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Fernsehmarkt : Das Programm bin ich

  • -Aktualisiert am

Expandiert Berlusconi nach Deutschland? Bild: AP

In seiner Heimat verbietet ihm ein neues Mediengesetz die weitere Expansion. Könnten Sat.1 oder Pro Sieben irgendwann aussehen wie „Canale 5“, „Italia 1“ oder „Rete 4“? Wie Berlusconi das italienische Fernsehen befreit und ruiniert hat.

          Hat Silvio Berlusconi - wie seine Feinde sagen - Italiens Fernsehen ruiniert und auf niedrigstes Niveau gebracht? Oder ist er - wie er selbst sagt - ein Freiheitsheld, weil sein Konzern „Mediaset“ den Mitbürgern exakt die bunten Sendungen liefert, die sie sehen wollen? An dieser Frage scheiden sich die Geister nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, seit die Ambitionen der Mediaset auf den Erwerb von Pro Sieben Sat.1 publik wurden. So offen die Frage nach der Kontrolle der deutschen Sender sein mag - die Bedenken, sich den Medienmogul, Politiker, Gesellschaftslöwen Berlusconi als Meinungsmacher in Germania vorzustellen, sollte man wohl auch mit einem Blick auf die Sender der Mediaset illustrieren. Könnten Sat.1 oder Pro Sieben irgendwann aussehen wie die drei nationalen Kanäle Berlusconis?

          Das aktuelle Wochenendprogramm der privaten Kette, die de facto das Imperium der Familienholding Berlusconi ist, verrät zunächst wenig Bedrohliches. Während die Nachmittage mit Filmwiederholungen, Billigshows und Reality-Serien überbrückt werden, gehört der Abend entweder amerikanischen Filmen oder - neben neuerdings auffallend wenigem, weil teurem Sport - den Familienshows, etwa dem beliebten Samstagabendspektakel „C'è posta per te“ (Post für dich), bei der eine handelsüblich blondierte Soubrette allerlei Zusammentreffen von Prominenten organisiert. Weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick unterscheidet sich die Endlosschleife des Berlusconi-Fernsehens von den staatlichen Programmen der Rai, wo gleichfalls marktschreierische Formate, Reality-Soaps und Sport vorherrschen.

          Die Rai hat längst nachgezogen

          Die Zeiten, da Berlusconis Dauerwerbesendungen das Niveau noch senken konnten, reichen in die achtziger Jahre zurück, da er mit „moderner“ Ästhetik und amerikanischen Billigserien das langweilige und politisch kontrollierte Verlautbarungsfernsehen der Rai überholte - wenn man das dubiose Zustandekommen von Berlusconis privatem Sendemonopol durch diverse von ihm beeinflußte Gesetze und Steuertricks einmal außer acht läßt. In jedem Fall hat die Rai unter dem Druck eines davonlaufenden Publikums beim Programmschema nachgezogen und liegt mit ihren drei Kanälen in den Formaten und mit der Einschaltquote auf Augenhöhe mit Mediaset.

          Eben noch hier, bald schon dort: Silvio Berlusconi

          Nicht einmal den Kulturauftrag vernachlässigt man im trostlosen Industriegürtel von Mailand, wo die Büros der Mediaset liegen. Wem am Sonntag morgen tatsächlich nichts Besseres einfällt, als das Fernsehen einzuschalten, der findet bei Berlusconi, vor allem im seriöseren „Rete4“, eher katholische Messen, Opernmusik, Folklore oder moderne Kunst als bei der Rai. Freilich hat Berlusconi durch seine drei Sender die Möglichkeit zu diversifizieren. Der Billigsender „Italia 1“ zeigt zur Kinderstunde Wrestling, Trickfilmchen und amerikanisches Trash-Fernsehen. Beim gesetzteren Publikum schreckt Mediaset aber auch nicht davor zurück, den durch und durch parteiischen Nachrichtenmoderator Emilio Fede Abend für Abend seinen Brotgeber Berlusconi als politische Heilsfigur feiern zu lassen. Die anderen Parteien, allen voran die Kommunisten, stellt der - oft an Karl Eduard von Schnitzler erinnernde Senior - als Schrecken Italiens und der Welt dar.

          Auf der Strecke geblieben: Anspruch, Ästhetik. Niveau

          Eine ähnlich systematische Propaganda zugunsten der eigenen Karriere schwebt Berlusconi in Deutschland wohl nicht vor, doch bleibt die Frage, ob die deutschen Mediengesetze ein solches Kampagnenfernsehen - etwa zugunsten politischer Freunde oder einfach nur des Meistbietenden - zuließen. Seine Parteilichkeit und ganz offene Zensur der Rai haben Berlusconi als Ministerpräsident ohnehin nicht genützt. Die Wahlen, anläßlich deren er die Mediengesetze zugunsten unbeschränkter Wahlwerbung in eigener Sache ändern wollte, gewann sein Kontrahent Prodi - mit Gegenwind sämtlicher Sender.

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