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Serie „American Crime“ : Mord hat als Verbrechen ausgedient

  • -Aktualisiert am
Produzent und Regisseur, der neuen Wind in die amerikanische Fernseh-Serie mit „American Crime“ bringt: John Ridley.

„Es geht mir um die Familien und die Art, wie sie mit den Ereignissen umgehen“, sagt John Ridley. „Und nicht bloß fünfundvierzig Minuten lang. Solche Ereignisse brauchen Monate, Jahre, um verarbeitet zu werden - wenn es überhaupt gelingt.“ Ähnlich fasste es schon der von Matthew McConaughey verkörperte nihilistische Ermittler Rust Cohle in HBOs „True Detective“: „Nichts ist je aufgelöst. Nichts ist je vorbei.“ Der „True Detective“-Autor Nick Pizzolatto benutzte das Krimigenre als Vorwand für eine existentialistische Betrachtung mit zwei ungleichen Männern in den Hauptrollen. Für John Ridley ist es der Hintergrund, vor dem er eine Antwort nach der anderen auf die Frage ausbreiten kann, was aus der Vorstellung vom amerikanischen Schmelztiegel geworden ist.

Barb ist eine Rassistin, deren Wut auf „diese Leute“ sich aus der Demütigung speist, ihre Kinder in einer schwarzen Sozialsiedlung großziehen zu müssen, weil Russ das Familienvermögen verzockt hat. „American Crime“ zeigt eine Gesellschaft, die durchdrungen ist von Vorurteilen über Rasse, Klasse und Geschlechterrollen, in weißen, hispanischen, schwarzen und muslimischen Kontexten gleichermaßen - das mag das eigentliche Verbrechen in dieser elfteiligen Serie sein.

Mit ausgestrecktem Arm vom Leib halten

Inspiriert wurde sie von den Ereignissen um die Erschießung des unbewaffneten schwarzen Teenagers Trayvon Martin Anfang 2012 durch den selbst erklärten Nachbarschaftswächter George Zimmerman. Als Zimmerman im Sommer 2013 zum Entsetzen vieler freigesprochen wurde, begann ABCs Unterhaltungschef Paul Lee über eine Serie nachzudenken, die das zeitgenössische Amerika thematisiert. Der damalige Drama-Entwicklungschef bei ABC, Michael McDonald, sprach John Ridley an. ABC gewährte Ridley, der damals noch keinen Oscar sein eigen nennen konnte, freie Hand bei der Entwicklung der Serie - eine mutige Entscheidung in einer Network-Landschaft, die vor politischen Stoffen gewöhnlich eher zurückschreckt.

„Ich glaube, ABC hat sich ganz bewusst etwas getraut, um Leute, die einst ,Desperate Housewives‘ und ,Lost‘ schauten, zurückzuholen“, sagt McDonald mit Blick auf zwei Serien des Senders, die vor zehn Jahren mit den üblichen Regeln brachen. „American Crime“ widersetzt sich den Konventionen, indem fast völlig auf Musik als emotionalen Stichwortgeber und den gewohnten Rhythmus von Schnitt und Gegenschnitt verzichtet wird. Der Zuschauer schaut mit unverwandtem Blick auf ein Geschehen, in dem kleine Gesten mehr sagen als Worte: Als sich Russ und Barb einander nach dem Mord begegnen, sieht man aus der Distanz, wie er ihr die Taxitür öffnet - und sie ihn sich mit ausgestrecktem Arm vom Leib hält.

Für Felicity Huffman dürfte die Zeit, in der Zuschauer sie immer noch mit Lynette Scavo aus „Desperate Housewives“ identifizieren, endgültig zu Ende gehen. Lange rang sie damit, die Rolle, die sie bekanntmachte, abzustreifen. „Die Leute sagten, aha, hier ist Lynette als Krankenschwester. Und ach, da ist Lynette als Polizistin. Nun: Hier ist die bigotte Lynette“, sagt sie. Tatsächlich ist Huffmans Barb die politisch kantigste Antiheldin des amerikanischen Fernsehens. Und „American Crime“ darf schon jetzt als eine der besten Serien des Jahres gelten.

American Crime startet am 5. März auf ABC, in Deutschland am 16. März um 21.50 Uhr auf 13th Street, zu empfangen über Sky, Telekom und die Kabelanbieter.

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