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Fernsehkritik: „Steinbrücks Blick in den Abgrund“ : Weg vom Zaun des Kanzleramts!

  • -Aktualisiert am

Besorgt über die schwindende Macht der Bundesregierung: Peer Steinbrück in Lambys Film Bild: NDR

Was der einstige Finanzminister Peer Steinbrück am Mittwochabend in einem sehenswerten Fernsehporträt äußert, ist revolutionär - für die deutsche Politik und das Nachdenken über sie. Das Streben nach dem Amt des Kanzlers scheint danach nicht mehr sonderlich attraktiv.

          Der Hamburger Filmemacher Stephan Lamby ist der Bob Woodward der Berliner Republik - wenn man den Amerikaner nicht nur als den Watergate-Enthüller kennt, sondern als kritischen Chronisten aller Präsidenten seit Clinton. Woodward schreibt Bücher, Lamby macht Dokumentationen. Heute scheint es, als würden deutsche Politiker während ihrer Amtszeit Erfahrungen sammeln wie Spielbankchips, die erst vor Lambys Kamera in einen wahren Wert, nämlich in historische Bedeutung, eingewechselt werden.

          Worin jeweils die Bedeutung dieser Filme liegt, darin irren sich die Kommentatoren leicht mal. Im Fall der heute Abend ausgestrahlten Dokumentation über Peer Steinbrück wurde erregt vorab gemeldet, dass Steinbrück im Film etwas ganz Unerhörtes tut: Er bereut eine Entscheidung. Das ist tatsächlich ein ganz rührender Moment des Films: Peer Steinbrück bedauert seine Zustimmung zur sogenannten Rentengarantie, weil sie kommenden Generationen eine unfaire Bürde auferlegt.

          Er sagt, die Entscheidung sei aus wahlkampftaktischem Kalkül erfolgt, und stellt fest: „Ich hätte da nicht mitmachen dürfen“. Dann gibt es einen Schnitt, und man sieht, wie er im Stehen ein Glas Wasser leert, als sei ihm der Mund trocken geworden von der Wahrheit.

          Lästern mit Helmut Schmidt über das Personal der EU

          Doch eigentlich ist das nicht der wichtigste Moment des Films. Wichtig ist nicht einmal der Schluss, als Lamby, einer Neugier folgend, die mittlerweile auch der Zuschauer teilt, Steinbrück nach seinen Optionen auf die Kanzlerschaft fragt. Denn irgendwie wirkt die Szene zu verkrampft, als solle Steinbrück nun auch wie einst der Juso Gerd Schröder an den Stäben des Kanzleramtes rütteln und rufen, er wolle da rein.

          Steinbrück lacht nur bei dem Ansinnen und sagt, er werde nicht am Zaun rütteln, denn dann „läuft das sofort“. Er meint eine flächendeckende mediale Kommentierung seiner Absichten und Optionen. Das wäre, angesichts der ansonsten im Film angesprochenen Themen, einfach nur albern.

          Mit Helmut Schmidt über die EU lästern

          Steinbrücks „Blick in den Abgrund“ beschränkt sich nicht auf den Krisenherbst 2008, als das Finanzsystem zusammenzubrechen drohte und er mit der Kanzlerin vor die Kameras trat, um alle Spareinlagen zu garantieren. Er benennt im Film noch zwei ganz andere Gefahren, die weder die Politik noch die Medien mit ihrer Kurzsichtigkeit angemessen abzubilden vermögen.

          Da ist erstens die strukturelle Schwäche der Europäischen Union, die mehr und mehr ins politische Hintertreffen gerät. Während China und andere Riesenländer wie Brasilien und selbst Indien ihre wirtschaftliche Dynamik mit einem selbstbewussten Auftreten in internationalen Konferenzen ergänzen, schleppt sich der Riese EU führungslos dahin.

          Dies erörtert Steinbrück im Film mit Helmut Schmidt. Es ist eine tolle Szene. Beide sitzen über Eck an einem schlichten Tisch, hinter sich den blauen Hamburger Himmel, und lästern über die Qualität der europäischen Vertreter. Steinbrück flötet, so ganz harmlos, um den Kanzler der Herzen so richtig in Fahrt zu bringen, wen es denn da gebe, an der Spitze der EU: „Helmut, wer ist da satisfaktionsfähig?“ Niemand, schnarrt der Alte und steigert seine Betriebstemperatur, stellt gleich fest, so schlimm sei es „in den letzten sechzig Jahren noch nie“ gewesen. Offenbar hält er nicht viel von Sarkozy oder Merkel - und nach Cameron, Clegg und Berlusconi möchte man ihn gar nicht erst fragen.

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