dem Umstand geschuldet, dass der Preis seit den Streitigkeiten der letzten Jahre um seine Ausstrahlungskraft ringt.

          „Hammer, heute wird es groß“ – Die Moderatorin Barbara Schöneberger singt zur Eröffnung der Fernsehpreisverleihung gemeinsam mit Steffen Hallaschka eine ganz eigene Version von „Bohemian Rhapsody“ im Freddie-Mercury-Stil. Wenn schon keiner der preisstiftenden Sender, ARD, ZDF, RTL und Sat.1, einen Primetime-Platz bereitstellen wollte und auch das Bühnenbild in der Düsseldorfer Rheinterrasse an Prunk zu wünschen übrig ließ, wollte wenigstens das Moderatorenduo zum zwanzigjährigen Jubiläum des Preises die Inszenierung würdig gestalten. Das gelang den beiden auch streckenweise. Doch widrige Umstände bringen auch engagierte Versuche letztlich zum Scheitern.

          „Wir lieben Fernsehen“

          „Lindenstraße, Echo, Cebit sind weg – aber wir sind noch da“, rief Schöneberger trotzend in die Kamera. „Wir lieben Fernsehen“, ergänzte Hallaschka beschwörend. Dass das nicht nur eine Phrase ist, bekam der Zuschauer zu spüren, als die großen und erfolgreichen Fernsehproduktionen des letzten Jahres vorgestellt und geehrt wurden. Die Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“, in der die Autorin Regina Schilling die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte anhand der subtilen Aufarbeitung der NS-Zeit in den populären Unterhaltungsshows schildert, wurde ausführlich gleich zu Beginn der Verleihung vorgestellt und ausgezeichnet. Das ARD-Filmdrama „Gladbeck“ sammelte gleich drei Preise als „Bester Mehrteiler“ und als Film mit dem „Besten Schauspieler“ (Albrecht Schuch) sowie dem „Besten Schnitt“ (Ueli Christen) ein. Die Sky-Serie „Das Boot“ wurde mit David Luther und Vicky Krieps in den Kategorien „Beste Kamera“ und „Beste Schauspielerin“ gewürdigt, wobei letztere, als Luxemburgerin, in ihrer Dankesrede zugeben musste, das deutsche Fernsehen eigentlich gar nicht wirklich zu kennen.

          Thomas Kufus, Regina Schilling und Simone Reuter freuen sich nach Verleihung des Deutschen Fernsehpreis 2019 über die Auszeichnung in der Kategorie beste Dokumentation/Reportage für „Kuhlenkampffs Schuhe“.

          Der Verdacht, dass diese Unkenntnis nicht nur für Krieps gelten könnte, drängte sich gerade dann auf, als weniger medienwirksame Personen ihre Preise erhielten. Zum „Besten Doku-Mehrteiler“, der ZDF-Produktion „Die Linie des Lebens“, in der es um eine dokumentarische Weltreise entlang des Äquators geht, die die verschiedenen Kulturen, Naturräume und ihre jeweiligen Probleme in den Blick nimmt, verkündete Moderator Hallaschka nach einer Zwei-Sätze-Vorstellung nur einen obszönen Witz, der auf den Titel anspielte. „Die Linie des Lebens – wer will die nicht sofort wegsniefen?“, musste sich das Publikum anhören, als es um ein sehr ernstes Thema ging. Uwe Ochsenknecht, der die Gewinner in den Kategorien „Bester Schauspieler“ und „Beste Schauspielerin“ kürte, las die eh schon sehr kurzen Erläuterungen der nominierten Filme beinahe ausschließlich vom Zettel ab.

