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Fernsehkritik: „Schmutziger Süden“ : Münchner Mädels

Lemkes Laienschauspieltruppe: Sina Hentschel, Henning Gronkowski, Sheila Malek, Indira Madison, Brad Pessi (von links nach rechts) Bild: Klaus Lemke

Klaus Lemke, der Anarchist unter den Regisseuren, hat sich seinen Heimatkiez vorgenommen: Seine lebenspralle Sommerkomödie „Schmutziger Süden“ zeigt ein Schwabing voller Sex und Lebensgier und verführt mit dem Charme des Unbedarften.

          Von einer leichten Sommerkomödie, die einen Hamburger nach München schickt, erwartet man den heiteren Schlagabtausch überzeichneter Regionalklischees, die am Ende zum besseren gegenseitigen Verständnis beider Kulturkreise aufgelöst werden. Man darf anderes erwarten, wenn der Regisseur Klaus Lemke heißt, seit Jahrzehnten gegen alle Genreregeln inszenierender Münchner Regieanarchist. Lemke, heißt es, dreht Filme, die wie das Leben sein wollen: atemlos, ungefiltert, lebensprall. Irgendwann gab er es auf, sich um Fördergelder zu bewerben, und entwickelte sich zum erklärten Feind des subventionierten Filmbetriebs. Seine ohne Drehbuch, mit Minimalbudget, Handkamera und Laienschauspielern gefilmten Szenen sind in einer Art dokumentarischem Realismus lose aneinandergereiht. Die fehlende Handlungsstringenz muss vom Zuschauer ausgefüllt werden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Sein neues Werk „Schmutziger Süden“ dreht sich nach eigener Aussage um Frauen, ihre Panzerungen und zurückgehaltenen Bedürfnisse, die Lemke freizulegen verspricht. Es wird seinem Titel mit ziemlich expliziten Sexszenen gerecht. Den haltlos durchs Leben treibenden jungen Hamburger Henning (Henning Gronkowski) verschlagen seine Kurierdienste im Kleingangster- und Drogenmilieu auf etwas undurchsichtige Weise in die bayerische Hauptstadt. Hineingestolpert in das aufgeheizte Schwabinger Milieu, ist unverbindlicher Sex nicht anders als in Hamburg leicht zu haben. Er findet schnellen Kontakt zu einer Barfrau, einem Model und einer reichen Tochter.

          Aber hinter der Fassade regieren asketische Lebenskonzepte und permanenter Selbstbehauptungskampf, die Henning, zunehmend zu den tieferen Bedürfnissen seiner weiblichen Umgebung vordringend, mit entwaffnender Unbefangenheit aushebelt. Von einem ziemlich ungereimten Plot vorangetragen und von wachsendem Größenwahn beflügelt, findet der zwischen Naivität und Coolness pendelnde Held schließlich zu seiner eigentlichen Mission, darin bestehend, den promisken, aber im Ernstfall liebesflüchtigen und frustrierten Münchner Mädels mit einer Freundschaftsagentur auf die Sprünge zu helfen. Aus dem sympathischen Verlierer wird ein selbstbewusster Casanova, der mit sprühendem Charme jede Begegnung zum Ereignis macht.

          Travestie des Gangsterfilms: Sheila Malek und Indira Madison legen die Gartenschere an den gefesselten Brad Pessi

          Vom Reiz des Unbedarften

          Lemke, Vater der Münchner Milieukomödie, ging es in „Schmutziger Süden“ darum, nach all seinen ungezählten Filmen über die bayerische Metropole, seinen auserzählt scheinenden Heimatkiez noch einmal neu auszuleuchten, was ihm besser gelungen ist als je zuvor, wie er bar jeden Selbstzweifels behauptet, was aber angesichts seiner notorischen Großspurigkeit nicht viel heißen muss. Tatsächlich betreibt sein Film eine seltsame Milieuverkehrung. Er legt über das gediegen gewordene Schwabing einen treibenden Rhythmus und eine übersexualisierte Atmosphäre, die eine Lebensgier und subkulturelle Züge hervorholen, die man hier kaum vermutet.

          Lemkes Regieprinzipien der Intensitätssteigerung durch Konventionsbruch und des Authentizitätsgewinns durch Laienhaftigkeit gehen in diesem Fall auf. Der Film schlägt sein Kapital aus dem Reiz der undefinierten Situation und dem Unbedarften, das von den spontanen Dialogen seiner Laiendarsteller ausgeht, die sich mit vielen Brüchen und teilweise hochkomischen Wendungen ihren Weg bahnen müssen. Alle gewöhnlichen sozialen Bezüge sind auf seltsame Weise suspendiert. Die düstere Atmosphäre des Gangsterfilms wird ins Absurde aufgelöst. Lemkes Archäologie des modernen Seelenlebens legt sich auf diese Weise einen eigenen Erzählkosmos zurecht, der in keinem Moment einen zwingenden, aber einen aufgeräumten und gelösten Eindruck hinterlässt.

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