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„Sein gutes Recht“ im ZDF : Zwei tanzen gemeinsam ins Vergessen

  • -Aktualisiert am

Missverständnis: Matthias Habich und Thekla Carola Wied Bild: Willi Weber

„Sein gutes Recht“ handelt von der Entmündigung Demenzkranker – mit überfrachteter Symbolik, plakativen Botschaften und mahnend den Zeigefinger hebend. Dieser Film glaubt nicht an mündige Zuschauer.

          Charly sieht eigentlich ganz rüstig aus, wie er da so fröhlich angetanzt wird von Leni (Thekla Carola Wied) im Morgenmantel, aber das täuscht. Kaum nämlich kehrt sie vom Einkaufsbummel zurück, in der Hand einen Kunststoffgenossen für ihren Papageien, liegt Charly schon mausetot auf dem Käfigboden. Ähnlich hat sich schon Lenis Ehemann davongemacht. Merke: Zwischen purer Lebensfreude und verzweifelter Einsamkeit liegt nur ein kleiner Plumps. Zwischen beiden Extremen wird die Handlung neunzig Minuten lang hin- und herpendeln, und es wird tatsächlich so holzschnittartig bleiben wie im Vorspann.

          Die Koproduktion von ZDF und Arte unter der Regie von Isabel Kleefeld („Im Netz“) hantiert nicht nur sahnetortendick mit Symbolik, sondern posaunt auch eine Botschaft nach der anderen heraus wie: „Verfallen müssen wir halt lernen.“ Und sie gehört zur boomenden Gattung des Demenzdramas. Der plötzlich wieder in Lenis Leben getretene Max Büttner (Matthias Habich), Lenis alte Tanzschulenliebe und immer noch eine formidable Partie auf Ü-60-Partys, wird von mentalen Aussetzern geplagt. Für die betulich dahin dudelnde Handlung gilt das leider nicht minder. Zwischentöne sind nicht gefragt. In fröhlichen Szenen taucht gleißendes Sonnenlicht die Szenerie in Goldfarben, wird getanzt und gesäuselt; die tristen Momente erleuchtet das kühle Neonlicht von Krankenhausfluren, Heimen und Kanzleien.

          Der per Gerichtsbeschluss für Max bestellte Betreuer, Anwalt Schallings (ein auf aalglatt gemachter Götz Schubert), erweist sich als so hinterhältig, wie das sein fast rechtloses Opfer von Beginn an glaubte. Heldenhaft lehnt sich Leni auf gegen ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit, das alte Menschen vor allem als lukrative Entsorgungsfälle ansieht. Nebenbei kittet sie noch den Bruch zwischen Max und seinem Sohn, dessen Homosexualität den Vater vor zwölf Jahren zu dem Ausruf „Ich habe keinen Sohn mehr!“ verleitet hat. Puh.

          Schnabeltassenvariante von Romeo und Julia

          So einfallslos zusammengepinnt das alles wirkt, so uninspiriert wird es heruntergespielt. Einige wenige berührende Momente gibt es, etwa die ungerechten Vorwürfe Lenis, weil Max beim Demenztest gepatzt hat. Ergreifend ist auch die eigenmächtige Rückkehr des in ein Seniorenheim Eingewiesenen in seine Villa, die ohne sein Wissen verscherbelt wird, um so die enormen Kosten für Max’ Käfighaltung zu decken. Der ganz legal seines Hauses Beraubte wird von der Polizei entfernt. Immer aber übertreibt es dieser Film mit dem Tragik-Kitsch, der nicht einmal vor einer Schnabeltassenvariante von Romeo und Julia haltmacht: Max darf sein Heim nicht verlassen, und Leni bekommt ein Besuchsverbot aufgebrummt. Bald steht die bis dahin starke Heldin sogar selbst vor der Entmündigung.

          Das ist emotional hochgedrehtes Problemfernsehen mit Ermahnungscharakter. Zugleich drückt sich der Plot vor den eigentlichen Untiefen, dem wirklichen Verfall, indem er immer stärker auf die krummen Machenschaften einer Kanzlei abhebt, die aus Geldgier zweihundert Betreuungen übernommen hat. Sicher gibt es kriminelle Auswüchse im Betreuungs(un)wesen, aber unsere von Demenz herausgeforderte Gesellschaft hat bessere, offenere, verspieltere Filme zu diesem Thema verdient, die es ja längst gibt, etwa Paul Abbotts „Exile“. Da ist dann auch kein bemühtes Happy End nötig, bei dem die Protagonisten so dusselig in den goldüberglänzten Tag hinaustanzen, dass man von der Stange plumpsen und nur noch vergessen will.

          Sein gutes Recht, um 20.15 Uhr im ZDF

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