          Auf der Oberfläche bleiben musste die Preisverleihung vielfach, die einzelnen Nominierten wurden kaum dargestellt – schon deswegen, weil die prominenten Gäste im Saal über den Abend hinweg immer unruhiger wurden. Die Fernsehmacher erwiesen sich als schlechtes Publikum. Als die Personen geehrt wurden, die sonst eher nicht vor der Kamera zu sehen sind – Produzenten, Drehbuchschreiber, Bühnenbildner – entstand ein Lärmpegel im Raum, der den ausgezeichneten Leistungen unwürdig war. Es wurde so laut in Düsseldorf, dass Hallaschka zu „ein bisschen mehr Andacht“ mahnen musste. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die Drehbuchautoren im letzten Jahr zurecht beklagten, nicht ausreichend Beachtung zu finden, stellte dieser Abschnitt den absoluten Tiefpunkt des Abends dar.

          Als sie ihren Dank aussprechen wollten, brachte die Saallautstärke Martina Müller und Jana Karen, die für das Kostümbild bzw. Szenenbild in „Der große Rudolph“ geehrt wurden, mehrfach aus dem Konzept. Sie erhielten dennoch kaum eine Minute länger Redezeit. Eine Tatsache, die Mizzi Meyer, die das preisgekrönte Drehbuch für die NDR-Comedyserie „Der Tatortreiniger“ geschrieben hat, ironisch unterlief, indem sie, in einem aus Drehbuchseiten bestehenden Kleid, ihre Rede künstlich hinauszögerte. Ihre unnötig förmlichen Anreden karikierten das auf Kürze bedachte Zeitregiment der Preisverleiher.

          Auszeichnung in Abwesenheit der Hauptdarsteller

          Aber nicht nur das anwesende Publikum machte sich offenbar mehr Sorgen um andere Dinge, wie etwa die Hitze im Saal und den Mangel an Getränken, als um die Außendarstellung des Fernsehpreises. Der WDR-Intendant Tom Buhrow forderte per Videobotschaft „mehr Wertschätzung“ für die Preisverleihung, war aber selbst zu Beginn der Sendung nicht anwesend – was für allgemeines Gelächter im Publikum sorgte. Die „Beste Comedy-Serie“, die ProSieben-Produktion „jerks.“, wurde in Abwesenheit ihrer Hauptdarsteller ausgezeichnet. Fahri Yardim und Christian Ulmen waren laut Angabe des Teams noch „im Schnitt“, was immerhin den Vorteil hatte, dass diesmal die Produzenten und Autoren im Vordergrund standen.

          Für die erheiternden Momente des Abends war hauptsächlich Barbara Schöneberger verantwortlich, die die Umstände der Verleihung mit Schlagfertigkeit, Wortwitz und Ironie zu überspielen versuchte. Kleine Spielereien wie ein kurzes Filmquiz für die an großen Galatischen sitzenden Produktionscrews lockerten den Abend auf. Aufatmen konnte man außerdem, als der Förderpreis der Jury vergeben wurde, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Die aufstrebende Schauspielerin Lena Urzendowsky wurde für ihre Rolle in „Der große Rudolph“ und Michelangelo Fortuzzi für seine Performance in „Alles Isy“ ausgezeichnet. Auf diese Art fand die kommende Generation talentierter deutscher Schauspieler Platz in einer sonst eher beschämenden Show.

          Die letzte Rettung der Show war die Ehrung von Jürgen von der Lippe, der für sein Lebenswerk den Ehrenpreis der Stifter erhielt. In seiner Dankesrede lobte er Schönebergers „gütige, aber strenge Führung durch den Abend“ und wies sarkastisch auf „die vielen Millionen, die uns im Internet zuschauen“ sowie die Kuriosa der vergangenen Preisverleihungen hin, wie etwa die Ablehnung desselben Fernsehpreises durch Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2008. Die hohen Töne des Lobes in der Begründung der Preisvergabe kommentierte er folgendermaßen: „Ich habe immer viel von mir gehalten, aber ich habe nicht gewusst, dass ich ein derart famoses Haus bin“. Von der Lippe nahm den Preis mit einem Augenzwinkern entgegen. Anders war der Abend auch kaum zu ertragen.

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